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Peter Murray-Rust

Der Wissenschaftsöffner

Wissenschaftliche Daten und Publikationen sind für alle da, sagt Peter Murray-Rust, Aktivist der Open-Access-Bewegung. Seiner Ansicht nach tritt die Forschung soeben in eine Phase der Öffnung und Demokratisierung. Die Wissenschaftsverlage finden an Murray-Rusts Plänen wenig Gefallen.

Open Science 05.06.2014

"Man hört, Sie hatten einen Konflikt mit dem Verlag Elsevier." - "Ach, ich habe mit vielen Leuten Konflikte!" Peter Murray-Rust ist ein älterer Herr mit Bart und freundlichem Auftreten. Wenn er die Freiheit der Forschung bedroht sieht, findet der Brite aber mitunter deutliche Worte. Ein Dorn im Auge ist ihm etwa die Praxis der großen Wissenschaftsverlage.

"Pro Jahr werden etwa eine Million Fachartikel publiziert", sagt der Chemiker von der Cambridge University. "Das ist ein einträgliches Geschäft: Der Umsatz beträgt 15 Milliarden Dollar pro Jahr, die Gewinne liegen bei etwa 40 Prozent, weil die meiste Arbeit ohnehin von den Wissenschaftlern gemacht wird - unentgeltlich. Sie machen die Forschung, schreiben die Artikel und überprüfen deren Inhalt. Der Markt wird von sechs großen Wissenschaftsverlagen kontrolliert, und ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Kontrolle aufrecht zu halten."

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Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 4.6.2014, 13:55 Uhr.

Vorreiter Großbritannien

Angesichts der unüberschaubaren Zahl veröffentlichter Daten und Artikel sei moderne Wissenschaft nur mit Werkzeugen des Data-Mining möglich, sagt Murray-Rust. Er hat bereits einige Programme für die Auswertung von Publikationen entwickelt. Allerdings geschah deren Einsatz rechtlich bislang auf unsicherem Terrain. Denn die Verlage dürften für derlei Auswertungen erneut Gebühren verlangen - und das, obwohl die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten bereits von der Öffentlichkeit bezahlt wurde.

Das gehe nicht an, sagt Murray-Rust. In Großbritannien war er mit seinem Ansinnen bereits erfolgreich. Im Vereinten Königreich ist soeben ein Gesetz in Kraft getreten, das derlei Doppelgebühren verhindert. In anderen Ländern - wie etwa Österreich - werde man auf entsprechende Regeln wohl noch Jahre warten müssen, so der britische Aktivist, der diese Woche einen Vortrag im Wiener Haus der Forschung hielt.

"Jeder kann mitmachen"

Open Access, Open Data, Open Science - das sind die Schlagwörter, die sich die Fürsprecher der offenen Wissenschaft auf die Fahnen geheftet haben. "Offen" heißt in diesem Fall auch: Beteiligung von Bürgerwissenschaftlern. "Im 20 Jahrhundert wurde die Wissenschaft noch von Wissenschaftlern an Universitäten gemacht", sagt Murray Rust. "Das 21. Jahrhundert hat in dieser Hinsicht einen großen Wandel gebracht. Jeder kann nun an der Forschung teilnehmen. Meine Botschaft ist: Die Wissenschaft gehört nicht nur den Akademikern, sie gehört allen."

Hinter der Programmatik stehen freilich konkrete Projekte. Als die Bilder des "Sloan Digital Sky Survey", eine groß angelegte Himmelsdurchmusterung, von der Oxford University online gestellt wurden, war die Resonanz aus der Bevölkerung groß. Sage und schreibe 500.000 Freiwillige nahmen an der Auswertung teil und bewältigten innerhalb eines Jahres ein Arbeitsvolumen, für das ein Dissertant geschätzte 50 Jahre benötigt hätte.

"Galaxy Zoo" heißt dieses Citizen-Science-Projekt, mit dessen Hilfe neuartige kosmische Objekte entdeckt wurden. Etwa ein grüner Gasnebel im Sternbild Löwe, der manche Laienforscher an ein Monster aus dem Film "Ghostbusters" erinnerte und ihm daher den Spitznamen "Slimer" einbrachte - auch das ist Citizen Science.

Während die Auswertung astronomischer Bilder relativ schnell erlernt werden kann, sind für manch andere offene Projekte freilich eingehende Kenntnisse notwendig. Das ist zum Beispiel beim "Polymath Project" der Fall, das seinen Ausgang im Weblog des britischen Mathematikers Tim Gowers nahm.

Im Jahr 2009 postete dieser ein mathematisches Problem (es ging um eine Lösung des sogenannten Hales-Jewett-Theorems) und rief seine Leser dazu auf, sich mit Lösungsvorschlägen zu beteiligen. Sieben Wochen später verkündete Gowers, das Problem sei gelöst worden. "Das ist das Schöne am Internet", sagt Murray Rust. "Es bringt Menschen mit ähnlichen Interessen zusammen."

Rohdaten unter Verschluss

Frei und offen sollte nach Murray-Rusts Plänen auch der Datenzugang sein. Seine eigene Forschungsdisziplin, die Kristallographie, war in dieser Hinsicht eher Nachzügler denn Pionier. 80 Prozent aller kristallographischen Daten wurden in der Vergangenheit nicht publiziert. Noch schlimmer ist es in der computerbasierten Chemie. Murray-Rust schätzt, dass hier fast 100 Prozent der Rohdaten unter Verschluss bleiben, weil in den Journalen nur Zusammenfassungen der Experimente bzw. Berechnungen veröffentlicht werden. Die Rohdaten brauche man aber, sonst sei eine kritische Überprüfung unmöglich.

"Napster" für die Wissenschaft

Um die Jahrtausendwende hatte der britische Chemiker eine Idee. Das war die Zeit, als die ersten Filesharing-Plattformen wie Napster einen Boom erlebten und bewiesen, dass sich das Internet als gigantische Verteilungsplattform nutzen lässt. "Ich dachte mir, wenn man das mit Musik machen kann, dann auch mit wissenschaftlichen Daten."

So gründete er 2002 die "World Wide Molecular Matrix", ein digitales Repositorium für chemische Daten. "Ich muss zugeben, technisch waren wir damals noch nicht so weit, um das vernünftig umzusetzen. Heute ist das alles kein Problem mehr. Softwareplattformen wie GitHub, Bitbucket und Stack Overflow erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Sie werden in Zukunft auch für die Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen, da bin ich überzeugt."

Die Vision von Murray-Rust ist eine transparente Wissenschaft für die Bürger und von den Bürgern - sein Bild ähnelt ein wenig jenem, das Paul Feyerabend schon vor 40 Jahren entworfen hat: "Erkenntnis für freie Menschen" lautete die Forderung des österreichischen Philosophen, eingelöst wurde sie nur bedingt. Denn gar so frei und selbstlos ist die Praxis im System Wissenschaft nicht.

Der Konkurrenzkampf ist hart, schließlich ist Wissenschaft nicht nur Berufung, sondern auch Beruf: Und wenn es um Geld und Karriere geht, regiert statt der Tugend mitunter auch der Ellbogen. Könnte die Öffnung der Archive nicht auch Trittbrettfahrer fördern? Forscher, die von den Beiträgen der anderen profitieren, aber ihre eigenen Daten zurückhalten, weil sie sich dadurch einen Vorteil erhoffen?

"In manchen Disziplinen wird es zu Spannungen kommen, da gebe ich Ihnen recht. Ich glaube jedoch, dass sich ein moralischer Imperativ durchsetzen wird", sagt Murray-Rust. "Der Egoismus ist menschlich. Aber es ist ebenso menschlich, sich als Teil eines großen Ganzen zu fühlen."

Robert Czepel, science.ORF.at

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