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Schimpanse mit aufgerissenem Maul hält ein Paket in der Hand

Schimpansen sind Superstrategen

1:0 im Duell Schimpanse gegen Mensch: Bei manchen Strategiespielen sind uns die Menschenaffen klar überlegen, wie eine Studie zeigt. Möglicherweise liegt das an ihrem exzellenten Kurzzeitgedächtnis.

Tierische Intelligenz 08.06.2014

Der Nachteil an fix montierten Radaranlagen im Straßenverkehr ist: Ihre disziplinierende Wirkung hat kurze Reichweite, sofern die Autofahrer wissen, wo das Radar steht. Daher muss die Polizei auch auf den Überraschungseffekt setzen und das Tempolimit mit mobilen Anlagen kontrollieren. Woraufhin die Autofahrer wiederum mit Lichthupe reagieren, um einander zu warnen. Reaktion der Polizei: Sie messen die Geschwindigkeit von hinten, nicht von vorne, und geben die Daten von Temposündern an Kollegen weiter.

Mathematiker haben diese Situation in Formeln übersetzt, "Inspektionsspiel" heißt das taktische Duell zwischen Kontrolleur und Kontrolliertem, bei der jede Strategie früher oder später mit einer Gegenstrategie beantwortet wird.

Mensch vs. Mensch, Affe vs. Affe

In einer abgespeckten Version kann man das Duell auch am Computer spielen. Der US-Ökonom Colin Camerer hat ein solches Inspektionsspiel nun mit japanischen Studenten durchgeführt - und vergleichsweise auch mit Schimpansen vom Kyoto Primate Research Institute.

Die Studie

"Chimpanzee choice rates in competitive games match equilibrium game theory predictions", Scientific Reports (5.6.2014; doi: 10.1038/srep05182).

Zwei Schimpansen sitzen im Labor vor einem Bildschirm

Chris Martin

Zwei Schimpansen spielen das Inspektionsspiel

Dabei mussten die (tierischen wie menschlichen) Probanden mit dem Finger auf eines von zwei Kästchen auf einem Bildschirm tippen, freilich ohne zu wissen, was der Gegenspieler tat. Der "Kontrolleur" gewann, wenn sich beide für die gleiche Seite entschieden (zwei Mal links bzw. rechts), der "Kontrollierte" gewann im anderen Fall (links/rechts). Die menschlichen Probanden erhielten für Siege kleine Geldbeträge, die Schimpansen wurden von Camerer und seinen Mitarbeitern mit Äpfeln belohnt.

Was offenbar motivierend wirkte: Denn, wie die Forscher im Fachblatt "Scientific Reports" schreiben, spielten die Schimpansen bei ihren Duellen auf höherem Niveau. Sie absolvierten das Inspektionsspiel nicht nur schneller, sie verstanden es auch besser sich auf die wechselnden Strategien ihrer Artgenossen einzustellen, sofern die Auszahlung verändert wurde. Laut Camerer waren die Affen nicht weit von jener optimalen Spielweise entfernt, die Mathematiker als Nash-Gleichgewicht bezeichnen. Die Menschen hingegen hielten zum rechnerischen Optimum immer einen etwas größeren Abstand.

Eine Niederlage für Homo sapiens? Offenbar, denn Camerer und seine Kollegen wiederholten das Experiment mit zwölf Männern aus Guinea, diesmal mit deutlich höherem Einsatz. Der Gewinn für ein gewonnenes Duell mit 200 Wiederholungen betrug einen vollen Tageslohn. Für Motivation war also gesorgt, am Ergebnis änderte das allerdings nichts. Die Probanden aus Westafrika schnitten auch nicht besser ab als die Studenten aus Japan.

Affen mit starker Gedächtnisleistung

Warum die Schimpansen dem Menschen in dieser Hinsicht überlegen sind, ist unklar. Camerer verweist auf zwei Erklärungsansätze: Schimpansen dürfte mehr Hirnschmalz für automatisierte Abläufe zur Verfügung stehen, dafür müssen sie im Gegenzug bei Abstraktion und Sprache Abstriche machen. Und zweitens sind sie von Jugend an stärker auf Konkurrenz geeicht als wir.

Wobei das eine mit dem anderen zusammenhängt, sagt Camerer: "Junge Schimpansen trainieren ihre Fähigkeiten permanent im Wettbewerb, sie spielen Verstecken und raufen. Menschen wenden sich hingegen im Laufe der Zeit der Kooperation zu, und dafür nutzen sie ihre Spezialbegabung, die Sprache."

Möglicherweise ist die Erklärung auch viel einfacher. Schimpansen besitzen nämlich ein exzellentes Kurzzeitgedächtnis, was beim Inspektionsspiel durchaus von Vorteil ist. Um das zu belegen, hat Camerer seiner Studie auch zwei Videos des Kyoto Primate Research Center zur Seite gestellt (Schimpanse vs. Mensch). Fazit: erschütternd. Man spreche nie wieder von blöden Affen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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