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Proteste gegen WM in Brasilien vor Stadion

"Herrenhaus und Sklavenhütte" rücken näher

Deutlich weniger Armut, mehr sozialer Aufstieg und eine bessere medizinische Versorgung: Die Bilanz Brasiliens im vergangenen Jahrzehnt kann sich eigentlich sehen lassen. Dennoch gibt es seit dem Vorjahr eine Protestbewegung, die sich gegen sinnlose Stadionneubauten, Mängel im öffentlichen Verkehr und immer höhere Mietpreise richtet.

Fussball-WM 11.06.2014

Die sozialen Proteste sind trotz - oder wegen - des Ausbaus der Wohlfahrtsstaatlichkeit verständlich, sagt Andreas Novy, Entwicklungsforscher an der Wirtschaftsuniversität Wien, in einem Interview.

science.ORF.at: Sie haben Brasilien oft besucht, zuletzt waren Sie als Gastprofessor an der Universität in Recife. Wie haben Sie die Proteste erlebt?

WU Wien

Andreas Novy ist stellvertretender Vorstand am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien.

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Sendungshinweise:

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 11.6., 13:55 Uhr.

Über die sozialen Auswirkungen der Fußball-WM in Brasilien berichtet ebenfalls das heutige Weltjournal, ORF2, 11.6., 23:05 Uhr.

Andreas Novy: In Recife gibt es wie anderswo gerade unter Studierenden das Argument: "Für Stadien und andere Dinge, die die WM betreffen, ist Geld da, in anderen Bereichen fehlt es." Bei meinem letzten Aufenthalt im April war ich besonders beeindruckt von den Konsequenzen des sozialen Fortschritts. Brasilien hat sich im vergangenen Jahrzehnt massiv verändert, der Lebensstandard eines breiten Teils der Gesellschaft hat sich sichtbar verbessert.

Das hat aber auch einen hohen ökologischen Preis und wirkt sich auf die Lebensqualität aus. Wer früher mit dem Rad gefahren ist, fährt jetzt mit dem Motorrad oder Auto. Die Städte sind so unwirtlicher geworden, die Staus immer lästiger. Dazu kommt die Entwicklung im Immobilienbereich, wo die Preise viel stärker gestiegen sind als die Inflationsrate. In Sao Paulo stiegen sie in den letzten drei Jahren um 154 Prozent, in Rio um 181 Prozent - das drückt sich in höheren Mieten aus, und das nährt die Proteste.

Das liegt aber nicht hauptsächlich an der Fußball-WM?

Nein, die WM hat nicht den Ausschlag gegeben, sie verstärkte aber ein weltweites Phänomen. Die Finanzkrise 2007 hing wesentlich mit ihm zusammen: Immobilienkapital und Finanzkapital sind stark verwoben. In dem Moment, wo das Finanzkapital nur wenig beschränkt wurde und zugleich die Möglichkeiten für andere sinnvolle Investitionen erschöpft sind, wird es attraktiv, in Immobilien zu investieren. Das ist in Wien genauso wie in Rio. Da es sehr reiche Menschen gibt, die sehr hohe Preise für Immobilien zahlen, steigen die Preise.

Zu diesem weltweiten Phänomen kommt etwas spezifisch Brasilianisches: Die sozialdemokratische Regierung hat es in den vergangenen zwölf Jahren in großartiger Weise geschafft, ohne große sozialen Verwerfungen das Land grundlegend zu verändern, was etwa Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt betrifft. Sie hat dazu aber Allianzen mit den dominanten Gruppen geschlossen: etwa mit der Agrarlobby und den Baufirmen, den Hauptsponsoren aller politischer Parteien. Die WM und der allgemeine Boom boten ihnen die Möglichkeit, relativ ungehindert zu bauen. Sie hielten sich kaum an Flächenwidmungen und konnten mit Großbauprojekten massive Extragewinne einfahren.

Wäre das auch ohne diese Allianzen gegangen, sprich: Hatte die Regierung realpolitisch überhaupt Alternativen?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Vor zwölf Jahren war es unvorstellbar, dass sich Brasilien überhaupt so entwickeln könnte - und es ist dennoch passiert. Das ist ein Indiz dafür, dass die Strategie sinnvoll und erfolgreich war. Diese "nachholende Wohlfahrtsstaatlichkeit" oder "Zivilisierung des Kapitalismus" ist für viele Menschen sehr positiv: Extreme Armut und Hunger ist fast gänzlich verschwunden. Ob der Reformkurs auch ohne Bündnis mit der Agrarlobby und den Baufirmen gelungen wäre, ist fraglich. Denn wir wissen, dass die Herrschaftsstrukturen über viele Jahre gewachsen sind. Die Kluft zwischen "Herrenhaus und Sklavenhütte", wie man in Brasilien sagt, also zwischen der kleinen Oberschicht und den Nachfahren der Sklaven und Sklavinnen, ist sehr groß und lässt sich nur sehr langsam schließen.

Was man der Regierung vielleicht vorwerfen kann, ist, dass sie zu viele Kompromisse gemacht hat. Ein bisschen skurril ist es, wenn dieser Vorwurf von Gruppen kommt, denen das, was passiert ist, schon viel zu weit geht. Das klassische Beispiel dafür ist die Zahl der Fluggäste: Sie hat sich von 36 Millionen im Jahr 2002 auf 112 Millionen im Vorjahr erhöht. D.h., es fliegt heute auch die untere Mittelschicht, die früher mit dem Bus gefahren ist. Flughäfen sind nicht mehr so exklusiv wie früher, was von manchen bedauert wird. Auch Putzfrauen können sich heute das eine oder andere leisten, und auch das wird von manchen in Brasilien als Anmaßung wahrgenommen.

Stimmt es also, dass die Mittelschicht gegen die aufstrebende Unterschicht protestiert?

Für die Hälfte der Demonstrierenden von 2013 trifft das zu - wobei diese Hälfte neun Zehntel der Aufmerksamkeit der Medien bekommen hat, die die Proteste sehr tendenziös ausgelegt haben. Die andere Hälfte hat gesagt: "Das Glas ist halb voll, wir hätten aber gerne 'ganz voll'". Und: "Selbst wenn ich der erste in meiner Familie bin, der ein Hochschuldiplom hat: Was nützt es mir, wenn ich damit trotzdem keinen Job bekomme, mit dem ich ein wirklich gutes Leben führen kann?" Diese Hälfte wollte und will also mehr Wohlfahrtsstaat, höhere Löhne etc. Und sie dominiert in den letzten Wochen auch die Demonstrationen.

Mein Eindruck war, dass die Weltöffentlichkeit vor einem Jahr überrascht war, dass in Brasilien überhaupt jemand gegen Fußball auf die Straße geht. Hand aufs Herz: Hätten Sie damit gerechnet?

Nein. Ich war auch sehr überrascht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die Einschätzung des "halb vollen Glases" so weit verbreitet ist. Das hat auch mit der Presse zu tun. Denn schon vor dem Juni 2013 haben sowohl brasilianische als auch internationale Medien systematisch damit begonnen, ein sehr einseitiges Bild des Landes zu vermitteln. Das betrifft alle BRICS-Staaten, in Brasilien berührt es mich aber besonders negativ, weil es der demokratischste und sozial gerechteste dieser Staaten ist.

Es wurde so getan, als wäre die Regierung des Landes für alle Missstände der Vergangenheit verantwortlich. Die gleiche Presse hatte überhaupt kein Interesse daran, über das Justizsystem des Landes zu berichten, das systematisch die Ermordung von Landarbeitern nicht verfolgt oder zu Landfragen sehr einseitig urteilt. Die Presse war auch an den Polizeivergehen in den Favelas nie besonders interessiert. All das hat viel zum Bild von Brasilien in der Welt beigetragen. Und in einer globalisierten Welt, wirkt dieses Außenbild auch auf das Innenbild, das sich über Social Media und ähnlichem noch zusätzlich verstärkt.

Das klingt so, als ob die brasilianische Regierung derzeit kaum etwas richtig machen könnte …

Sie ist in keiner einfachen Situation, das stimmt. Es bleibt aber in jeder Hinsicht ein Leiden auf deutlich höherem Niveau. Präsident Lula ist nach acht Jahren mit Popularitätsraten abgetreten wie kein anderer demokratisch gewählter Präsident. Auch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff hat trotz der Proteste in den Umfragen immer noch einen deutlichen Vorsprung vor ihren Herausforderern.

Aber in der Tat steht die Regierung vor einer schwierigen Entscheidung: nämlich entweder diese Konsenspolitik weiterzuführen, d.h. sich weiter mit leicht korrupten Parteien, den Baufirmen, der Agrarlobby u.a. zu verbünden und damit Mehrheiten im Parlament zu haben. Oder den einen oder anderen Strukturbruch zu wagen und zu hoffen, dass die Bevölkerung ihn ausreichend unterstützen wird. Diese Entscheidung ist offen.

Brasilien ist auch Erfinder sogenannter "partizipativer Budgets", bei denen Bürger und Bürgerinnen sich direkt an der Frage beteiligen können, wie öffentliche Gelder ausgegeben werden. Welche Rolle spielt diese Tradition bei den aktuellen Protesten?

Das partizipative Budget, das vor über 20 Jahren in Porto Alegre "erfunden" wurde, hat in vielen Städten zu Prioritätenumkehr geführt: mehr kleinere Investitionen und weniger Großprojekte. Es ist aber nie zu einer umfangreichen Demokratisierung der Städteplanung gekommen. Selbst in Porto Alegre sind Großbauprojekte direkt mit Großinvestoren verhandelt worden, etwa Shopping Center. In den letzten Jahren laufen die partizipativen Budgets auf Sparflamme, nicht zuletzt weil die Arbeiterpartei in Porto Allegre nicht mehr regiert.

In Porto Allegre gibt es im Übrigen weniger Proteste gegen einen Stadionbau als in anderen Städten, weil hier ein bestehendes nur renoviert wurde. Der Verein Gremio, der das Stadion nutzt, kann es auch nach der WM füllen. Wirklich problematisch sind Stadien wie in Brasilia oder Manaus, die sich nicht rentieren, weil es dort keine solchen Vereine gibt. Oder das Stadion in Recife, das 20, 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist und einem riesigen privaten Immobilienprojekt dient.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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