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Musiknoten

Musik hilft Wachkomapatienten

Etwa 800 Wachkomapatienten gibt es in Österreich. Musiktherapie könnte diesen Menschen helfen, besser mit ihrem körperlichen und seelischen Trauma zu leben. Eine kleine Pilotstudie dokumentiert erstmals die Wirkung. Sie konnte nachweisen, dass die Gehirnaktivität mit Hilfe von Musik um ein Drittel ansteigt.

Hirnforschung 11.06.2014

"Die Musikwirkungsforschung hat bisher immer mit gesunden Probanden gearbeitet", sagt Günther Tucek, Kultur- und Sozialanthropologe sowie Leiter des Studiengangs "Musiktherapie"an der IMC Fachhochschule Krems. Die aktuelle Studie arbeite nun erstmals mit Menschen, die einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben. Auf Grund der individuellen Verletzungen war es laut Tucek anfangs fraglich, ob man zu verallgemeinerbaren Ergebnissen komme.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch "Wissen aktuell", 11.06.2014, 13:55.

Fünf Wochen Harfe live

Über einen Zeitraum von fünf Wochen hinweg wurden zwei Wachkomapatienten einfache Melodien auf Harfe und Gitarre vorgespielt. Die Therapeuten musizierten dabei direkt am Bett des Patienten und versuchten beispielsweise den Atemrhythmus des Patienten musikalisch wiederzugeben. Im Vergleich zu zwei anderen Patienten die nur mit Ergo- und Physiotherapie behandelt wurden, stieg ihre Gehirnaktivität stärker an - und zwar um 34 Prozent. "Damit konnten wir zum ersten Mal wissenschaftlich darstellen, dass Musiktherapie bei Wachkomapatienten Auswirkungen auf das Gehirn hat", erklärt Forschungsleiter Gerhard Tucek.

Die Reaktion der Patienten wurde mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) gemessen. Die Testpersonen bekamen einen Tracer, ein leicht radioaktives Material, verabreicht und wurden anschließend mit Musik therapiert. Nach der Therapie zeigte der Tracer im Gehirnscanner an, wo höhere Hirnaktivitäten sind. Dabei konnte nicht nur eine Aktivierung der klangverarbeitenden Regionen festgestellt werden, sondern des gesamten Gehirns.

Wie Musik wirkt

Musik wirkt demnach einerseits wie ein Medikament, indem sie über das limbische System, das unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist, in tiefere Hirnbereiche eindringt. Bestimmte Musikfolgen können über diesen Weg den Blutdruck senken, den Herzschlag verlangsamen oder die Atmung vertiefen. Musik wirke andererseits jedoch auch sehr individuell im Assoziationsbereich und rufe bestimmte Gefühle hervor.

Bei der Musiktherapie sei es deshalb wichtig, auf die musikalische Biografie des Patienten einzugehen. Menschen verbinden bestimmte Erfahrungen mit bestimmten Klängen. Diese Verbindungen spielen in der Musiktherapie eine große Rolle. Sind keine Informationen über die musikalischen Vorlieben eines Patienten bekannt, wird ganz genau auf seine körperlichen Reaktionen geachtet. Ob ein Patient sich verspannt oder zu schwitzen anfängt, wie seine Atmung und seine Gesichtszüge sind, gibt Aufschluss darüber, ob gewisse Musikfolgen einen Patienten entspannen oder stressen.

Der Musiktherapeut reagiert dann unmittelbar auf diese Körperreaktionen des Patienten, indem er die Musik daran anpasst. "Wir müssen verstehen, dass wir nicht kranke Gehirne behandeln, sondern Individuen", so Gerhard Tucek, der den Studiengang Musiktherapie an der FH Krems leitet.

Musiktherapie in der Rehabilitation

Gerade in Zeiten ansteigenden Spardrucks werde der Fokus in der Rehabilitation verstärkt auf Funktionalität, das heißt auf die Rückgewinnung der Sprech- und Handlungsfähigkeit, gelegt, kritisiert Gerhard Tucek. Wachkomapatienten seien empfindende Wesen, auch wenn es oftmals so wirke, als würden sie nicht auf ihre Umgebung reagieren.

Die Patienten seien in einem anderen Bewusstseinszustand, zu dem wir normalerweise keinen Zugang finden. Musiktherapie könne hier ein Bindeglied sein und dazu beitragen, dass es den Patienten besser geht. Denn sie arbeite nicht nur an der Rückgewinnung von Sprech- und Handlungsfähigkeit, sondern behandle auch die seelischen und emotionalen Verletzungen der Patienten.

"Trotz der sehr geringen Fallzahl bestätigen die ersten Zwischenergebnisse unseren Ansatz stark", sagt Forschungsleiter Gerhard Tucek. Die Studie werde daher mit mehr Patienten fortgeführt. Die bisherigen Ergebnisse werden derzeit beim 14. Weltkongress für Musiktherapie in Krems diskutiert. Rund 1.000 Fachleute setzen sich dort mit der Zukunft der Musiktherapie auseinander.

Juliane Nagiller, Ö1 Lehrredaktion

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