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Protestierende Studenten

Mit Demokratie mal eben kurz die Welt retten

Wieso bereichern sich Menschen auf Kosten der Allgemeinheit? Weil sie dürfen, sagt der österreichische Biomathematiker Martin Nowak. Mit Hilfe einer ausgeklügelten Simulation zeigt er, wie schon eine Handvoll gieriger Menschen ausreicht, um jedes System binnen kürzester Zeit kollabieren zu lassen. Das Gegenmittel: Demokratie. Und Regeln, die für alle gelten.

Verhaltensökonomie 27.06.2014

Die Umweltbeamten staunten 1982 nicht schlecht: Bei Analysen hatte sie soeben exorbitant hohe Werte an giftigen chlorierten Kohlenwasserstoffen in mehreren Grundwasserproben gefunden. Damit hatten sie prinzipiell gerechnet, schließlich hatte es kurz zuvor einen Unfall auf dem Werksgelände einer Chemiefirma gegeben. Aber weder die weite Verteilung noch die Menge passten so recht zum vermuteten Urheber.

Erste mehrere Monate später stellte sich heraus, wer tatsächlich schuld daran war, dass offenbar über Jahre gefährliche Chemikalien in den karstigen Boden der Mitterndorfer Senke bei Wiener Neustadt liefen, einem der größten Trinkwasserreservoirs Europas und dem größten in Österreich. Auf einer Deponie nahe der Stadt hatte ein Unternehmer über Jahre hinweg Industrie-Abfälle entsorgt - ohne ausreichende Schutzmaßnahmen. Seit mehr als zehn Jahren sickerten die teils hochgiftigen Stoffe durch das Erdreich ins Grundwasser.

Die Affäre um die so genannte Fischer-Deponie weitete sich schnell zum Skandal aus: Denn der Verursacher war längst nicht mehr greifbar. Am Ende musste die aufwändige Sanierung der Giftmüllhalde vom Staat durchgeführt werden. Und auch bezahlt. Kostenpunkt: mehr als 140 Millionen Euro. Es war der größte Umweltskandal der Zweiten Republik.

"Marktwirtschaft ist nie nachhaltig"

Ein Einzelfall? Kaum. Die Geschichte ist voll von ähnlichen Beispielen: Fehlverhalten einiger weniger, das von allen anderen gemeinsam mit ausgebadet werden muss. Das fängt beim Hypo-Alpe-Adria-Desaster an, für das die österreichischen Steuerzahler einstehen werden, und geht bis hin zur globalen Erwärmung, unter der noch mehrere auf uns folgende Generationen leiden werden.

Die Studie:

"Cooperating with the future" von Oliver Hauser und Kollegen ist am 25.6. in "Nature" erschienen.

"Eine völlig freie Marktwirtschaft kann nie nachhaltig sein", sagt der Biomathematiker Martin Nowak, "weil sie uns dazu ermutigt, Egoisten zu sein." Der Österreicher ist seit 2003 Professor an der Harvard Universität und untersucht in experimentellen Spielen, wie sich Menschen in Situationen verhalten, in denen sie kooperieren können oder sollen.

Zuletzt, für eine im Fachmagazin "Nature" erschienenen Studie, in einer Art Zukunftsspiel: Wie verhält sich eine Gruppe von Menschen, wenn sich jedes Mitglied entweder aus einem gemeinschaftlichen Geldtopf bedienen darf oder etwas für andere Gruppen übrig lassen kann? "Das Überraschende an dem Ergebnis war", erklärt Nowak, "dass in 95 Prozent der Fälle die Geldpools schon in der ersten Runde leer geräumt wurden."

Wenn Menschen sich bedienen können, tun sie es

Wenn Menschen also die Möglichkeit haben, sich am Eigentum aller zu bedienen, dann tun sie es. Egal, ob die Forscher das Spiel mit recht wohlhabenden Harvard-Studenten durchführten, mit Normalbürgern oder mit Probanden, die sie weltweit übers Internet auftrieben, das Ergebnis blieb immer dasselbe. "Das ist ziemlich deprimierend", sagt Nowak.

Wobei sich bei den Spielen auch eine zweite, überraschende Erkenntnis einstellte: In jeder einzelnen Testgruppe waren die Egoisten in der Minderheit. Die große Mehrheit war durchaus bereit, zumindest einen Teil für andere übrig zu lassen.

Menschen sind im Grunde uneigennützig

"Daraus kann man viel lernen", sagt der Sozialpsychologe Stephan Dickert von der Wirtschaftsuniversität Wien, der an der Studie nicht beteiligt war. "Es bedeutet nämlich, dass eine prosoziale Veranlagung durchaus vorhanden ist. Den Menschen ist die Zukunft nicht egal. Aber es braucht ein wenig Hilfe, um Kooperation anzuschieben."

Dickert erforscht seit Jahren, wann sich Menschen sozial verhalten, wann sie etwa für Hilfsorganisationen zu spenden bereit sind, und wann sie ihre Hilfe verweigern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Menschen sind bereit, auf etwas zu verzichten, wenn anderen geholfen wird. Allerdings nur dann, wenn sie nicht ausgenutzt werden.

Das erklärt auch das Verhalten in dem Harvard-Experiment, meint Dickert: "Viele Menschen sind so genannte conditional cooperators: Sie verhalten sich nur dann sozial, wenn auch alle anderen mitmachen, damit sie nicht am Ende draufzahlen."

Kooperation braucht gemeinsame Regeln

In dem Experiment hatten schon ein oder zwei Gruppenmitglieder ausgereicht, um das System kollabieren zu lassen. Als die Forscher das Experiment so abwandelten, dass die Gruppe gemeinsam Verantwortung übernehmen musste, veränderten sich auch die Ergebnisse schlagartig.

Wenn sich alle Gruppenmitglieder gemeinsam darauf einigen mussten, wie viel Geld sie dem Topf entnahmen, hatten die Egoisten unter ihnen keine Chance. "Sobald es Regeln gibt, die einen Anreiz für Kooperation schaffen, funktioniert es plötzlich", sagt Nowak.

Wie könnte also die Welt gerettet werden, etwa vor der Zerstörung der Umwelt oder vor den brutalsten Auswüchsen des Kapitalismus? "Wir haben gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen sich ohnehin uneigennützig verhält", meint Nowak, "aber es braucht gemeinsame Regeln, die für alle bindend sind, sodass auch die Trittbrettfahrer mitmachen müssen."

Jens Lang, ZiB-Wissenschaft

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