Standort: science.ORF.at / Meldung: "Pilgerstätte aus 17. Jahrhundert rekonstruiert"

Steintreppe aus dem freigelegten Fundament der Klause

Pilgerstätte aus 17. Jahrhundert rekonstruiert

Auf den Spuren des heiligen Wolfgang in Salzburg und Oberösterreich sind nicht nur Pilger, sondern auch Forscher. Bereits vor zwei Jahren haben sie eine Pilgerraststätte ausgegraben, die von Einsiedlern im 17. Jahrhundert betrieben wurde. Nun präsentierten sie eine virtuelle Rekonstruktion.

Archäologie 03.07.2014

Nach St. Gilgen an den Wolfgangsee soll sich im 10. Jahrhundert der heilige Wolfgang als Eremit zurückgezogen haben. Der Legende nach hat er dort mit einem Stab die "heilige Quelle" für einen dürstenden Mitbruder aus dem Felsen geschlagen.

Zu ihrer Überraschung fanden Archäologen bei den Ausgrabungen in St. Gilgen zwei Kellerräume. In einen davon mündete Wasser aus einer hölzernen Leitung, das wohl aus einer ursprünglichen Quelle am Falkenstein stammt.

"Das Wasserrohr, das wir wieder geöffnet haben, weist bis heute eine Verbindung an die Oberfläche auf", erklärt Wolfgang Neubauer, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Visuelle Archäologie (LBI), gegenüber science.ORF.at.

Die beteiligten LBI-Institute:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 3.7., 13:55 Uhr.

Digitale Rekonstruktion der Klause

LBI ArchPro

Digitale Rekonstruktion der Klause

Bodenradar und Laserscans

Bereits 2009 hatten die LBI-Forscher mittels Radarsystemen die im Boden verborgenen Fundamente einer Klause ausfindig gemacht. Das Quellenstudium zeitgenössischer lateinischer Texte führte in Kombination mit den Radardaten und dem durch Laserscans gewonnenen digitalen Geländemodell zu der aktuellen Rekonstruktion der Klause und ihrer Umgebung.

Bereits 2012 haben die Forscher die Fundamente gemeinsam mit Kollegen der Universität Wien und des Heimatmuseums St. Gilgen ausgegraben und mehr oder weniger alles bestätigt, was sie in den virtuellen Datenmodellen gesehen hatten.

Grundriss der Klause

LBI ArchPro

Grundriss der Klause

Eine Klause ist eine Einsiedelei. Im 17. Jahrhundert wurde sie am Falkenstein als einfache Holzhütte gebaut, um die Pilger zu betreuen. "Es haben jeweils zwei Brüder dort gelebt und die Klause gebaut, um von der Kirche aus eine bessere Kontrolle über das Wallfahrtsgeschehen zu haben. Es handelte sich ab dem 14. Jahrhundert um den Weg zur viertgrößten Wallfahrtsstätte Europas", sagt Neubauer.

Die Einsiedler hätten die Quelle direkt unter ihr Haus geleitet, sodass der Zugriff darauf nur mehr für die Kirche möglich war. Und Scherbenfunde beweisen, dass die Wallfahrer das "heilige Wasser" gerne in "Wolfgangiflascherln" mitnahmen.

Zahlreiche Gegenstände ausgegraben

Neben den ausgegrabenen Fundamenten fanden Forscher zahlreiche Güter, die den Einsiedlern gehörten und die ihnen wahrscheinlich zum größten Teil gespendet worden sind, wie hochwertige Glasgefäße und Geschirrsätze.

Glasfunde in St. Gilgen

LBI ArchPro

Glasfunde in St. Gilgen

Die einfache Lebensweise der Einsiedler, die man bisher angenommen hat, hat sich dadurch deutlich relativiert. Im Winter seien die Einsiedler zum Teil im Ort St. Gilgen untergekommen und hätten nur in der Hochsaison, wenn wirklich ein Geschäft war, oben die Pilger unterstützt, sagt Neubauer.

"Auch aus dem Leben der Pilger haben wir kleine Tabakpfeifen gefunden, Maultrommeln und Knochenflöten. Eine Taschensonnenuhr hat noch eine Gravierung mit dem Namen des Besitzers getragen und wurde oben versteckt, um sie vor den Erben dieses Pilgers zu schützen", vermutet er.

Quecksilber gegen Syphilis

Eine Erkenntnis zur gesundheitlichen Situation im Spätmittelalter fand sich in einer Latrine außerhalb der Klause. "An der Grubensole dieser Toilettenanlage haben wir eine Menge Quecksilber gefunden. Das ist insofern interessant, als wir im späten Mittelalter in ganz Europa eine extreme Ausbreitung der Syphilis beobachten können und Quecksilber für die Medikation von Syphilis oral eingenommen wurde", weiß Neubauer. Bereits in der Antike sei Quecksilber wegen seiner besonderen Form und seiner silbernen Farbe als Allheilmittel angesehen worden.

Das Forschungsprojekt am Falkenstein ist noch nicht abgeschlossen. Die per Radar untersuchte Fläche sei größer als die bisherigen Ausgrabungen. Deshalb soll weiter gegraben werden, denn weitere Fundamente einfacher Gebäude könnten als Unterkünfte für Pilger gedient haben. Zudem soll die originale Klause nachgebaut werden. "Wir wollen die 'heilige Quelle' wieder freilegen", sagt Neubauer. Am Falkenstein solle es wieder aussehen wie vor 300 Jahren.

Lucia Reinsperger, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: