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Die Installation "Einen Augenblick Zeit" von Kurt Hofstetter am Wiener Südbahnhof.

Das Revival der Wiener Logik

Nach ihrer Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Logik in Wien maximal ein Schattendasein gefristet. Dabei wuchs ihre Bedeutung im Computerzeitalter beständig. Erst allmählich konnte sie in Wien wieder Fuß fassen. Anstoß für ihr Revival lieferte überraschenderweise auch die Kunst, wie Zeitzeugen erzählen.

Wissenschaftsgeschichte 09.07.2014

"Goldenes Zeitalter"

Derzeit findet in Wien die größte Konferenz in der Geschichte der Logik statt. Damit schließt die Bundeshauptstadt an eine Tradition an, die lange Zeit mehr oder weniger brach lag. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kamen nämlich viele der wichtigsten Ideen auf diesem Gebiet aus Wien, die unter anderem von Kurt Gödel, Ludwig Wittgenstein, Karl Popper oder Rudolf Carnap entwickelt wurden. Der Austrofaschismus und der Nationalsozialismus bescherten dieser Blütezeit ein jähes Ende.

Das "Goldene Zeitalter" der Wiener Logik endete letztlich mit der Ermordung von Moritz Schlick im Jahr 1936. Er war die zentrale Figur des "Wiener Kreises", in dem sich Philosophen und Wissenschaftstheoretiker trafen, die eine rationale wissenschaftlich-logische Weltauffassung vertraten. Der logische Positivismus wollte weg von der Metaphysik zu einer Weltsicht, die auf empirisch Verifizierbarem basiert. Philosophie und Mathematik sollten gewissermaßen zusammengeführt werden. Aufbauend auf diesen Ideen entwickelte etwa Karl Popper im Londoner Exil seinen kritischen Rationalismus.

"Vienna Summer of Logic"

Zwischen 9. und 24. Juli finden in Wien gleich eine Reihe von Konferenzen zum Thema Logik statt. 2.500 Forscher werden beim "Vienna Summer of Logic" erwartet - bisher die größte Veranstaltung in diesem Fachgebiet weltweit.

Mehr dazu in Logik-"Woodstock" im Juli in Wien

Ö1 Sendungshinweise:

Dem "Revival der Logik" widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 9.7., 13:55 Uhr; die Dimensionen am 22.7., 19:05 Uhr, lauten "Gödel googelt. Wie logisch ist die digitale Welt?".

Logikbegeisterte Künstler

Mit der Entwicklung der Computertechnologie wurde die Logik in den folgenden Jahrzehnten zu einer zentralen Methode. In Wien war die Logik-Forschung lange Zeit fast ganz verschwunden. Erst nach und nach wurde sie wiederbelebt. Am Beginn des Aufschwungs stand die Gründung des Instituts für Logistik an der Universität Wien 1966 und sein Gründungsvorstand Curt Christian. Der etwas seltsame Begriff wurde von Christian vermutlich als Überbegriff für mathematische und philosophische Logik gewählt. 1990 emeritierte Christian, das Institut leitete er allerdings bis zur Bestellung seines Nachfolger Sy Friedman im Jahr 1999, mittlerweile heißt es Kurt Gödel Forschungszentrum für Mathematische Logik.

Um Christian hat sich eine Gruppe von Studenten gebildet, die sich laut Georg Gottlob, heute Professor an der University of Oxford, für Christians manchmal etwas kryptische Vorlesungen sowie die Formallogik interessierte. In der Folge bildeten sich die Beteiligten auch selbst weiter.

Dazu zählten etwa Künstler wie Peter Weibel und Werner DePauli-Schimanovich, Mathematiker und Künstler, aber auch Studierende aus naturwissenschaftlichen Zweigen, wie Alexander Leitsch, heute Leiter der Arbeitsgruppe Theoretische Informatik und Logik an der TU Wien, Matthias Baaz, ebenfalls an der TU Wien und auch Georg Gottlob. "Wir haben damals ernsthaft begonnen, uns mit Logik zu beschäftigen und tun das mehr oder weniger bis heute", so Gottlob gegenüber science.ORF.at.

Der Künstler Hofstetter Kurt  (r.) und Peter Weibel mit der Installation „Einen Augenblick Zeit“ 2009 am Wiener Südbahnhof

APA - Roland Schlager

Der Künstler Hofstetter Kurt (r.) und Peter Weibel mit der Installation „Einen Augenblick Zeit“ 2009 am Wiener Südbahnhof

Einen wichtigen Anstoß lieferten dabei laut Gottlob die Aktivitäten der künstlerisch orientierten Kollegen. Weibel hat sich beispielsweise intensiv mit Automatentheorie befasst, ein Gebiet, das aus der Rekursionstheorie hervorging. Auch seine Kunst habe sich wiederholt logischen Themen gewidmet, z.B. der logischen Selbstreferenz: "Bei einer Aktion sieht man ihn etwa mit einem Fernseher, der ihn selbst zeigt, ähnliche Dinge kennt man von Valie Export", so Gottlob. Beide waren in gewisser Weise sehr wissenschafts- und logikorientierte Künstler.

Informatik zeigt Interesse

Trotz des aufkeimenden Interesses sollte es noch dauern, bis sich die Logik wieder auf breiterer Basis in Wien etablierte. Vorerst gab es auch noch keine entsprechenden Stellen, wie Gottlob erzählt. Er selbst ging sechs Jahre nach Italien, bis er von der TU Wien berufen wurde. Sein Kollege Leitsch arbeitete im Innenministerium und hat dort für die Polizei programmiert, und Schimanovich war am Institut für Statistik.

Erst als die Informatik, die zuvor sehr skeptisch gewesen war, die Möglichkeiten der Logik erkannt hat - etwa für die Darstellung von Daten oder bei der Datenbanksuche - wurden neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Das war allerdings erst in den späten 1980er Jahren. Zunächst, im Jahr 1986, wurde Leitsch berufen, im Jahr darauf folgte Gottlob. Von da an wurde der Boden für Logiker-Nachwuchs an der TU Wien bereitet.

Studentische Initiative

Ein Umstand, der auch angehenden Studenten entgegen kam. "Es gab das erste Mal mehr als einen, bei dem man einschlägige Vorlesungen besuchen konnte", wie Richard Zach, heute Professor an der University of Calgary, gegenüber science.ORF.at erklärt. Der gebürtige Wiener war einer von vier Studenten, die sich Ende der 1980er Jahre entschlossen haben, ein logikorientiertes Studium Irregulare zu beginnen. Helmuth Veith, heute ebenfalls Professor an der TU Wien, zählte auch dazu. Die Genehmigung eines selbst zusammengestellten Studienplans war damals noch recht aufwändig und lief über das Bundesministerium. Der Titel der Kombination lautete "Computational Logic", heute gibt es dafür ein eigenes Masterstudium. "Wir wollten eine spezielle theoretische Ausbildung, wie sie damals noch nicht angeboten wurde", so Zach.

Künstlerische Einflüsse spielten auch für die Jungstudenten und ihr zunehmendes Interesse an Logik eine entscheidende Rolle. Schon als Gymnasiast im 10. Wiener Gemeindebezirk wurde Zach das erste Mal auf Logik aufmerksam. Ruth Schnell und Gudrun Bielz, zwei Assistentinnen des Medienkünstlers Peter Weibel an der Universität für Angewandte Kunst (wo Schnell heute selbst Professorin ist), waren für einen Vortrag zu Gast. "Sie haben dabei unter anderem den Gödel-Film präsentiert, den Weibel gerade mit DePauli-Schimanovich produziert hatte", erinnert sich Zach. Danach habe er noch das damals so erfolgreiche Buch "Gödel, Escher, Bach" von Douglas R. Hofstadter gelesen. "Deswegen haben sich Helmuth Veith und ich dann auch im Studium mehr für solche Sachen interessiert."

Einige Studierende folgten in den Jahren danach ihrem Vorbild und reichten denselben Bewilligungsantrag ein. Laut Zach hängt der Originalantrag noch immer im Freihaus der TU Wien, obwohl man ihn heute nicht mehr braucht. Nach Abschluss des Studiums ging Zach an die University of California, Berkeley, wo er in einem ähnlich interdisziplinären Fachbereich promovierte.

Rückkehr an die Spitze

So erlangte die Beschäftigung mit Logik in Wien nach und nach wieder mehr Bedeutung. Das war aber kein Spaziergang, wie Gottlob betont: "Die Wiederetablierung der Logik war ein Kampf, der sich fast über zwei Jahrzehnte zog."

Künstlerische Einflüsse blieben Gottlob zufolge weiterhin wichtig. Peter Weibel, der heute in Deutschland lehrt, habe einen würdigen Nachfolger in Hofstetter Kurt gefunden. Bekannt wurde dieser unter anderem durch die permanente Computerkunstinstallation "Einen Augenblick Zeit" am alten Wiener Südbahnhof. Seine Kunst ist extrem mathematisch geprägt.

Solche Personen - an der Grenze zwischen Mathematik und Kunst - sind vermutlich mitverantwortlich, dass Wien heute wieder zu einer echten Hochburg der Logik geworden ist. Das beschränkt sich laut Gottlob nicht nur auf die Unis, auch in der Industrie finden die Ideen zahlreiche Anwendungen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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