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Hand mit Laborhandschuh und Petrischale mit Pliz- oder Bakterienkulturen

Millionen Organismen wohnen in Tiroler Höhle

Forscher haben sogenannte Mondmilch in der Tiroler Hundalm Eishöhle entdeckt. Jeder Tropfen beherbergt Millionen Kleinstlebewesen, die an einem der nährstoffärmsten Flecken der Erde wachsen und gedeihen.

Biologie 11.07.2014

Mondmilch ist eine weiße, zähe Flüssigkeit, die Felsen in so mancher Höhle weltweit bedeckt. Im Mittelalter glaubte man, sie entsteht, wenn Mondlicht kondensiert, und verwendete sie als Heilmittel. Tiroler Forscher fanden nun heraus, dass ein Tropfen Mondmilch Millionen Mikroben enthält, von denen viele aus dem Reich der Archaea stammen.

Eishöhle auch für Touristen

Die Geologen und Biologen der Universität Innsbruck waren in tief liegende Teile der Hundalm Eis- und Tropfsteinhöhle bei Wörgl in Tirol hinabgestiegen und hatten dort Mondmilch entdeckt, von der sie Proben für Laboruntersuchungen mitnahmen. "Die Höhle ist vor allem bekannt, weil sie im oberen Bereich dauernd Eis enthält und die einzige Eishöhle westlich von Salzburg ist, die bei Führungen für Touristen zugänglich ist", sagte Christoph Spötl vom Institut für Geologie der Uni Innsbruck und Präsident des Verbands Österreichischer Höhlenforscher.

Mondmilch ist eine weißliche, zähflüssige und wasserhaltige Paste von Kalzitablagerung in Höhlen. Der Name stammt vermutlich von dem Aberglauben, dass sie aus Mondlicht entstanden sei. Sie wird auch oft als "Montmilch", "Bergmilch" oder "Nix" bezeichnet. Baskische Forscher hatten vor einigen Jahren sogar einen 300 Meter langen "Mondmilch-Fluss" in einer spanischen Höhle entdeckt.

Touristen in der Hundalm Eis- und Tropfsteinhöhle in Tirol

© Hannes Dabernig

Die Hundalm Eis- und Tropfsteinhöhle bei Wörgl in Tirol ist für Touristen zugänglich.

Nicht nur Bakterien und Pilze

Als die Tiroler Forscher die Mondmilch der Hundalm Höhle im Labor untersuchten, fanden sie heraus, dass sie eine komplexe Lebensgemeinschaft aus Mikroorganismen beherbergt. "Es war für uns überraschend, dass in der Mondmilch neben Bakterien und Pilzen auch bis zu eine Million Archaea pro Milliliter vorhanden sind", so Paul Illmer vom Institut für Mikrobiologie der Uni Innsbruck. Bei verschiedenen Proben habe ihre Zusammensetzung im Gegensatz zu den Bakterien kaum variiert, darum seien die urtümlichen Einzeller vielleicht eine Art "Schlüsselspieler" in diesem mikrobiellen Ökosystem, meint er.

Archaea sind bisher als Bewohner von Tiefseeschloten, Geysirquellen und anderen extremen Lebensräumen bekannt, doch man komme immer mehr darauf, dass sie etwa auch in "normalen" Gewässern und Böden ähnlich häufig wie Bakterien vorkommen. Ursprünglich zählte man sie zu den Bakterien, doch seit einiger Zeit genießen sie den Status einer eigenen "Domäne" im Reich der Lebewesen.

Archaea als Anfang der Nahrungskette

In der Mondmilch sind sie vielleicht sogar die Primärproduzenten, die alle anderen Mikroorganismen mit Energie versorgen, so wie im Tageslicht die Pflanzen, erklärte Illmer. Für ihn ist es die spannendste Frage, wovon sich "das ganze biologische System Mondmilch" ernährt. Denn es gibt wohl auf der Erde kaum einen so nährstoffarmen Flecken, als eine Höhlenwand inmitten eines Berges. Doch einerseits habe man Archaea gefunden, die Methan durch Oxidation von Wasserstoff herstellen können und daher als Anfang der Nahrungskette infrage kommen. Andererseits gelangt wohl auch verwertbares Material aus der "Oberwelt" in die Höhle. "Wir haben bei unseren Analysen einige organische Säuren gefunden, die vielleicht über lange Zeit durch diverse Gesteinsschichten in diese Höhle kamen", sagte er.

Die Archaea leben wahrscheinlich nicht zufällig in der Mondmilch, sondern sind im Gegensatz zu dem Himmelskörper sogar mutmaßlich an ihrer Entstehung beteiligt, meinte Illmers Mitarbeiter Christoph Reitschuler. Vermutlich tragen sie durch ihre Stoffwechselaktivitäten zum Beispiel dazu bei, dass sich Kalzit aus Tropfwasser und anderen Lösungen herauslöst, erklärte er.

Mondmilch aus dem Labor

"Um solche Fragen zu klären, ist es nun notwendig, die Archaea aus der Mondmilch im Labor zu kultivieren, damit man ihren Stoffwechsel untersuchen kann", sagte Reitschuler. Was bei diesen Organismen aber zeitaufwendig und alles andere als leicht ist. Denn erstens wachsen sie extrem langsam, und zweitens haben gerade diese scheinbar so anspruchslosen Mikroben ganz besondere Ansprüche an die Wachstumsbedingungen. Doch um herauszufinden, was diese Archaea in der ungewöhnlichen ökologischen Nische an den Höhlenwänden so erfolgreich macht, lohne sich der Aufwand, meint der Mikrobiologe.

science.ORF.at/APA

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