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Zeichnung von zwei Händen und Beinen

Vierbeinigkeit ist kein "Rückschritt"

Eine BBC-Dokumentation machte sie 2006 berühmt: "die Familie, die auf allen Vieren geht". Manche Forscher sprachen damals von einem Beispiel für Rückwärts-Evolution. Eine neue Studie verwirft diese These. Die Gangart sei vielmehr eine Anpassung an die Unfähigkeit, aufrecht zu gehen.

Evolution 18.07.2014

Zurück zu den Wurzeln?

In einen abgelegenen Winkel der Türkei leben fünf Geschwister, die sich auf Händen und Beinen - also auf allen Vieren - fortbewegen. 2005 wurden sie entdeckt. Berühmt wurde die kuriose Gangart durch eine BBC-Dokumentation im Jahr darauf. Seit damals suchen Forscher nach einer Erklärung für das Uner Tan Syndrom, wie das Phänomen nach seinem Entdecker von der türkischen Cukurova Universität benannt wurde. Laut Üner Tan selbst ist die Vierbeinigkeit ein Beispiel für rückwärts gerichtete Evolution bzw. "Devolution". Er versprach sich daher neue Einsichten zum Übergang von der Vierbeinigkeit unserer Vorfahren zum aufrechten Gang.

Die Studie in "PLOS ONE":

"Human Quadrupeds, Primate Quadrupedalism, and Uner Tan Syndrome" von Liza J. Shapiro et al., erschienen am 16. Juli 2014.

Video: Betroffener auf allen Vieren:

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Auch britische Forscher um den Evolutionspsychologen Nicolas Humphrey von der London School of Economics äußerten ähnliche Vermutungen, wenngleich sie Tans Theorie zur Evolutions-Umkehr nicht zustimmten: Demnach folgt die ungewöhnliche Fortbewegungsart einem Urinstinkt, der im menschlichen Erbgut festgeschrieben, aber im Lauf der Evolution in den Hintergrund getreten ist. Andere Forscher identifizierten damals sogar einen dazugehörigen Gendefekt, warnten aber ebenfalls zur Vorsicht: Ein einziger Gen-Defekt könne nicht 20 Millionen Jahre Evolution rückgängig machen.

Generell ist das Konzept der reversen Evolution umstritten, jede Entwicklung könnte auch im Zuge der "normalen" Evolution stattfinden. Hinzu kommt, dass die geistig zurückgebliebenen Mitglieder der Familie die Hände anders benutzen als unsere menschlichen Vorfahren. Sie stützen sich auf ihre Handballen und strecken die Finger nach vorne. Unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, verwenden hingegen die Handrücken.

Biomechanische Ursachen

Aber auch andere Eigenschaften des Gangs widersprechen der These von der Devolution, wie eine aktuelle Untersuchung des Phänomens ergeben hat. Dafür haben die Forscher um Liza Shapiro von der University of Texas in Austin Videos des vierbeinigen Gangs analysiert und diese mit Aufnahmen von gesunden Erwachsenen verglichen, die gebeten wurden, auf allen Vieren zu gehen.

Die vierbeinige Familie genauso wie 98 Prozent der gesunden Probanden bewegten sich auf ähnliche Weise, nämlich einseitig. D.h., auf den rechten Fuß folgt die rechte Hand, auf den linken die linke. Unsere nächsten tierischen Verwandten, aber auch andere Tiere wie etwa Pferde bewegen sich jedoch in der Regel diagonal vorwärts.

"Der vierbeinige Gang der Betroffenen sieht aus wie der von 'normalen' Erwachsenen und ist daher nicht unerwartet", erklärt Shapiro in einer Aussendung. Das spreche dafür, dass eher biomechanische Prinzipien hinter der Art des Ganges stehen als evolutionäre Wurzeln. Die Familie auf allen Vieren hat sich so gesehen einfach an ihre Unfähigkeit, aufrecht zu gehen - vermutlich die Folge ihrer eingeschränkten geistigen Entwicklung - angepasst.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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