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Ein Hund lauscht mit aufgestelltem rechten Ohr

Kastration kann die Gesundheit gefährden

Um Hunde vor Erkrankungen zu schützen und sozial kompatibel zu machen, lassen viele Besitzer ihre "besten Freunde" kastrieren. Das könnte den Tieren aber laut Studie mehr schaden als nützen, denn viele entwickeln Gelenkserkrankungen bzw. Krebs.

Hunde 21.07.2014

Vom erhöhten Krankheitsrisiko berichtete Benjamin L. Hart von der veterinärmedizinischen Universität von Kalifornien in Davis bei einer Konferenz in Wien.

Die Studie:

Neutering Dogs: Effects on Joint Disorders and Cancers in Golden Retrievers

Veranstaltungshinweis:

Die Weltkonferenz zur Mensch-Tier-Beziehung findet vom 19. Juli bis zum 22. Juli 2014 an der Universität Wien statt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell" am 28. Juli 2014 um 13.55 Uhr.

Krebs und Gelenkerkrankungen

In seiner Studie hat Hart einen Datensatz von 759 Golden-Retriever-Hunden untersucht und kam zu erstaunlichen Ergebnissen. "Das Risiko für bestimmte Krebs- und Gelenkerkrankungen hat sich bei kastrierten Hunden verstärkt."

Frühkastrierte Rüden litten beispielsweise doppelt so oft unter Hüftgelenkdysplasie, eine Fehlentwicklung des Hüftgelenks, wie intakte, sprich nicht kastrierte Rüden.

Eine kraniale Kreuzbandzerrung trat bei intakten Tieren nicht auf, bei frühkastrierten Hündinnen jedoch zu acht und bei frühkastrierten Rüden zu fünf Prozent. Letztere entwickelten zudem dreimal häufiger Lymphknotenkrebs.

Auch Spätkastration hat Folgen

Auch die Spätkastration, also nach dem ersten Lebensjahr und damit auch nach der Geschlechtsreife, war für die Hunde folgenschwer, insbesondere für die Weibchen: Bei sechs Prozent von ihnen wurde Mastzellenkrebs diagnostiziert. Intakte Tiere waren hingegen nicht betroffen.

Zudem trat bei diesen Hündinnen HSA, ein bestimmter Blutgefäßkrebs, viermal häufiger auf. Ergebnisse, die sich übrigens auch bei einer Studiemit Labrador-Retrievern Großteils bestätigt haben.

Ursache noch unklar

Doch hier stellt sich die Frage, was genau ruft diese Erkrankungen hervor? Der Verhaltensforscher mit medizinischem Hintergrund: "Geschlechtshormone wirken sich auf die Entwicklung aus. Wenn diese Hormone entfernt werden, verknöchern die Wachstumsplatten, die für den richtigen Knochenbau sorgen, nicht richtig. Dadurch werden Gelenkerkrankungen gefördert."

Die Erklärungen für die verschiedenen Krebsformen seien noch spekulativ: Beispielsweise könnte das weibliche Geschlechtshormon Östrogen vor bestimmten Krebserkrankungen schützen. Nach einer Kastration fällt dieses aber weg und damit könnte das Risiko für Krebs verstärkt werden.

Kastration gut überdenken

Frühkastration ist vor allem in den USA weit verbreitet. Hier vor allem um die Tierpopulation zu kontrollieren und Fehlverhalten zu vermeiden. Doch dieser Trend hat auch Europa bereits erreicht, so Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie an der Universität Wien. In Österreich gilt es als unethisch Hunde prophylaktisch zu kastrieren. Laut dem österreichischen Tierschutzgesetz braucht es dafür einen medizinischen Grund.

Dieser sei aber oft schnell gefunden, meint Kurt Kortschal: "Es kursieren immer noch Argumente, dass durch die Kastration das Brustkrebsrisiko sinken würde. Hier fehlen aber aussagekräftige Studien." Der Griff zum Skalpell solle gut überlegt sein, so die Experten. Denn die Entscheidung und damit auch die Verantwortung liege bei dem Besitzer, die Folgen trage aber ganz allein der Hund.

Réka Tercza, Ö1 Wissenschaft

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Forum

 
  • Statt Kreuzbandzerrung...

    soontobevet, vor 734 Tagen, 10 Stunden, 8 Minuten

    ...gehört da das Wort "Kranialer Kreuzbandriss". (Auch wenn es auf den richtigen Wikipedia-Artikel verlinkt ist).

  • "....und Fehlverhalten zu vermeiden".

    evro, vor 734 Tagen, 11 Stunden, 50 Minuten

    Sacklzementeininuamoi.
    Kastrieren ist verdammtnochmal KEINE Erziehungsmaßnahme sondern ein medizinischer Eingriff.

  • Wenn man sich die Daten ansieht,

    thomast, vor 734 Tagen, 15 Stunden, 20 Minuten

    kommt man zu folgenden Schlüssen:

    Männliche Golden Retriver die nicht kastriert sind haben ein deutlich höheres Risiko für HD, HSA und LSA als Spätkastrierte.

    Männliche Golden Retriver die nicht kastriert sind haben ein deutlich höheres Risiko für MCT als frühkastrierte.

    Weibliche Golden Retriver die nicht kastriert sind haben ein deutlich höheres Risiko für HD und LSA als Spätkastrierte.

    Es gibt - steht so in der Grafik - sowohl bei log-rank als auch Wilcoxon bei den Kaplan-Meier post hoc Vergelichen keinen statistsich signifikanten Unterschied zwischen unkastriert und spätkastriert.

    Da wären mal die Rohdaten interessant, insbesondere warum man Tiere ausgeschlossen hat, bei denen die Erkrankung vor Vollendung des ersten Lebensjahres diagnostiziert wurde, auch die Frage, warum man ältere Tiere ausschloss ist nicht schlüssig.

    Die Schlussfolgerungen sind dafür nicht nachvollziehbar, dass ein höheres Körpergewicht der kastrierten Tiere *nicht* HD fördern soll, mit dem Argument, die nicht HD Patienten hätten auch Übergewicht, ist grundweg Unfug.

    Es scheint so, als wäre das eine subjektiv motivierte Arbeit mit dem Ziel, Kastration - insbesondere Frühkastration - zu verunglimpfen, wie man das von Kreationisten so kennt.

    Allenfalls zu überdenken ist, dass Frühkastrationen insbesondere bei Hochzuchten populär sind, aber das ist ja nicht Thema gewesen.