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Anblick von Masdar City, Gebäude mit Bäumen im Vordergrund

"Smart City kann man nicht verordnen"

Unter dem Schlagwort "Smart City" werden vor allem technische und ökonomische Innovationen für die Stadt der Zukunft diskutiert. Warum es genauso wichtig ist, die Bedürfnisse und Einstellungen der Menschen in diesen Konzepten zu berücksichtigen, erklärt die Soziologin Nadine Haufe in einem Interview.

Technologiegespräche Alpbach 28.07.2014

Carsharing statt Privatbesitz, öffentlicher Verkehr in den man sich mittels Smartphone eincheckt, intelligente Stromzähler für eine nachhaltige Energienutzung in den Haushalten, freies Internet überall; Das sind nur ein paar der - vorrangig technisch getriebenen - Ideen, die im Rahmen von "Smart-City"-Konzepten auftauchen. Dabei wird aber eine wesentliche Herausforderung der Urbanisierung häufig vergessen: der Mensch. Nadine Haufe, Dissertantin an der TU Wien, erklärt warum die Bevölkerung stärker in den Aufbau der "Smart City" eingebunden werden muss.

In Wien wird auf Plakaten für die "Smart City" geworben. Wissen die Menschen überhaupt, worum es da geht? Können Sie etwas mit dem Begriff anfangen?

Nadine Haufe: Ob die Menschen wissen, was das an konkreten Veränderungen für ihren Alltag bringen wird, bin ich mir nicht sicher. Dass "Smart City" etwas mit Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klimaveränderung bzw. Wandel im Allgemeinen zu tun hat - dessen sind sich die meisten durchaus bewusst. Bei Kommunikationsmaßnahmen wie etwa der "Smart City Wien"-Initiative stehen dabei vor allem technische Aspekte im Fokus.

Das heißt es geht um "intelligente", technische Lösungen für den nachhaltigen Verkehr in der Stadt oder den Energieverbrauch in den Haushalten. Es wird aber häufig vergessen, dass dies auch jemand umsetzen muss. Und das sind die Bürgerinnen und Bürger.

Nadine Haufe; Soziologin; TU Wien;

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Zur Person:

Nadine Haufe ist Soziologin und hat an der Technischen Universität Braunschweig außerdem Politikwissenschaft und Neuere Geschichte studiert. Derzeit ist sie Dissertantin am Doktoratskolleg Urbanes Energie- und Mobilitätssystem (urbem) der Technischen Universität Wien und der Wiener Stadtwerke. In ihrer Dissertation beschäftigt sich Haufe mit der raumzeitlichen Erklärung sozial selektiver Energienutzung und Mobilitätsverhaltens. Noch bis zum September 2016 wird sie gemeinsam mit neun anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachrichtungen im Rahmen des Doktoratskollegs zu dieser Thematik forschen.

Technologiegespräche Alpbach:

Von 21. bis 23. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Forschung und Innovation: At the crossroads". Davor erscheinen in science.ORF.at Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Nadine Haufe wird am Arbeitskreis "Was kostet die Zukunft der Stadt - Sozioöknomische Aspekte der Smart City" teilnehmen.

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Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell: 28.7., 13:55 Uhr

Warum werden soziale Aspekte nicht so stark berücksichtigt, wie technische oder ökonomische?

Das liegt an der Herkunft des Begriffes. Große Unternehmen haben den Begriff zunächst Ende der 1990er Jahre geprägt, um ihre technologischen Entwicklungen besser zu verkaufen. Dann hat sich der Begriff über die Stadtplanung und die Politik weiter verbreitet. Heute werden Dinge gerne mithilfe der Technik "verbessert": Man hofft, wenn die Technik voranschreitet, wird schon alles gut werden. Aber die technischen Entwicklungen der letzten 200 Jahre zeigen, dass technischer Fortschritt alleine noch lange keine bessere Welt schafft.

Im Zentrum der "Smart City" stehen vor allem Mobilität und Energieverbrauch. Experten schätzen, dass bis zum Jahr 2050 zwei Drittel der Menschen in Städten leben werden. Das bringt doch vor allem soziale Herausforderungen mit sich. Welche sollten da im Rahmen von "Smart City"-Konzepten berücksichtigt werden?

Solche Prognosen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Aber fest steht, dass es den Trend zur Urbanisierung gibt. Immer mehr Menschen ziehen beispielsweise aufgrund von Ausbildungs- oder Arbeitssituationen in die Stadt. Das ist aber kein neuer Trend, deshalb gilt es zunächst einmal die derzeitige Stadtbevölkerung zu betrachten.

In einem weiteren Schritt ist dann zu überprüfen, welche Menschen möglicherweise in die Stadt kommen. Diese Menschen müssen irgendwo wohnen. Und aus einem sozialökonomischen Blickwinkel muss man immer auch beachten, wo es bezahlbaren Wohnraum gibt, wie das Zusammenleben funktioniert und ob es zu Konflikten kommen kann. Wir haben das ja vor ein paar Jahren in Paris gesehen, wo sich Menschen in problembehafteten Stadtteilen nicht mehr mit ihrer Situation zurechtgefunden - und auch nicht mehr abgefunden haben.

Was tragen Sie mit Ihrer Forschung dazu bei, diese sozialen Herausforderungen stärker zu beachten?

Ich beschäftige mich vor allem damit, wie sich Verhaltensmuster im Bereich Mobilität und Energiekonsum heute darstellen. Meine Forschung ist in einem Doktoratskolleg angesiedelt, in dem sich zehn Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Fachrichtungen mit den Strategien für eine intelligente Stadt Wien bis zum Jahr 2050 befassen. Und hier gibt es zu diesem Zeitpunkt generellen Aufholbedarf, wenn es darum geht zu erheben, wie Menschen Energie nutzen.

Es gibt Haushalte, die haben drei Computer und zwei Kühlschränke und das alles in der neuesten technischen Ausführung. Auch wenn das energiesparende Geräte sind, brauchen diese aufgrund der hohen Anzahl der Geräte viel Strom. Dann gibt es jene, die nicht so viel Geld haben und dementsprechend weniger bzw. alte Geräte besitzen. Die sind dann aber kaum energieeffizient und so verbrauchen diese Haushalte aufgrund der Gerätestruktur ebenfalls viel Strom. Es gibt also unterschiedliche Verbrauchertypen die unterschiedlich angesprochen werden müssen.

Was mich interessiert ist, wie sich Menschen differenziert nach sozial-räumlichen Aspekten wie zum Beispiel dem Wohnumfeld verhalten. Um dann zu sehen, wie diese "Smart City"-Technologien auch wirklich für die Menschen sein können. Denn das wird der wichtige Aspekt bei der Umsetzung dieser Konzepte sein: Wie passen diese Technologien in ihre Lebenswelt? Entsprechen sie den Werten und Einstellungen der Menschen? Stimmen sie mit ihren Bedürfnissen, mit ihren Wünschen und vor allem mit ihren finanziellen Möglichkeiten überein? Das müssen wir wissen, um das Konzept im Ganzen zum Erfolg zu bringen.

Wie gehen Sie methodisch vor - gehen Sie in die Haushalte und schauen, was die Menschen an Geräten herum stehen haben?

Wir werden in unterschiedlichen Gegenden in Wien Fragebögen ausgeben. Es werden Wienerinnen und Wiener befragt und davon ausgehend wollen wir dann Aussagen darüber treffen, wie sich Menschen hier und heute in Sachen Energie und Mobilität verhalten

Was wären dann in weiterer Folge gute Strategien, um die Menschen dazu zu bringen, die technischen Konzepte auch umzusetzen?

Es geht darum, dass man die Menschen im Grätzel frühzeitig einbindet, sodass sie sich mit den Maßnahmen identifizieren können. Was nicht funktioniert, ist, das mit dem erhobenen Zeigefinger zu verordnen. Es reicht nicht, technische Konzepte von oben mit dem Label "Smart City" zu versehen und dann zu hoffen, dass das irgendwann bei der Bevölkerung ankommt.

Man muss sich also explizit ansehen, wer wie für welche Maßnahmen zu gewinnen ist. Wer spricht eher auf das Prinzip von "Teilen statt Besitzen" an? Es gibt ja bestimmte Gruppen, die aus diesem Grund schon jetzt auf ein eigenes Auto verzichten. Welche Gruppen sind eher fürs Radfahren zu gewinnen? Wen erreiche ich über finanzielle Argumente, also damit, dass bestimmte Verhaltensweisen günstiger sind? Wieder andere erreicht man über den Gesundheitsaspekt. Deshalb muss man sich auch die einzelnen Gruppen bzw. Typen in Wien genau anschauen.

Welchen Unterschied macht hierbei der sozioökonomische Background?

Wenn wir zu diesem Thema kommen, sind wir leider noch immer in den klassischen Erhebungsstrukturen verhaftet. Also Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Durch den Umstand, dass die Gesellschaft heutzutage viel ausdifferenzierter ist, gäbe es aber viel mehr Möglichkeiten. So können wir beispielsweise "Frauen" heute nicht mehr als eine Einheit erheben. Denn es zeigt sich etwa im Bereich Verkehr, dass heute alleinlebende Frauen und alleinlebende Männer ähnliche Verhaltensweisen haben. Oder auch: Vor 20 Jahren wurde ein 65 jähriger Pensionist als gesetzte Person begriffen. Heute ist das ein vollaktiver Mensch, der noch nicht an eine Gehhilfe denkt.

Heute passiert viel mehr über die eigenen Werte und Grundeinstellungen. Natürlich werden sich manche Entscheidungen immer über das Einkommen definieren, zum Beispiel, welchen Wohnraum ich mir leisten kann oder ob ich ein Auto habe oder nicht. Aber es gibt auch den bewussten Verzicht auf das private Auto - und das hat mit Einstellung und Werten zu tun. Deshalb erscheint es wichtig, das noch stärker zu erforschen, wenn man die Menschen wirklich verstehen und erreichen will.

Wie wird ihre Forschung dann in das Projekt verwoben? Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den anderen Fachrichtungen?

Wir sind zehn Forscherinnen und Forscher und betrachten unterschiedliche Themen wie Visualisierung, Informations- und Kommunikationstechnologie, Strom- sowie Gas- und Fernwärmenetze, Gebäude, Ökonomie, Mobilität und Big Data. Jeder arbeitet in seinem Bereich mit der Zielsetzung, Strategien für die "Smart City" Wien im Jahr 2050 zu schaffen, die abschließend in einem Gesamtmodell zusammengeführt werden sollen. Dabei wird das Doktoratskolleg auch von den Wiener Stadtwerken unterstützt, was den Vorteil hat, dass wir mit echten Daten von echten Kundinnen und Kunden im Bereich Energie und Mobilität arbeiten können.

Ich mache dabei sozusagen die Grundlagenforschung, denn manche der beteiligten Fachrichtungen gehen noch immer davon aus, dass es einen "Durchschnittsbürger" gibt. Ich schaue mir an, welche unterschiedlichen Mobilitäts- bzw. Energiekonsumtypen es hier gibt, wie man diese in die Modelle einfließen lassen kann und natürlich spielt dann auch der partizipative Aspekt eine Rolle.

Wie stellen Sie sich die Einbindung der Menschen vor?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Das kann zum Beispiel eine 3D-Umgebungen sein, wo man sich vernetzt anschauen kann, wann ich wie viel Energie verbrauche oder wann die nächste U-Bahn fährt oder wo das nächste freie City-Bike oder Carsharing-Auto steht. Aber auch wo es freies Internet gibt. Wir sind mit unserem Projekt im ersten Jahr, es läuft noch bis September 2016 und da gibt es noch viel Luft für Träume und Visionen.

Sie sind ja erst kürzlich aus Braunschweig nach Wien gekommen - wie wirkt denn die Stadt auf Sie?

Ich fühle mich sehr wohl. Ich komme allerdings aus einer Stadt mit 230.000 Einwohnern, da ist Wien schon eine andere Liga. Für mich war die erste Erfahrung, dass Wien eine junge und aufregende Stadt mit vielen Menschen ist. Aber die nächste Grünfläche ist nicht immer gleich ums Eck, auch wenn es viele Naherholungsgebiete gibt.

Was mir auch aufgefallen ist: Der gut funktionierende öffentliche Verkehr und die - im Vergleich zu meiner Heimatstadt - geringe Anzahl an Fahrradfahrern. Und natürlich die imposanten Gebäude. Aber da denke ich immer auch gleich weiter: Warum fahren hier relativ wenige Menschen mit dem Fahrrad? Und gerade die schönen Gründerzeithäuser sind problematisch im Hinblick auf Energie. Aber um daran zu arbeiten, bin ich ja unter anderem gekommen.

Interview: Theresa Aigner, science.ORF.at

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