Standort: science.ORF.at / Meldung: "Bildung ändert Geschlechterunterschiede"

Toilettentür mit männlichem und weiblichem Symbol

Bildung ändert Geschlechterunterschiede

Frauen können besser Sprachen lernen, Männer besser rechnen: An diesen Stereotypen rüttelt eine neue Studie, die europaweit das Denkvermögen der Geschlechter verglichen hat. Je höher der Lebensstandard und je gleicher die Erziehung, desto geringer werden die Unterschiede. Ausnahme: Bei Gedächtnisaufgaben ziehen Frauen davon.

Denkvermögen 29.07.2014

"Die Hauptrolle dabei spielt die Bildung. Und zwar nicht nur die von einzelnen Personen, sondern die eines ganzen Landes", sagt Daniela Weber, Studienautorin und Statistikerin am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien.

Die Studie:

"The changing face of cognitive gender differences in Europe" von Daniela Weber und Kolleginnen ist am 28.7. in den "Proceedings" der US-nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 29.7., 13:55 Uhr.

Daten zu 31.000 Über-50-Jährigen

Dass Männer "vom Mars" stammen sollen und Frauen "von der Venus", ist nicht nur eine beliebte Metapher seichter Sachbücher. Auch aus den Kognitions- und Neurowissenschaften kommen immer wieder Beiträge, die auf die biologischen Grundlagen der Geschlechterunterschiede hinweisen - was Kritikerinnen zu Widerspruch animiert.

Handfeste empirische Studien, die über längere Zeiträume den Einfluss von Lebens- und Erziehungsbedingungen untersuchen, sind indes erstaunlich rar. Eines der seltenen Beispiele dafür liefert nun die Untersuchung von Daniela Weber und ihrem Team.

Die Forscherinnen haben Daten der europaweiten Erhebung "Share" ausgewertet. "Share" liefert für die aktuelle Studie Informationen zu Gesundheit, Bildung und sozioökonomischer Umgebung von 31.000 Männern und Frauen, die 50 bis 84 Jahre alt sind und aus 13 europäischen Ländern stammen.

Diese Studiengruppe unterteilten die Forscherinnen in verschiedene Geburtsjahrgänge und drei geografische Regionen, die sie miteinander verglichen. "Nordeuropa" setzt sich etwa aus Schweden und Dänemark zusammen, "Mitteleuropa" u.a. aus Österreich, Deutschland und Frankreich, "Südeuropa" aus Italien, Spanien und Griechenland.

Kurzzeitgedächtnis ist weiblich

Im Mittelpunkt der Studie standen zusätzlich drei Tests zu kognitiven Fähigkeiten: Kurzzeitgedächtnis, Mathematik und Wortschatz bzw. Sprachvermögen.

Beim Kurzzeitgedächtnis wurden zehn Begriffe vorgelesen, die nach einer kurzen Pause wiederholt werden sollten. "Bei diesem Test schneiden Frauen seit langem besser ab als die Männer", erklärt Daniela Weber gegenüber science.ORF.at. "In Mitteleuropa ist das bereits ab dem Geburtsjahrgang 1932 der Fall - also bei allen, die heute über 80 Jahre alt sind."

Je besser der Lebensstandard und je gleicher die Bildungschancen zwischen den Geschlechtern, desto größer wird der Abstand. Das zeigt sich bei Vergleichen mit Nordeuropa, wo beides historisch fortschrittlicher ist, und mit Südeuropa, wo das Gegenteil der Fall ist.

Männer können noch immer besser rechnen

Eine ähnliche Tendenz gibt es auch bei der zweiten Fertigkeit, allerdings mit umgedrehten Vorzeichen. Bei einfachen Rechenaufgaben sind Männer mehr auf Zack als Frauen (z.B. "Wenn ein gebrauchtes Auto mit 6.000 Euro zwei Drittel seines ursprünglichen Werts kostet - wie viel war es ursprünglich wert?").

"Männer rechnen auch bei mehr Wohlstand und gleicher Bildung für alle besser. Der Geschlechterunterschied verringert sich aber deutlich", sagt Daniela Weber.

Überhaupt zum Verschwinden kommt er laut der Statistikerin bei Vermögen Nummer Drei, dem Wortschatz. Dieses wurde durch die Nennung möglichst vieler Tiernamen innerhalb einer Minute erhoben. In Südeuropa mit niedrigerem Bildungsniveau sind die Männer hier noch im Vorteil. "Aber mit der Entwicklung verschwindet der Abstand", sagt Weber.

"In Nordeuropa ist die Leistung generell besser, Männer und Frauen unterscheiden sich dabei aber nicht mehr." Was für die Statistikerin durchaus überraschend ist, denn in der Literatur gebe es zahlreiche Hinweise auf eine weibliche Überlegenheit in Sachen Sprachvermögen.

Nature or nurture?

Auf welcher Seite liegt nun die aktuelle Studie in der alten Debatte um "nature or nurture", "Veranlagung oder Umgebung"? Irgendwo in der Mitte.

Auf der einen Seite zeigt sie ganz deutlich, wie verbesserte Bildungschancen Unterschiede im Denkvermögen zwischen Männern und Frauen verändern. Das spricht also für "Umgebung". Auf der anderen Seite schreiben die Autorinnen: "Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass alle kognitiven Unterschiede durch bessere Lebensbedingungen und Geschlechtergerechtigkeit verschwinden werden." Das spricht für die "Veranlagung".

Prognosen möchte Daniela Weber in jedem Fall keine wagen. Die Aussagen ihrer Studie hält sie zwar für signifikant, einige Aspekte von Ungleichheit seien aber nur schwer zu berücksichtigen. "Etwa ob bestimmtes Spielzeug in der Kindheit das Denkvermögen beeinflusst. Dafür gibt es keine historischen Daten, das wird sich in Zukunft aber ändern!"

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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