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3-D-Geometrie des Nano-Autos

"Wir stolpern in die Zukunft"

Die Nanotechnologie wird als Zukunftstechnologie gepriesen, doch die Öffentlichkeit interessiert sich kaum für sie, sagt der Sozialwissenschaftler Franz Seifert. Er erläutert in einem Interview, was die Nanotechnologie mit "Science Fiction" zu tun hat - und warum wir die Zukunft zu wenig mitbestimmen.

Nanotechnologie 01.08.2014

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit modernen Technologien und ihren sozialen Auswirkungen. Seit wann steht die Nanotechnologie im Fokus der Politik?

Dieses Politikfeld ist im Jahr 2000 in den USA mit der von der Clinton-Administration gestarteten National Nanotechnologie Initiative entstanden, einer milliardenschweren Förderinitiative. Auch in Europa sowie in mehreren asiatischen und lateinamerikanischen Ländern gab es bald darauf ähnliche Programme.

Die Nanotechnologie als notwendige Zukunftstechnologie?

Im technologiepolitischen Diskurs wird sie auf jeden Fall als solche gehandelt; als eine transformative Technologie, die die Gesellschaft, ja den Menschen verändern wird.

Porträtfoto von Franz Seifert

Franz Seifert

Zur Person:

Franz Seifert erforscht als Sozialwissenschaftler unter anderem nationale und transnationale Protestbewegungen - etwa im Rahmen eines jüngst abgeschlossenen FWF-Forschungsprojekts.

Literatur
Seifert, Franz, Alex Plows (2014): "From Anti-Biotech to Nano-Watch: Early Risers and Spin-Off campaigners in Germany, the UK and Internationally, in: NanoEthics 8 (1): 73-89.

Bisherige Gastbeiträge für science.ORF.at:

Inwiefern?

Ein extremes Beispiel großer Erwartungen wäre der Physiker und Autor Eric Drexler mit seinem Buch „Engines of Creation“ (1986). Darin entwirft er eine Vision, nach der Maschinen im Nanometerbereich eine grundlegende zivilisatorische Transformation herbeiführen. Auch transhumanistische Vorstellungen spielen da mit: die Vorstellung, dass der Mensch seine natürlichen Grenzen sprengt, sich völlig wandelt, die Erde verlässt oder sogar seine Sterblichkeit abschüttelt.

Das klingt nach Science-Fiction.

Ist es auch, solche futuristischen Vorstellungen waren in den frühen Jahren mit dem Begriff Nanotechnologie eng verbunden. Die Akteure technologiepolitischer Diskurse haben sich später zwar um eine sachlichere Darstellung bemüht, ganz hat sich dieser "visionäre" Zug aber nicht aufgelöst. Deutlich wurde das wieder Mitte der 2000er Jahre mit der Diskussion um "Konvergente Technologien", also die Verschmelzung von Nano-, Bio-, Neuro- und Mikrotechnologien. In politischen Diskursen spielen mitunter eben auch sehr spekulative Zukunftserwartungen mit.

Gibt es öffentliche Debatten über die Nanotechnologie?

Gegenfrage: Warum sollte es dazu kommen? Man muss beachten, dass diese Frage meist vor dem Hintergrund einer Erwartung gestellt wird, nämlich dass der Nanotechnologie eine ähnliche öffentliche Kontroverse blüht wie der Gentechnik. Diese Erwartung ist ein durchgehendes Motiv im technologiepolitischen Diskurs und erfüllt dabei bestimmte Funktionen.

Und zwar?

Sie rechtfertigt die Suche nach neuen Strategien im Umgang mit der Öffentlichkeit. Neben den üblichen PR-Kampagnen, Meinungsforschung und Wissenschaftsvermittlung sucht man speziell im Politikfeld Nanotechnologie immer wieder durch "dialogische" Verfahren und Veranstaltungen öffentliche Debatten herzustellen. Zu einer breitenwirksamen Auseinandersetzung ist es aber nicht gekommen.

Warum?

Weil die breite Öffentlichkeit kein nennenswertes Interesse an der Materie entwickelt hat. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb die befürchtete Gegenbewegung ausgeblieben ist. Einige kritische Organisationen haben sich dieser Thematik zwar angenommen und die besondere Dialogbereitschaft in diesem Feld genutzt, um so nahe wie möglich an die Entscheidungsprozesse ranzukommen. Eine breitere Mobilisierung haben aber auch sie nicht erreicht. Interessanterweise sind das meist alte Bekannte aus der Gentechnikdebatte

Wer zum Beispiel?

Eine wichtige Vordenkerorganisation ist die ETC Group, eine kleine Expertengruppe, die sich für die Rechte kleiner bäuerlicher Produzenten im Globalen Süden einsetzt. In der Gentechnikdebatte haben sie eine Schlüsselrolle gespielt, indem sie als erste auf die Konzentration von Konzernmacht und die Verdrängung kleiner Produzenten hinwiesen.

Und Greenpeace?

Auch Greenpeace stieg anfangs in die Nanotechnologiedebatte in Großbritannien ein. Da aber die öffentliche Resonanz ausblieb und auch die vielen öffentlichen Dialoge keinen entscheidenden politischen Effekt hatten, zogen sie sich wieder zurück.

Was wäre notwendig, damit eine Gegenbewegung entstehen könnte?

Es gibt zahllose Missstände auf dieser Welt, die alle eine kritische Bewegung "verdienen" würden, Mobilisierungen glücken aber nur sehr selten, wenn sie überhaupt versucht werden. Dafür gibt es viele Gründe. Erlauben die herrschenden Verhältnisse überhaupt Kritik? Oder wird sie schon im Keim erstickt? Gibt es artikulationsfähige Gruppen? Entscheidend für eine Bewegung ist jedenfalls die Zugänglichkeit der breiten Öffentlichkeit.

Bewegungen brauchen die Dramatik eines aktuellen Ereignisses, eine Bedrohung oder Ungerechtigkeit. Ferne Zukunftsszenarien haben so gut wie keinen Einfluss. Es brauchte beispielsweise erst den Reaktorunfall von Fukushima, um Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft zu besiegeln. Die Proteste gegen die Gentechnik in den 1990er Jahren wurden durch die BSE-Krise, die das Vertrauen in Lebensmittelindustrie und Behörden erschütterte, begünstigt. Bei der Nanotechnologie blieben solcher Ereignisse weitgehend aus bzw. mangelte die öffentliche Sensibilität.

Techniken werden also meist ohne größere Auseinandersetzung eingeführt?

Das ist der Regelfall. Technologien werden nach medizinisch-ökologischer Risikoprüfung, in ausgewählten Feldern auch nach ethischen Erörterungen und Technikfolgenabschätzungen zugelassen und dann werden sie zu sozialen Tatsachen. Breite Debatten oder gar Kontroversen sind sehr rar. Technologischer Wandel hat somit viel mehr den Charakter eines gesellschaftlichen Realexperiments als einer demokratischen Entscheidung.

Wäre es nicht dennoch wichtig, über mögliche Folgen von Technologien nachzudenken?
Natürlich. Es ist ja auch nicht so, dass nicht nachgedacht oder politisch beraten würde. Gerade im Politikfeld Nanotechnologie hat man dem öffentlichen Dialog weiten Raum gegeben. Die Frage ist nur, wie sehr diese gewollten Debatten den Anschluss an reale Öffentlichkeiten schaffen und wie durchsetzungsfähig sie gegenüber technologiepolitischen Interessen sind.

Idealerweise sollten Demokratien der Bevölkerung die Möglichkeit geben, auch ihre technologische Zukunft selbst zu entscheiden. Nicht zuletzt weil Öffentlichkeiten ihr Eigenleben führen, sind wir davon aber weit entfernt. Nach wie vor stolpern wir eher in diese Zukunft, als sie zu bestimmen.

Interview: Aaron Salzer, science.ORF.at

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