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Gehirnregionen eines Menschen sind verschiedenfarbig gekennzeichnet.

Vitamin-D-Mangel verdoppelt Alzheimerrisiko

Laut der bisher größten Studie ihrer Art hängt das Risiko, an Demenz zu erkranken, mit dem Gehalt von Vitamin D im Blut zusammen. Über 65-Jährige mit deutlichem Vitamin-D-Mangel erkranken doppelt so häufig an Alzheimer und Co. wie Vergleichsgruppen, berichten britische Forscher.

Medizin 07.08.2014

Dass es einen Zusammenhang gibt, ist schon länger bekannt. "Das Ausmaß hat uns aber überrascht", sagt der Mediziner und Studienautor David Llewellyn von der University of Exeter.

Dass Vitamin-D-Mangel Krankheiten wie Alzheimer verursacht und somit auch als Gegenmittel eingesetzt werden könnte - diesen Schluss will Llewellyn nicht ziehen.

Die Studie:

"Vitamin D and the risk of dementia and Alzheimer disease" von Thomas Littlejohns und Kollegen ist am 6.8. in der Fachzeitschrift "Neurology" erschienen.

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Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 7.8., 13:55 Uhr.

Deutlich höheres Krankheitsrisiko

Für die Studie wurden knapp 1.700 Personen, rund zwei Drittel davon Frauen, über 65 Jahren untersucht. Zu Beginn waren sie alle gehfähig und gesund: Sie litten weder an einer psychischen Krankheit noch hatten sie Schlaganfälle oder Herzinfarkte hinter sich.

Nach den sechs Jahren des Untersuchungszeitraums sah das anders aus: 171 waren an einer Demenzkrankheit erkrankt, alleine 102 von ihnen an Alzheimer. Bei jenen mit Vitamin-D-Mangel war das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, um über 70 Prozent höher als bei jenen mit gutem Vitamin-D-Status. Bei Personen mit schwerem Vitamin-D-Mangel stieg das Risiko sogar um 120 Prozent. Ähnlich war es auch bei anderen Demenzkrankheiten.

Ein Mangel an Vitamin D beginnt laut den Forschern bei 50 Nanomol pro Liter, was einem in Laborbefunden üblicheren Wert von 20 Nanogramm pro Milliliter entspricht, ein schwerer Mangel bei 25 Nanomol pro Liter. "Das sind die international gültigen Grenzwerte", erklärt der Alzheimer-Experte Peter Dal-Bianco von der Meduni Wien gegenüber science.ORF.at.

Mögliche Erklärungen

Llewellyn und seine Kollegen haben einen Zusammenhang festgestellt, aber keine Kausalität. Sprich: Ob der Vitamin-D-Mangel eine Ursache für den Ausbruch der Krankheit ist oder die Auswirkung eines unbekannten Faktors, können sie noch nicht sagen. In jedem Fall "scheint er den Demenzverlauf zu beschleunigen", sagt Peter Dal-Bianco.

Eine mögliche biologische Erklärung laut dem Demenzexperten: "Vitamin-D-aktivierende Enzyme und Vitamin-D-Rezeptoren sind überall im Gehirn vorhanden, eben auch in den Gedächtnisregionen."

Außerdem beeinflusse das Vitamin die Wirkung bestimmter Proteine, die für das Wachstum von Nervenzellen wichtig sind, und von Makrophagen: Dabei handelt es sich um Fresszellen, die jene Ablagerungen im Gehirn beseitigen (Plaques), die eine wichtige Rolle bei Alzheimer spielen.

"Bei Versuchen mit Mäusen hat sich gezeigt, dass plaqueähnliche Gebilde im Gehirn entstehen, wenn die Tiere zu wenig Vitamin D bekommen. Wie das genau funktioniert, ist aber noch nicht bekannt."

Kein Freibrief für Vitamin-D-Pillen

Vitamin D kann der menschliche Körper auf natürlichem Weg aus zwei Quellen beziehen: durch Sonnenlicht oder Lebensmittel. "Zumindest zweimal pro Woche Fische zu essen, etwa Lachs oder Tunfisch, bzw. Milchprodukte und Eier. Dazu mindestens 15 Minuten Sonnenstrahlen pro Tag", empfiehlt Peter Dal-Bianco.

Eine weitere Quelle sind Nahrungsergänzungsmittel, die von der Industrie stark beworben und entsprechend vertrieben werden. Dal-Bianco warnt davor, die entsprechenden Vitaminpillen in größerem Stil einzunehmen.

"Nur bei älteren Patienten, deren Haut weniger Vitamin D umsetzen kann, die Magen-Darm-Krankheiten haben und das Vitamin von ölhaltigen Fischen nicht mehr genug aufnehmen können, sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll."

Weltweit 40 Millionen Alzheimer-Patienten

Zur Vorsicht rät auch Studienautor David Llewellyn: "Wir brauchen nun klinische Forschung, die überprüft, ob etwa ölhaltige Fische oder Vitamin-D-Pillen die Entwicklung von Alzheimer verzögern oder verhindern können", sagt er in einer Aussendung.

Auch wenn seine Studie keine Kausalität festgestellt hat, seien die Resultate "ermutigend. Und selbst wenn nur wenige Menschen von unseren Ergebnissen profitieren sollten, hätte das enorme Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, wenn man an die kostspielige Natur von Demenzkrankheiten denkt."

Weltweit sind laut Schätzungen knapp 40 Millionen Menschen von Alzheimer betroffen. Bis Mitte des Jahrhunderts werden es 115 Millionen sein, prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In Österreich sind 110.000 bis 130.000 Menschen dement.

Laut dem aktuellen Weltalzheimer-Bericht belaufen sich die weltweiten Pflege- und Behandlungskosten für Demenzkranke heute weltweit auf rund 448 Milliarden Euro.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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