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Weltkarte mit eingezeichneten Sprachfamilien

Twitter: Forscher entdecken "Superdialekte"

Spanische Wissenschaftler haben bei der Analyse von 50 Millionen Tweets die Existenz spanischer "Superdialekte" nachgewiesen. Die entdeckten Muster könnten ein Erbe der Kolonialzeit in Mittel- und Südamerika sein.

Sprache 11.08.2014

Wo liegen die Grenzen von Dialekten? Diese Frage ist ungefähr so schwierig zu beantworten wie die Definition von Rassen und Unterarten in der Biologie. Ein bisserl Willkür ist wahrscheinlich meistens dabei.

Beispiel Österreich: Einen Vorarlberger wird man immer von einem Burgenländer unterscheiden können, in Städten könnte man mit gewissem Recht auch von Bezirksdialekten sprechen, und die Verfeinerung ließe sich noch weiter treiben: Nur wo enden? Wenn es so viele Dialekte wie Menschen gibt, hat die Klassifikation ihr Ziel auch nicht erreicht.

Auch das Umgekehrte - die schrittweise Vergrößerung der Kategorien - ist möglich, wie nun spanische Forscher berichten. Bruno Goncalves und David Sanchez haben mehr als 50 Millionen spanische Beiträge des Kurznachrichtendienstes Twitter ausgewertet, und zwar solche, die via Handy abgesandt wurden und daher auch eine geografische Zuordnung zulassen.

Um Sprachstile zu unterscheiden, analysierten die beiden Forscher die räumliche Verteilung von Synonymen: Für das Wort "Auto" stehen im Spanischen etwa die Begriffe auto, automóvil, carro, coche, concho und movi zur Verfügung; und wenn vom "Computer" die Rede ist, schreibt der Spanier gerne computadora, sowie microcomputador, microcomputadora, ordenador und PC.

Interkontinentale Ähnlichkeiten

Kurzum: Möglichkeiten, ein und dasselbe auf verschiedene Weisen auszudrücken, gibt es viele. Und diese Möglichkeiten bilden offenbar räumliche Klumpen. Im Prinzip könne man zwei Superdialekte unterscheiden, schreiben die Forscher: Urbanes und ländliches Spanisch sind einander in USA, Mexiko, Südamerika sowie in Spanien sehr ähnlich, die Großkategorien sind, wie es scheint, relativ unabhängig von Nationengrenzen.

Die beiden Forscher haben mit Hilfe des Computers auch kleinere Cluster aufgespürt, sie liegen in Spanien, der Karibik, Lateinamerika sowie in Südamerika. Dieses Muster könnte, so zumindest die Vermutung der Studienautoren, ein Erbe der Kolonialzeit sein.

Sie schreiben: "Die Eroberer und Siedler besetzten zunächst die Territorien von Mexiko, Peru und der Karibik und errichteten erst später, zur Zeit der Kolonisierung, dauerhafte Residenzen in Südamerika."

Sollte die Eroberungsgeschichte tatsächlich in sozialen Medien ihren Nachhall finden, gäbe es für Linguisten und Netzwerkforscher eine reichhaltige Spielwiese. Im Fall von Mandarin, der am häufigsten gesprochenen Weltsprache, wurde der Zugang zu Twitter von der chinesischen Regierung zwar eingeschränkt bis unterbunden, aber es gäbe eine Alternative: Der Mikroblogging-Dienst "Sina Weibo" wird von gut 30 Prozent aller Chinesen genutzt - das ist in etwa die gleiche Verbreitungsrate, die Twitter in den USA hat.

Robert Czepel, science.ORF.at

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