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Der "iTunes-Moment" der Hochschulbildung

iTunes hat das Musikgeschäft revolutioniert, weil man plötzlich nicht mehr ein ganzes Album erwerben musste, sondern nur den Lieblingssong kaufen konnte. Genau das passiert derzeit in der Bildung, meint Hannes Klöpper: Anstatt einen ganzen Lehrgang online zu machen, wird es immer üblicher, sich einzelne Vorlesungen aus dem globalen Angebot herauszupicken.

Technologiegespräche Alpbach 22.08.2014

Universitäten seien gefordert, ihre Studierenden im Umgang mit diesen neuen Möglichkeiten zu schulen - und Standards zur Anerkennung zu entwickeln, sagt der auf Onlinekurse spezialisierte Unternehmer im science.ORF.at-Interview.

science.ORF.at: Werfen Sie einen Blick voraus: Wie sieht die Universität der Zukunft aus?

Hannes Klöpper

Hans Leitner/ORF

Zur Person:

Hannes Klöpper studierte u.a. Internationale Beziehungen in Dresden und Straßburg sowie Public Affairs an der Columbia University. Er ist Geschäftsführer der iversity GmbH, einem Unternehmen, das sich auf die Bereitstellung von Online-Kursen und Vorlesungen spezialisiert hat. Hannes Klöpper referiert am 22. August 2014 im Rahmen der Technologiegespräche Alpbach zu "Qualitätssicherung und Skalierbarkeit in der Online-Lehre".

Technologiegespräche Alpbach:

Von 21. bis 23. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Forschung und Innovation: At the crossroads".

Bereits vorab hat science.ORF.at einige der bei den Technologiegesprächen anwesenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern interviewt:

Links:

Ö1-Hinweise:

Eine Reihe von Sendungen begleitet das Europäische Forum Alpbach 2014 in Ö1. Die Technologiegespräche stehen im Mittelpunkt von Beiträgen in den Journalen, in Wissen aktuell, in den Dimensionen und bei der Kinderuni.

Hannes Klöpper: In gewisser Weise wird die Universität der Zukunft wahrscheinlich gar nicht soviel anders aussehen als heute - in dem Sinn, dass Menschen zusammenkommen, um miteinander zu sprechen. Was das "Drumherum" angeht, da wird sich allerdings viel tun. Die Aufgaben von Universitäten werden sich stark ausdifferenzieren. Das wird immer wieder unter dem Titel "Disaggregierung der Universität" angesprochen und meint, dass Unis nicht mehr alle Funktionen von Lehre über Prüfungen und Zertifizierung bis hin zu Forschung wahrnehmen, sondern zu spezialisierten Anbietern werden. Zum Beispiel: Die Vorbereitung auf einen Test findet an der einen Institution statt, der Test selbst wird aber von einer anderen abgenommen.

Welche Rolle spielen bei dieser neuen Universität die neuen Medien?

Inbesondere bei der Frage, wie gelehrt wird, stehen uns größere Veränderungen ins Haus. Schon heute kann ich als Studierender auf eine schier unüberschaubare Vielfalt von Inhalten zugreifen. Früher war die Aufgabe der Universität im Wesentlichen, über Bibliothek und Lehre Zugang zu Wissensbeständen zu ermöglichen. Den Zugang hat heute jeder mit einem Computer, deshalb wird die Orientierungsaufgabe an Bedeutung gewinnen. Insofern wird sich der Fokus noch viel stärker in Richtung "Lernen lernen" und "Orientierung geben" verschieben. Was kann ich nicht online abbilden? Diese Frage wird bei der Schärfung der Profile von Hochschulen sehr wichtig werden.

Gibt es Beispiele, wo eine sinnvolle Verbindung von On- und Offline-Welt gelungen ist?

Natürlich kann man da auf die großen US-amerikanischen Universitäten verweisen. Harvard, das MIT, aber auch die Open University in Großbritannien haben durchaus spannende Projekte ins Leben gerufen. Auch in Deutschland gibt es einzelne Hochschulen und Unis, die ihr Angebot überdenken, aber grundsätzlich ist man in Europa zurückhaltender.

Was ist genau das Neue an den Ansätzen?

Bisher hat man unter der Überschrift e-Learning ganze Studien- oder Lehrgänge online angeboten. Das bedeutete, man studierte ein, zwei oder drei Jahre lang online an einer Hochschule. Den großen Unterschied und Vorteil der Entwicklung der letzten zwei Jahre sehe ich darin, dass die Hochschulen dazu übergegangen sind, einzelne Lehrveranstaltungen online anzubieten. Dadurch habe ich die Möglichkeit, mir das für mich Passende herauszupicken und frei zu kombinieren. Man spricht vom "iTunes-Moment" der Hochschulbildung, denn ich muss nicht mehr das ganze Album kaufen, sondern kann eben nur einen Song - bzw. ein Kursangebot - konsumieren. Es geht also nicht darum, die Hochschule zu ersetzen, sondern die Möglichkeit zu ganz spezifischer Weiterbildung zu schaffen.

Also kein einsames Studieren in den Weiten des Internets, sondern ergänzende Angebote?

Ja, genau. Ich kenne niemanden, der allein für sich jahrelang studieren möchte. Studium bedeutet auch Kontakt und Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Aber einen Kurs, der an der eigenen Universität nicht stattfindet oder voll ist, online zu besuchen - das würde wohl vielen gefallen. Gleichzeitig werden die Studierenden lernen müssen, mit der Vielfalt umzugehen. In der Schulung dafür sehe ich auch eine wichtige Aufgabe der Hochschulen. So wie sie früher den Studierenden beibrachten, mit der Vielfalt an Büchern umzugehen, müssen sie es heute in Bezug auf das Internet tun.

Das bedeutet aber auch, dass man für Online-Lehrveranstaltungen Zeugnisse erwerben können muss, oder?

Ja, das ist die Idee. Man soll ein Zertifikat erhalten, das die Teilnahme bescheinigt und eine Note ausstellt. Ansonsten würde es im luftleeren Raum stattfinden. In Europa gibt es ja das ECTS, das European Credit Transfer System, das eine Vergleichbarkeit zulässt. Insofern muss es möglich sein zu sagen: "Ich habe diesen Kurs schon an der Universität XY absolviert, deswegen muss ich es hier nicht mehr tun."

Welche Bedeutung haben denn in diesem Zusammenhang die "Massive Online Open Courses" (MOOCS)?

2011 gab es zwei Teams von Professoren an der Stanford-University, die ihre Vorlesungen so aufbereitet haben, dass jeder aus aller Welt teilnehmen konnte. Die Erwartung war, dass es ein paar hundert oder tausend Leute interessiert. Sie waren überrascht, dass sich letztlich 250.000 Menschen aus aller Welt für den Kurs angemeldet haben. Das hat viele aufhorchen lassen. Bei den Lehrangeboten handelte es sich um eigens dafür entwickelte Materialien, das war kein Vorlesungsmitschnitt. Parallel zur Vorlesung wurden Fünf-Minuten-Videos erarbeitet, die kurze Sinneinheiten vermittelten, dann kamen wieder interaktive Elemente zur Überprüfung des Gelernten. Es gab ein Diskussionsforum, einen wechselseitigen Austausch zwischen Studierenden und Professoren. Diese MOOCs gelten nach wie vor als einer der Startpunkte von Online-Bildung.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die Bereitstellung von Lehrinhalten über das Internet den Zugang zu Bildung erleichtert. Aber ist Bildung nicht in erster Linie eine soziale Frage? Sind es nicht erst recht wieder gebildete Menschen, die sich in eine Vorlesung in Stanford einklinken?

Ja, das kann schon sein. Ich möchte auch nicht behaupten, dass Online-Bildung die Lösung aller Probleme ist. Aber man muss auch die internationale Bedeutung sehen. Denn es gibt ja weite Teile der Welt, wo die Zugangsbeschränkungen zu Universitäten aufgrund der geringen Anzahl dramatisch sind. Für sehr viele, sehr schlaue Menschen ist Online-Bildung deshalb eine Riesenchance.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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