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Die Milchstraße auf Kollisionskurs mit der Andromeda-Galaxie

Wir wohnen in "Laniakea"

Forscher haben erstmals die Bewegungen von Galaxien in der Umgebung der Milchstraße kartiert. Die Analyse zeigt: Unsere Galaxis gehört zum Supercluster "Laniakea" - ein 500 Millionen Lichtjahre großer Materiekontinent in den Weiten des Alls.

Kosmos 04.09.2014

Müsste man für die Erde eine kosmische Adresse angeben, sie lautete: von der Sonne aus gesehen der dritte Planet unseres Sonnensystems, Milchstraße. Unmittelbare Nachbarschaft: Andromeda-Galaxie und Dreiecksnebel, alle zusammen auch als Lokale Gruppe bekannt. Die Lokale Gruppe gehört wiederum zu einem Galaxien-Superhaufen namens Virgo.

Geht es noch weiter? Ja, lautet die Antwort von R. Brent Tully. Der Astronom von der University of Hawaii hat soeben eine dreidimensionale Karte unserer kosmischen Umgebung vorgestellt, in der die Bewegungen von mehr als 8.000 Galaxien verzeichnet sind. Das Problem dabei war bisher, dass sich diese Bewegungen aus zwei Anteilen zusammensetzen.

Alles strebt zum "Großen Attraktor"

Die sogenannte Dunkle Energie (von der niemand weiß, was sie genau ist) bläht den Raum auf und treibt die darin befindliche Materie auseinander. Die Gravitation tut das Gegenteil, sie bildet Materieklumpen. Tully und seinen Kollegen gelang es nun, die beiden Faktoren auseinanderzurechnen und jene kosmischen Pfade im All ausfindig zu machen, entlang derer die Galaxien wandern.

Die Studie

"The Laniakea supercluster of galaxies", Nature (2.9.2014; doi: 10.1038/nature13674).

Ö1-Sendungshinweis

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", 4.9.2014, 13:55 Uhr.

Diese Pfade sind nicht unabhängig voneinander. Sie bilden ein gigantisches Netzwerk von Adern, die Materie zu einem Zentrum´- offizieller Name: "Der Große Attraktor" - transportieren. Das gesamte Gebilde haben die Forscher "Laniakea" getauft. Es misst mehr als 500 Millionen Lichtjahre im Durchmesser und wiegt 10 hoch 17 (also Hunderttausend Millionen Millionen) Sonnenmassen.

Großräumig muss die Adresse der Erde der Studie zufolge also korrigiert werden. Die Milchstraße gehört zwar zu Virgo, aber dieser Haufen ist Teil eines viel größeren Superclusters. Wobei sich die Milchstraße offenbar in einem entlegenen Grenzbezirk dieses Gebildes befindet.

Apropos Grenze: Wo endet ein Supercluster und wo beginnt der nächste? Diese Frage konnte in Ermangelung objektiver Kriterien bislang nicht entschieden werden. Für eine Wissenschaft, die sich wie die Astronomie aufs Wägen, Messen und Definieren versteht, war das natürlich kein Dauerzustand.

Grenzziehung zwischen Superhaufen

Dank Tullys Studie ist die Zuordnung nun klar. Zu einem Supercluster gehören alle jene Galaxien, die sich auf ein gemeinsames Zentrum zubewegen. Auch das Territorium des angrenzenden Superclusters wurde mithilfe der neuen Analyse abgesteckt. Er heißt "Perseus-Pisces" und besitzt ebenfalls ein anziehendes Zentrum sowie ein Bündel von Bahnen, auf denen die Galaxien wandern.

Das Wort "Lanikea" setzt sich übrigens aus den Hawaiianischen Wörtern "lani" und "akea" zusammen und bedeutet so viel wie "unermesslicher Himmel". Er wurde von Tullys Uni-Kollegen David Nawa'a Napoleon vorgeschlagen, einem Professor für hawaiianische Sprachen. Er wollte damit die polynesischen Seefahrer ehren, die sich bei ihren historischen Fahrten bereits an den Gestirnen orientiert hatten. Gut möglich, dass ihnen der Ozean damals ebenso unermesslich erschien wie uns nun das Weltall.

Robert Czepel, science.ORF.at

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