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Zwei Pyramiden von Gizeh in Ägypten

Ägypten: Niedergang eines Ökosystems

Vor 6.000 Jahren haben in Ägypten noch Löwen, Elefanten und Giraffen gelebt, heute sind sie längst aus dem Niltal verschwunden. Forscher haben die Wellen des Aussterbens mit Hilfe von Tierdarstellungen auf Kunstwerken rekonstruiert. Ihr Fazit: Verantwortlich dafür waren der Klimawandel - und der Mensch.

Umweltgeschichte 09.09.2014

Der Nil ist der längste Fluss der Erde, in ökologischer Hinsicht geben der afrikanische Strom und seine Umgebung allerdings wenig Anlass für Superlative. Nördlich von Assuan ist es sengend heiß und die Vegetation spärlich, Nebenflüsse gibt es in dieser Region so gut wie nicht. Die Niederschläge betragen nur 3,4 Zentimeter pro Jahr. Abseits des Flusses, so weit das Auge blickt: Wüste.

Ehemals blühende Landschaften

Das war nicht immer so. Am Ende der letzten Eiszeit war das Klima in dieser Region deutlich kühler, der Monsun brachte reichlich Niederschläge. Wo heute Ödnis das Landschaftsbild prägt, befand sich einst ein vielfältiges Ökosystem. "African Humid Period" (AHP) nennen Forscher diese Blühperiode. Sie begann vor 14.800 und endete vor 5.500 Jahren.

Kurz vor dem Ende der AHP tummelten sich in Ägypten noch Hyänen, Wasserbüffel und Zebras, dann verschwanden sie binnen kurzer Zeit von der Bildfläche. Das war der erste Einschnitt in der Umwelt- und Klimageschichte dieser Region. Es sollten noch weitere folgen.

Die Studie

"Collapse of an ecological network in Ancient Egypt", "PNAS" (doi: 10.1073/pnas.1408471111; 8.9.2014).

Wie Forscher um Justin Yeakel in einer aktuellen Studie schreiben, gingen die Niederschläge in Ägypten in der Folgezeit weiter zurück. Vor knapp 4.200 Jahren gab es einen scharfen Schnitt in Richtung eines ariden Klimas, es folgte ein weiterer vor 3.000 Jahren. Mit der schrittweisen Austrocknung gingen auch politische Umwälzungen einher. Der Zerfall des ägyptischen Reiches zu Beginn der Ersten Zwischenzeit fiel etwa mit dem Ausbleiben von Nil-Fluten zusammen, Ähnliches gilt für das Verschwinden der Pharaonendynastien am Ende des Neuen Königreiches.

Kunst als ökologisches Archiv

Freilich hatte die zunehmende Trockenheit in erster Linie Auswirkungen auf das ökologische Artenspektrum. Waren einst in Ägypten 37 große Säugetierarten heimisch, sind es derer heute nur noch acht. Der Niedergang lässt sich anhand von Fossilfunden dokumentieren, noch detailgetreuer allerdings auf indirektem Weg, nämlich über die ägyptische Kunst.

Yeakel, Biologe an der University of California in Santa Cruz, rekonstruierte mit seinen Mitarbeitern nun das zum Teil abrupte Verschwinden von Säugetieren anhand von Tierdarstellungen auf ägyptischen Kunstgegenständen. Die Bilder und Reliefs auf Grabsteinen, Klingen und Steinplatten liefern, wie die Forscher im Fachblatt "PNAS" schreiben, ein verlässliches Abbild der damaligen ökologischen Verhältnisse - zumindest was die großen Säugetiere betrifft.

Und sie stimmen auch mit historischen Zeugnissen überein. Xerxes, der Großkönig des Persischen Reichs, wurde Berichten zufolge noch von Löwen attackiert. Danach verschwanden die Großkatzen aus dem Nil-Tal wie auch von der Oberfläche der Kunstgegenstände.

Das zoologisch-kunsthistorische Datenmaterial der Studie stammt übrigens vom US-Biologen Dale Osborne. Er hatte die umfangreiche Sammlung bereits vor Jahrzehnten angelegt und 1998 unter dem Titel "The Mammals of Ancient Egypt" in Buchform veröffentlicht. Die Forscher um Yeakel beließen es allerdings nicht bei der reinen Beschreibung. Sie gingen in ihrer Studie auch der Frage nach, was die Ursache des Artenschwundes gewesen sein könnte. Beziehungsweise anders gefragt: Könnten die großen Säugetiere nicht einfach so - also ohne äußere Ursachen - ausgestorben sein?

Ursachen: Klima und Mensch

Um das zu beantworten, fütterten die US-Forscher ein Computermodell mit Klima-, Bevölkerungs- und Umweltdaten und rechneten alle erdenklichen Konstellationen durch. Ihr Fazit: Zufall ist auszuschließen. Das schubweise Verschwinden von Tierarten fällt zu oft mit dem Kippen des lokalen Klimas zusammen - und nicht nur damit.

Für den Artenschwund waren offenbar auch das Bevölkerungswachstum und die fortschreitende Industrialisierung verantwortlich: "Das Klima in Ägypten veränderte sich in drei großen Schüben von feuchten zu trockenen Verhältnissen", sagt Yeakel. "Es begann damit, dass sich der Monsum vor 5.500 Jahren nach Süden verlagerte. Im gleichen Zeitraum stieg die Bevölkerungsdichte und führte im Nil-Tal zu einem Wettbewerb um Raum. Das hatte einen großen Einfluss auf das Schicksal der Säugetiere."

Das alte Ägypten war freilich nicht die einzige Hochkultur, die ihre spektakulärsten Tiere binnen relativ kurzer Zeit verlor. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erwähnt Löwen noch als Teil des normalen Tierbestandes in Griechenland und auf dem Balkan. In Aristoteles' naturkundlichen Erörterungen gelten die Großkatzen bereits als selten. Gut 400 Jahre später - zu Lebzeiten des Schriftstellers Dion Chrysostomos - waren sie bereits ausgestorben.

Robert Czepel, science.ORF.at

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