Standort: science.ORF.at / Meldung: "Autismus schon im Babyalter behandelbar"

Ein Kind schaut etwas verloren aus dem Fenster.

Autismus schon im Babyalter behandelbar

Frühes Training scheint bei Kindern mit Anzeichen von Autismus besonders sinnvoll: Werden Babys mit starken Symptomen schon im Alter zwischen sechs und 15 Monaten entsprechend gefördert, verschwinden die Symptome nahezu. Das berichten zwei auf Entwicklungsstörungen spezialisierte US-Psychologinnen in einer aktuellen Studie.

Psychologie 09.09.2014

Entscheidend sei dabei das junge Alter der Patientinnen und Patienten, betonen Sally Rogers und Sally Ozonoff, beide vom MIND Institute der Universität Kalifornien in Davis. Dass im Normalfall eine Autismusdiagnose erst mit vier bis fünf Jahren gestellt werde, sei eindeutig zu spät.

Schwieriger Kontakt mit der Umwelt

Die Studie:

"Autism treatment in the first year of life: A pilot study of Infant Start, a parent-implemented intervention for symptomatic infants" erscheint am 9. September 2014 im "Journal of Autism and Developmental Disorders".

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell" am 9. September 2014 um 13.55 Uhr.

Autismus wird laut Weltgesundheitsorganisation WHO zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Ganz grob gesagt, haben autistische Menschen Probleme, mit ihrer Umwelt Kontakt aufzunehmen. Je nach Ausprägung der Störung reicht das von Schwierigkeiten beim Blickkontakt und der Wahrnehmung von Emotionen bis hin zu schweren Sprechstörungen. Aufgrund ihrer Tendenz, sich von der Umwelt abzuschotten, wurden Kinder mit Autismus früher auch als "Igel-" oder "Muschelkinder" bezeichnet.

Eben weil das Kommunikationsverhalten so beeinträchtigt ist, lassen sich schon früh Anzeichen von Autismus identifizieren. Denn bereits im Alter von sechs Monaten versucht ein nicht beeinträchtigtes Baby, mit seiner Umwelt Kontakt aufzunehmen. Es lächelt sein Gegenüber an, um eine Reaktion zu provozieren, ahmt Laute spielerisch nach und zeigt deutlich, wenn es Körperkontakt wünscht.

Ein Kind, das keinerlei oder eine sehr reduzierte Reaktion zeigt, hat deshalb gleichzeitig ein hohes Autismusrisiko. Genau solche Kinder im Alter zwischen sechs und 15 Monaten nahmen die beiden Psychologinnen - neben einer Vergleichsgruppe ohne Beeinträchtigung - in ihre Studie auf, wobei nicht sie selbst mit den kleinen Testpersonen arbeiteten, sondern die Eltern für das Training schulten.

Kommunikation im Alltag

In zwölf einstündigen Einheiten weckten die Forscherinnen und ihr Team in den Eltern Bewusstsein dafür, auf welche Alltagssituationen sie besonders Rücksicht nehmen mussten. Sie zeigten ihnen, wie in Situationen mit viel Körperkontakt auch die verbale Kommunikation vertieft werden kann, etwa indem man versucht, mit dem Kind ein Gespräch aufzubauen und auf seine non-verbalen Signale verstärkend reagiert.

Die Eltern lernten, dass das Nachsprechen der Babylaute das Kind in seinem Kommunikationsverhalten bestärkt und Spielzeug nicht nur dazu da ist, dass das Kind sich allein beschäftigt, sondern auch gemeinsam genutzt werden kann. Kurzum: Den Eltern wurde vermittelt, wie sie mit einfachen Maßnahmen die Kommunikationsfähigkeit ihrer Kinder steigern konnten.

Nach der intensiven zwölfmaligen Trainingseinheit folgte eine Periode von sechs Wochen mit jeweils zwei Besuchen pro Woche und nochmalige Tests im Alter von 24 und 36 Monaten.

Symptome verschwinden

Die Kinder reagierten rasch auf das Training, und zwar auf durchaus überraschende Art und Weise: Zwar hatten sich ihre Autismus-Anzeichen mit neun Monaten noch verstärkt, dann aber ließ die Heftigkeit der Anzeichen nach. Sechs jener sieben Kinder, die die stärksten Autismus-Symptome hatten, zeigten im Vergleich zu den nicht beeinträchtigten Kindern keinen Unterschied mehr hinsichtlich ihrer Lern- und Kommunikationsfähigkeit.

Entscheidend sei der frühe Beginn der durch die Eltern vermittelten Therapie gewesen, betonen die Forscherinnen in einer Aussendung der Universität Kalifornien. Sie möchten auch Menschen mit Autismus nicht stigmatisieren, sondern lediglich aufzeigen, wie Kinder mit Autismussymptomen trotzdem erfolgreich am täglichen Leben teilnehmen können.

Als nächstes müsste die Methode der frühen, von den Eltern getragenen Intervention in breiter angelegten Tests überprüft werden. Ein Hinweis, dass sie funktionieren kann, ist die nun vorliegende Studie aber allemal.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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