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Modell eines Gehirns.

Gegen Alzheimer "andenken"

Schädliche Ablagerungen im Gehirn gelten als eine der Ursachen von Alzheimer. Dennoch zeigen manche Betroffene keinerlei geistige Beeinträchtigung. Eine neue Studie legt nahe, dass sie die Defizite mit erhöhter Denkaktivität kompensieren.

Demenz 15.09.2014

Suche nach den Ursachen

Mehr als 100 Jahre nach Entdeckung der Alzheimer-Krankheit sind die Ursachen für den damit verbundenen massiven geistigen Verfall noch nicht wirklich geklärt, auch wenn fieberhaft danach gesucht wird. Ohne dieses Wissen ist eine echte ursächliche Behandlung in weiter Ferne. Dabei gilt die häufigste Form der Demenz als eine der Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Von den etwa 100.000 Demenzkranken in Österreich leiden etwa drei Viertel daran. Die Österreichische Alzheimer Gesellschaft rechnet mit einem Anstieg auf 230.000 Erkrankte bis zum Jahr 2050.

Die Studie in "Nature Neuroscience":

"Neural compensation in older people with amyloid-ß deposition" von Jeremy A. Elmann et al., erschienen am 14. September 2014.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 15.9., 13:55 Uhr.

Heute weiß man, dass die Krankheit in der Regel mit mindestens zwei neurodegenerativen Prozessen einhergeht. Beide haben mit fehlgefalteten Proteinen zu tun. Einerseits bilden sich zwischen den Nervenzellen sogenannte senile Plaques, die aus Ablagerungen des Proteins Beta-Amyloid bestehen. Die Verklumpungen führen letztlich zum Absterben von Nervenzellen. Der zweite Prozess betrifft das stäbchenförmige Tau-Protein, das durch eine Fehlsteuerung zu starren Bündeln verfilzt und die Neuronen besetzt.

Plaques ohne Wirkung

Warum die körpereigenen Proteine außer Kontrolle geraten, ist bis heute unklar. Umstritten ist außerdem, ob diese krankhaften neurophysiologischen Prozesse Ursache oder bereits eine Auswirkung der Alzheimer-Krankheit sind. Es gibt auch immer mehr Zweifel daran, ob die Plaques tatsächlich der Kern der Erkrankung sind, denn - und das ist ein weiteres Rätsel - auch offensichtlich gesunde Menschen sind im Hirn mit Plaques beladen, ohne dass sie jemals Symptome entwickeln.

Dieser widersprüchliche Befund wurde durch Autopsie-Berichte bekannt. Mittlerweile konnte er bei noch lebenden Personen bestätigt werden. Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) ergaben, dass ältere Menschen mit Plaques im Vergleich zu jenen ohne Plaques bei Denkaufgaben eine erhöhte Gehirnaktivität aufweisen. Es könnte also sein, dass die Betroffenen gewissermaßen gegen die Defizite "andenken". Ob dies tatsächlich der Fall ist, haben die Forschern um Jeremy A. Elman vom Lawrence Berkeley National Laboratory nun untersucht.

Gehirn kompensiert

Für ihre soeben veröffentlichte Studie haben sie nun die Gedächtnisleistung von 22 jungen Erwachsenen und insgesamt 49 älteren Personen ohne geistige Leistungsschwächen getestet. Bei 16 der älteren Teilnehmer waren aber Beta-Amyloid Ablagerungen feststellbar. Alle mussten einen Test absolvieren, bei dem es darum ging, sich möglichst viele Details einer abgebildeten Szene zu merken. Gleichzeitig wurde ihre Gehirn-Aktivität mittels fMRI aufgezeichnet.

Alle älteren Personen schnitten ungefähr gleich gut ab. Bei der Analyse der Gehirnbilder zeigten sich aber Unterschiede. Die älteren Menschen mit Ablagerungen erinnerten sich umso besser und an mehr Details, wenn die Gehirnregionen für visuelle Verarbeitung und Gedächtnis besonders aktiv waren - derselbe Zusammenhang fand sich interessanterweise auch bei den jungen Erwachsenen. Bei den älteren Teilnehmern ohne Plaques war hingegen eine besonders niedrige Aktivität in nicht beteiligten Gehirnregionen der wesentliche Indikator für ein besseres Abschneiden beim Test. Bei den Personen mit Plaques waren auch diese unbeteiligten Bereiche relativ aktiv.

Das spricht den Forschern zufolge für die Kompensationsthese: Vereinfacht gesagt versucht das Gehirn, die Defizite durch eine höhere Aktivität bei der Verarbeitung und die Einbindung von eigentlich unbeteiligten Nervenzellen wettzumachen.

Dass die Gehirnregionen der jungen Erwachsenen ähnlich aktiviert sind wie bei den älteren Personen mit Plaques, bedeutet jedoch nicht, dass diese auch denken wie die jungen, erklärt Jeremy A. Elman auf Anfrage von science.ORF.at: "Das Aktivierungsmuster mag zwar ähnlich aussehen, aber bei jungen Menschen zeigt es, wie ein gesundes Gehirn funktioniert, bei älteren hingegen reflektiert es den Versuch, Schwächen auszugleichen."

Trotz dieser ermutigenden Studienergebnisse bleiben weiterhin viele Fragen offen, u.a.: Kann man tatsächlich willentlich kompensieren und bis zu welchem Punkt lässt sich gegen den geistigen Verfall ankämpfen? Oder sind doch völlig andere neurologische Faktoren entscheidend?

Eva Obermüller, science.ORF.at

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