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NASA-Bild von Europa.

Die Europäer haben drei Vorfahren

Vor rund 10.000 Jahren haben Jäger und Sammler Europa bevölkert. 2.500 Jahre später wanderten Bauern aus dem Nahen Osten ein. Die Spuren beider Gruppen tragen die Europäer bis heute im Erbgut. Wie eine neue Studie zeigt, gab es aber noch eine dritte Ahnenpopulation.

Genetik 17.09.2014

Diese lebte im Norden Eurasiens und war mit den Ureinwohnern Amerikas verwandt.

Für die Studie haben rund 120 Forscher unter Leitung von Johannes Krause von der Universität Tübingen und David Reich von der Harvard Medical School in Boston das Erbgut von mehr als 2.000 lebenden Menschen aus aller Welt analysiert und mit der DNA von historischen Knochenfunden verglichen.

Die Studie:

"Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans" von Iosif Lazaridis und Kollegen ist am 17.9.2014 in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Ein Beitrag dazu von Madeleine Amberger bringen auch die Ö1 Journale, 17.9., 22:00 Uhr.

Jäger, Sammler und Bauern

Als die Menschen in Europa noch als Jäger und Sammler umherzogen, entstanden demnach im Nahen Osten vor etwa 11.000 Jahren die ersten bäuerlichen Kulturen. Die Menschen begannen, Pflanzen anzubauen und Tiere zu domestizieren, sie wurden sesshaft. Mit der Zeit breitete sich diese bäuerliche Lebensweise nach Westen aus.

In Mitteleuropa vollzog sich der Umbruch vermutlich vor etwa 7.500 Jahren. Frühere Untersuchungen haben laut Krause gezeigt, dass das Erbgut der ersten europäischen Bauern sich von dem der europäischen Jäger- und Sammler unterscheidet. Es weise stattdessen mehr Ähnlichkeiten mit dem modernen Menschen aus dem Nahen Osten auf.

Um die Abstammung der heutigen Europäer zu erklären, reichen diese zwei Populationen laut den Forschern jedoch nicht aus. Sie untersuchten nun das Erbgut von insgesamt neun Ur-Europäern: von einer etwa 7.000 Jahre alten Bäuerin, deren Überreste in Deutschland gefunden worden waren, und von acht etwa 8.000 Jahre alten Jägern-und Sammlern aus Luxemburg und Schweden.

Dann verglichen sie das Erbgut mit dem von 2.345 Menschen aus 203 modernen Populationen weltweit.

Fund eines weiblichen Schädels von Kanaljorden im schwedischen Motola

Fredrik Hallgren

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Zusammenhang mit indoeuropäischen Sprachen?

Die Auswertung ergab, dass die meisten heutigen Europäer Spuren von drei Populationen in ihrem Erbgut haben. Neben den frühen Bauern und den Jägern- und Sammlern Westeuropas auch Spuren einer Population aus Nordeurasien. Diese verbindet die Europäer genetisch mit den Ureinwohnern Amerikas.

Der Vergleich der vielen Genome ergab: Vor etwa 5.000 Jahren wanderten Menschen aus Nordeurasien westwärts und breiteten sich in ganz Europa aus, wie Krause gegenüber dem ORF-Radio erläuterte. Das sei jedoch alles, was man über diese dritte Ahnenpopulation der Europäer wisse. "Es wäre spannend zu sehen, mit welcher Kultur sie gekommen sind, wie sie sich ausgebreitet und ob sie etwas mit den indoeuropäischen Sprachen hat. Das wäre vorstellbar und spektakulär", so Krause.

Südeuropäer haben mehr bäuerliche Gene

Nicht Spekulation, sondern sicher ist hingegen, dass der Anteil der jeweiligen Vorfahren sich zwischen den heutigen Europäern erheblich unterscheidet. "Nordeuropäer tragen mehr Gene der Jäger- und Sammler in sich - Menschen in Litauen bis zu 50 Prozent - und Südeuropäer mehr bäuerliche Ahnenanteile", erklärte Studien-Erstautor Iosif Lazaridis vom Reich Laboratory.

Die Untersuchung des Erbguts erlaubt noch weitere Einblicke in das Leben unserer Vorfahren: So fanden die Forscher sowohl bei Jägern und Sammlern als auch bei den ersten Bauern eine hohe Anzahl des Amylase-Gens.

Das weist darauf hin, dass sich die Menschen vermutlich bereits an eine stärkereiche Ernährung angepasst hatten. Außerdem hatten die ersten Bauern vermutlich eine hellere Haut als die Jäger und Sammler.

science.ORF.at/APA/dpa

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