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Nächtlicher Ausbruch von Barbadunga

Wie der Schwefel nach Österreich kam

Von den jüngsten Ausbrüchen des isländischen Vulkans Bardarbunga sind zuletzt nur zwei Länder direkt betroffen gewesen: Island selbst und Österreich. Hierzulande war die Schwefeldioxid-Konzentration zum Teil über die erlaubten Grenzwerte erhöht. Wie Experten berichten, liegt das am Nordföhn.

Bardarbunga 26.09.2014

Seit Wochen stößt der Vulkan Bardarbunga tonnenweise Schwefeldioxid (SO2) aus. Die Partikel sind viel feiner als etwa beim Gletschervulkan Eyjafjallajökull, der vor vier Jahren tageweise mit seiner Staubwolke den Flugverkehr lahmgelegt hatte. Entsprechend wenig Aufmerksamkeit bekam Bardarbunga ab dem Moment, als klar war, dass wegen den kleineren Partikeln das Fliegen im europäischen Luftraum trotz des Vulkanausstoßes möglich sein werde.

In Island und den umgebenden Ländern in Nordeuropa werden zwar seit Wochen immer wieder Grenzwerte von SO2 überschritten. Der Rest von Europa war und ist aber eigentlich nicht von erhöhten Werten betroffen. Am Montag dieser Woche kam die große Überraschung. Innerhalb von ein paar Stunden kam es zu einem rasanten Anstieg von SO2 an einigen Stationen in Österreich, am Alpenostrand wurden die Grenzwerte gar überschritten.

Überschrittene Grenzwerte durch Nordföhn

Die Wetterlage war nahezu perfekt: SO2 wird in drei bis vier Kilometern Höhe vom Quellpunkt Island weg nach Südosten Richtung Mitteleuropa und in den Alpenraum transportiert. In manchen Regionen Österreichs blies zu dieser Zeit Nordföhn - ein warmer, trockener Fallwind, bei dem Luft von höheren Atmosphärenschichten nach unten befördert wird.

Diese föhnigen Effekte nach einer Kaltfront haben dann die schadstoffangereicherten Luftpakete in bodennahe Schichten heruntergeführt. Entsprechend wurden in Regionen mit Nordföhn am Alpenostrand hohe Konzentrationen von SO2 gemessen. Der Grenzwert des Immissionsschutzgesetzes Luft liegt bei 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, wobei an drei Halbstundenmittelwerten pro Tag Überschreitungen vorliegen müssen.

Zu den Luftmessstellen mit den größten Belastungen zählte die östliche Steiermark. In Masenberg wurden 247 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen, in Hartberg 229 Mikrogramm/ Kubikmeter Luft. Auch in Payerbach und Wiener Neustadt sowie in Oberschützen wurden Konzentrationen jenseits von 200 Mikrogramm/Kubikmeter Luft gemessen. Auch die Schadstoffmessungen am Sonnblick-Observatorium der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigten einen Peak, also einen Anstieg der SO2-Konzentrationen am Montag - die aktuellen Messdaten gibt es in Sonnblick.net.

Keine akute Gefahr, aber "nicht zu unterschätzen"

Gerhard Wotawa, Meteorologe an der ZAMG, warnt davor, die Gefahr von erhöhten SO2-Konzentrationen aufgrund von natürlichen Quellen zu unterschätzen. Es ist nicht abzuschätzen, wie lange und in welcher Intensität der Vulkan in Zukunft aktiv sein wird. Nordwestwetterlagen wie Anfang der Woche samt Nordföhn sind zudem in den Herbstmonaten in Österreich nicht ungewöhnlich. "Nach dem Ausbruch von Barbadunga wurde das SO2 durch eine Nordwestströmung in der Höhe in Richtung Mitteleuropa transportiert", so Wotawa. "Die fallenden Luftmassen des Föhns haben das SO2 über Österreich dann in bodennahe Luftschichten befördert."

Der Umweltmediziner Hans Petter Hutter sieht zwar keine akute Gefahr für die Bevölkerung, betont aber, dass empfindliche Personen die Auswirkungen von 200 Mikrogramm SO2 und mehr spüren können. Schleimhäute werden angegriffen, Augen gereizt. "Ich verstehe, dass die Behörden gewisse Befürchtungen haben, dass die Bevölkerung überreagiert. Allerdings ist es wichtig, der Bevölkerung rechtzeitig und unaufgeregt zu übermitteln, wie sie darauf reagieren kann - und was das zu bedeuten hat", so Hutter.

Gestern anthropogen, heute natürlich

Noch in den 1970er Jahren war Schwefeldioxid in Österreich ein beherrschendes, tagesaktuelles Thema. Kohlekraftwerke in den ehemals kommunistischen Ländern verursachten extreme SO2-Konzentrationen in der Luft, die in weiterer Folge über den sauren Regen zu einer massiven Beeinträchtigung der Waldlandschaften – Stichwort: Waldsterben – führten. Mittels Filteranlagen konnte dem sauren Regen schlussendlich Einhalt geboten werden.

In der Vergangenheit gab es aufgrund von Vulkanausbrüchen auf Island schon viel gravierendere Auswirkungen. Mitten in der Zeit der Aufklärung führte eine Eruption 1783 zu einer Naturkatastrophe großen Ausmaßes. In einigen Gebieten Europas fiel jahrelang die Ernte aus. Der Regen war so sauer, dass er die Haut von Tieren und Menschen verätzte. In Island starb ein Fünftel der Bevölkerung, Zehntausende Tote waren in Großbritannien zu beklagen. Möglicherweise kam es auch durch dieses dramatische Naturereignis zu sozialen Konflikten, die die Französische Revolution 1789 befeuerten.

Rainer Schultheis, Fabian Lehner, Ö1-Wetterredaktion

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