Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die "Philosophische Praxis" öffnet ihre Pforten"

Eine Frau steht vor einem sich gabelnden Weg, sie hält sich die Hand fragend vor den Kopf

Die "Philosophische Praxis" öffnet ihre Pforten

Philosophie soll nicht nur im Elfenbeinturm der Hochschulen vorkommen, sondern sich direkt mit dem Leben der Menschen beschäftigen - das ist die Kernidee von "Philosophischer Praxis". Die erste akademische Ausbildung im deutschen Sprachraum dafür startet am 1. Oktober an der Universität Wien.

Ausbildung 01.10.2014

20 Teilnehmer - rund die Hälfte davon Frauen und Männer - hat der erste Lehrgang. Er dauert vier Semester und endet mit dem Titel "Akademische/r philosophische/r PraktikerIn" - zuvor sind allerdings nicht gerade wohlfeile 6.800 Euro zu berappen.

Zum Lehrgang:

Der Lehrgang "Philosophische Praxis", wird vom Postgraduate Center der Uni Wien in Kooperation mit der Gesellschaft für angewandte Philosophie veranstaltet.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 30.9.2014, 13:55 Uhr.

Beratung etwa bei ethischen Fragen

Die ersten Ideen zu einer "Philosophischen Praxis" hat der deutsche Philosoph Gerd Achenbach bereits in den 1980er Jahren entwickelt. Wer heute den Begriff googelt, stößt auf eine Vielzahl an Angeboten. Was aber genau machen philosophische Praktikerinnen bzw. Praktiker?

Der Leiter des neuen Lehrgangs, Konrad Paul Liessmann, gibt Antwort: "Wenn Sie als Einzelperson ein Problem haben, das zu wichtig ist für ein Gespräch mit einem Freund, das aber auch nichts für einen Arzt oder einen Therapeuten ist - denn nicht alle Probleme sind Krankheitssymptome -, dann könnten Sie einen philosophischen Praktiker aufsuchen."

Ein Beispiel seien ethische Fragen. "Wenn Sie etwa einen Job annehmen wollen bei einem Konzern, der Waffen exportiert, und Sie nicht wissen, ob Sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren können." Mit dem Rüstzeug aus 2.500 Jahren Philosophiegeschichte könnte Fragesuchenden geholfen werden, meint Liessmann. "Wer die Argumente von Aristoteles, Immanuel Kant oder John Stuart Mill kennt, der weiß, wie in der Vergangenheit und Gegenwart solche Fragen ethischer Dilemmata diskutiert wurden."

Glücklicher leben

Philosophische Praktiker sollen also so etwas wie Ratgeber oder Lebensberater sein. Die behandelten Fragen liegen in der Spannweite von "Leben und Tod" - wenn es etwa um die Pflege dementer oder schwer kranker Angehöriger geht - bis zu weniger schwergewichtigen, wie das Beispiel des Jobangebots.

Die Methode besteht laut Liessmann darin, die Fragesuchenden in ein Gespräch zu verwickeln. "Das knüpft an eine Urform der Philosophie an, die bereits in der Antike praktiziert wurde: nämlich Philosophie als Einheit von theoretischer Reflexion und daraus folgender praktischer Lebensberatung."

Traditionen wie die Stoiker und Epikureer haben bestimmte Formen des Lebens empfohlen und versucht selbst zu praktizieren. Wer vernünftig lebt, Tugenden berücksichtigt und Abhängigkeiten vermeidet, der lebt auch glücklicher: "Diesen uralten Gedanken will die Idee der Philosophischen Praxis wiederbeleben."

Ergebnis zwischen Fragesuchenden und philosophischen Praktikern seien keine simplen Ratschläge, sondern sozusagen die Frucht gemeinsamer Anstrengungen - des Dialogs. "Hinter der Idee der Philosophischen Praxis steckt die Idee von Philosophie schlechthin, wie sie Kant formuliert hat: Man soll die Menschen ermutigen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen - und nicht Klischees zu folgen oder moralischer Vorstellungen, die gerade in der eigenen Community herrschen."

Orientierung geben

Die Zeit für eine akademische Ausbildung hält Liessmann für reif. "Wir leben in einer Zeit, in der die klassischen Orientierungen verloren gehen, in der sich Werte ständig ändern und in der morgen gut ist, was heute noch böse ist. Es ist verständlich, dass da viele über die Maßstäbe, nach denen man wertet und bewertet wird, diskutieren und reflektieren wollen."

Um nicht mit ähnlich klingenden Angeboten von Seiten der Esoterik oder NLP verwechselt zu werden, habe man sich entschlossen, die akademische Ausbildung zum philosophischen Praktiker zu realisieren.

Voraussetzungen sind ein abgeschlossenes Philosophiestudium, das die fachliche Basis sichern soll. Wen das nun interessiert und wer sich von den hohen Kosten nicht abschrecken lässt: Die Fortsetzung des Lehrgangs ist bereits geplant - soll aber erst im Herbst 2016 starten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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