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Steak mit Tomaten

Warum wir Schweine essen und Hunde lieben

Der "Karnismus" bringe uns bei, manche Tiere nicht als vollwertige Lebewesen zu betrachten - deshalb würden wir Schweine ohne Bedenken essen, Hunde hingegen als Gefährten lieben. Das meint zumindest die US-amerikanische Psychologin Melanie Joy.

Ernährung 30.09.2014

Unter Veganern ist sie eine Art Superstar, und auch ihr Vortrag letzte Woche in Wien war gut besucht.

Weder Ekel noch Moral

Das Buch:

"Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen" ist 2013 im Verlag Compassion Media erschienen (ISBN-13: 978-3981462173).

Vortragsreihe:

Der Vortrag von Melanie Joy war die Auftaktveranstaltung zu einer Vortragsreihe der Wiener Volkshochschulen zum Thema Ernährung.

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in "Wissen aktuell" am 29.9., 13:55 Uhr.

Links:

Warum ekelt es die meisten von uns nicht an, wenn ein totes, gekochtes Tier auf unserem Teller liegt? Eigentlich sollte man Ekel erwarten, meint Melanie Joy, die als Psychologieprofessorin an der University of Massachusetts lehrt. Sie erklärt, dass die meisten Dinge, die uns anekeln, tierischer Abstammung seien, etwa Fäkalien oder Blut. Auch Pflanzen, die uns anekeln, würden meist in irgendeiner Weise tierischen Produkten ähneln – zum Beispiel, wenn sie schleimig sind.

Psychologinnen und Psychologen würden außerdem davon ausgehen, dass Ekel vornehmlich ein moralisches Gefühl sei: Man wolle nichts zu nahe kommen, das als moralisch anstößig gilt. Und als anstößig gilt eigentlich auch das Töten anderer Lebewesen.

Ideologie der Fleischesser

Wir essen also - psychologisch betrachtet - unerwartet genüsslich und moralisch ungerührt das Fleisch toter Tiere. Dass wir diesen geistigen Spagat schaffen, führt Melanie Joy darauf zurück, dass wir von Kindheit an darauf konditioniert werden. "Die meisten von uns essen Tiere und fragen niemals warum, weil wir in eine versteckte, aber dominante, und nicht hinterfragte Ideologie hineingeboren werden", sagt Joy.
Diese Ideologie, die uns beibringe, es wäre normal, Tiere zu essen, nennt sie "Karnismus".

Sie vergleicht den Karnismus in der Wirkungsweise mit bekannteren, gewalttätigen Ideologien wie Rassismus und Sexismus. Solche Ideologien würden uns lehren, Ekel und Empathie zu unterdrücken, wenn es um das Leiden einer Gruppe mit weniger Macht gehe. Im Karnismus seien das einige wenige Tierarten, die wir - je nach Kultur - als essbar einstufen.
Es gelte einfach von vornherein als "normal" oder "natürlich".
Nur wer anders empfinde, würde sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Bewusste Entscheidung

"Der Unterschied zwischen Veganismus und Karnismus - abgesehen vom zentralen Verhaltensunterschied - ist, dass Menschen Veganer werden, nachdem sie ihre Entscheidungen hinterfragen, und eine Wahl treffen", sagt Joy. Den meisten Menschen sei gar nicht bewusst, dass sie sich entscheiden, Fleisch zu essen, und sich auch dagegen entscheiden könnten.

Der Ideologie einen Namen zu geben, mache sie erst sichtbar. Dadurch könnte man anfangen, diese Einstellung zu hinterfragen und auch wissenschaftlich zu untersuchen.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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