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Fledermaus (Große Mausohrfledermaus) im Flug

Tödliche Sinnestäuschung

Jedes Jahr sterben unzählige Fledermäuse, weil sie den Rotorblättern von Windkraftwerken zu nahe kommen. Amerikanische Forscher haben nun herausgefunden, warum das so ist: Die Tiere halten die Windräder offenbar für Bäume.

Windkraftwerke 30.09.2014

Wenn von der Gefährdung der Tierwelt durch Windkraftwerke die Rede ist, denkt man zunächst an Vögel. Vor allem große Arten wie Schwarzstörche, Großtrappen und Kaiseradler übersehen die rasenden Rotorblätter und sterben durch Kollision mit denselben. Dennoch sind Vögel nicht die am stärksten gefährdete Tiergruppe.

Erhebungen zufolge tappen Fledermäuse an Windkraftwerken noch häufiger in die tödliche Falle. Laut einer Untersuchung des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung werden die Säuger entweder erschlagen oder sie sterben aufgrund innerer Verletzungen, die ihnen die großen Luftdruckänderungen im Nahbereich der Rotoren zufügen.

Fatale Anpassung

Auffällig ist jedenfalls, dass sich unter den toten Tieren überproportional viele auf Bäumen lebende Arten befinden - ein Umstand, der Forscher um Paul Cryan bewogen hat, der Sache auf den Grund zu gehen. Der Biologe vom U.S. Geological Survey hat das Verhalten von Fledermäusen mit Hilfe von Wärme- und Infrarotkameras beobachtet und kommt zu dem Schluss, dass die Tiere in den meisten Fälle nicht zufällig in den Umkreis der Windkraftanlagen gelangen.

Video:

Fledermaus nähert sich Windrad von der Leeseite.

Die Studie

Sobald online: "Behavior of bats at wind turbines", PNAS (29.9.2014; doi: 10.1073/pnas.1406672111).

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Bei Windstärken über einem Meter pro Sekunde nähern sich die Fledermäuse gezielt von der Leeseite und sie tun das nicht allein, sondern in der Gruppe. Wie Cryan im Fachblatt "PNAS" schreibt, dürfte das Verhalten eine Anpassung sein, die in der Nähe großer Bäume Vorteile bringt. Fledermäuse können Windströmungen mit Hilfe von Tastrezeptoren wahrnehmen und halten sich bevorzugt in windgeschützten Bereichen auf, um dort Insekten zu fressen oder Artgenossen zu treffen.

Im Umfeld der Windräder ist dieses Verhalten allerdings fatal. Cryan schlägt daher vor, Anlagen erst bei höheren Windstärken in Betrieb zu nehmen. Das erzeuge zwar Kosten, könne aber helfen, derartige Zwischenfälle zu vermeiden, da Fledermäuse bei Starkwind Ausflüge eher meiden. Untersuchungen in Kanada, Deutschland und den USA zeigen, dass diese Maßnahme tatsächlich wirkt. Blieben die Rotorblätter bei schwachem Wind in Ruheposition, ging die Zahl der Kollisionen sofort zurück.

Rober Czepel, science.ORF.at

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