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Dokument mit Stempel: "Professor Dr. med. Robert Stigler"

Karriere eines Rassenphysiologen

Das Leben des Mediziners und Rassenforschers Robert Stigler zeigt in zweierlei Hinsicht, wie träge die Aufarbeitung der faschistischen Geschichte Österreichs verlaufen ist. Entnazifizierungen fielen meist lasch aus und rassistische Theorien verschwanden auch nach dem Krieg nicht von der Bildfläche. Der Historiker Simon Loidl beschreibt Stiglers Werdegang in einem Gastbeitrag.

Zeitgeschichte 13.10.2014

Von der Kolonialforschung zur NS-Medizin

Von Simon Loidl

Simon Loidl

Simon Loidl

Zum Autor

Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Wien, Salzburg und Berlin war Simon Loidl als Research Fellow am Center for Austrian Studies der University of Minnesota sowie als Projektmitarbeiter beim Oberösterreichischen Landesarchiv tätig. Als freier Historiker und Journalist arbeitet er derzeit unter anderem an Nachfolgeprojekten zu seiner Dissertation über "Kolonialpropaganda und -aktivitäten in Österreich-Ungarn 1885–1918".

Publikationen (u. a.): Colonialism through Emigration: Publications and Activities of the Österreichisch-Ungarische Kolonialgesellschaft (1894–1918), in: Austrian Studies 20, 2012, S. 161–175; Safari und Menschenjagd – die Uganda-Expedition von Rudolf Kmunke und Robert Stigler 1911/12, in: Österreich in Geschichte und Literatur (mit Geographie), 55. Jg. 2011, Heft 1 (366), S. 38–53; gem. mit Peter März, "... Garanten gegen den Faschismus ..." – Landesverband ehemals politisch Verfolgter in Oberösterreich, Linz 2010

Vortrag am IFK

Am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) hält Loidl den Vortrag "Uganda-Expedition und NS-Medizin – der österreichische Arzt Robert Stigler", 13.10.2014, 18:00 Uhr.

Im Frühjahr 2010 beschloss der Gemeinderat von Steyr nach längeren Debatten, die Robert-Stigler-Straße umzubenennen. Nachdem ein früheres Gutachten Stiglers Biographie als unbedenklich eingestuft hatte, wurde auf Druck der Steyrer Grünen und des Mauthausen-Komitees vor vier Jahren noch einmal genauer hingesehen.

Der Nachlass des in der oberösterreichischen Stadt geborenen Stigler bot genug Hinweise auf dessen Aktivitäten während der NS-Herrschaft. Diese überwogen nach Ansicht des Stadtsenats die positiven Aspekte, die mit Stigler etwa als Erfinder einer Trage zur Bergung Verletzter verknüpft sind.

Zu einem ähnlichen Urteil gelangte in diesem Jahr der Senat der Universität für Bodenkultur, der Stiegler nun den 1972 verliehenen Ehrenring posthum aberkannt hat. Schon damals seien Tatsachen bekannt gewesen, die einer Verleihung entgegenstanden wären, hieß es in der Begründung.

Der 1878 geborene hatte in Wien Medizin studiert und war bereits in den frühen 1930er Jahren Mitglied der in Österreich ab 1933 illegalen NSDAP. Stiglers Karriere erhielt wegen seiner politischen Aktivitäten in den Jahren des Austrofaschismus einen Dämpfer – umso rascher kam er nach dem "Anschluss" Österreichs an NS-Deutschland voran. Er erhielt seine 1934 aberkannte Professur an der Hochschule für Bodenkultur zurück, hielt Vorlesungen über "Rassenhygiene" an der Universität Wien und wurde 1941 Professor für Physiologie am Menschen.

Rassenphysiologische Forschungen

Robert Stiglers Interesse galt der "Rassenphysiologie", also angenommenen Unterschieden zwischen menschlichen "Rassen" auf der Ebene des Organismus und der Körperfunktionen. Er entwickelte sein Forschungsprogramm erstmals im Rahmen einer groß angelegten Forschungsreise nach Ostafrika.

Die sogenannte Uganda-Expediton hatte zwischen Oktober 1910 und April 1911 stattgefunden und war von dem Wiener Architekten Rudolf Kmunke organisiert worden. Weitere führende Teilnehmer der Reise waren der Fotograf Josef Schwarzer und der Präparator Richard Storch. Robert Stigler war für den "wissenschaftlichen" Aspekt der Expedition verantwortlich.

Er führte in Afrika Forschungen an unfreiwilligen Probanden durch. Im Speziellen interessierte er sich für Körperfunktionen wie Blutdruck, Atmung, Körpertemperatur oder Schmerzempfindlichkeit. Dementsprechend waren seine Untersuchungsmethoden direkte Eingriffe in die Intimsphäre der afrikanischen Probanden, die zum Mitmachen gezwungen wurden; häufig waren Stiglers Experimente mit Schmerzen verbunden und führten zu Verletzungen.

Widerstand gegen die Untersuchungen und Testes interpretierte Stigler als Unfähigkeit, den höheren Sinn seiner Forschungen zu begreifen. Die Österreicher nahmen am Ende der Uganda-Expedition zwei ihrer afrikanischen Träger nach Wien mit. Über das weitere Schicksal von Mori Duise und Simon Kasajja, an denen Stigler zunächst seine Experimente weiterverfolgte, ist bis heute wenig bekannt.

Tradition des "modernen" Rassismus

Robert Stiglers "rassenphysiologisches" Forschungsprogramm ist vor dem Hintergrund eines "modernen" Rassismus zu sehen, der ab dem End des 19. Jahrhunderts entstand.

Die Theoretiker bedienten sich naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und formten aus diesen sozialdarwinistische und eugenische Konzepte. Stigler ist dabei einer von vielen, die Anfang des 20. Jahrhunderts eugenische und rassenbiologische Vorstellungen mit rechten, konservativen und elitären politischen Ansichten verknüpften.

Dies war nicht zwingend der Fall – eugenische Vorstellungen wurden in diesen Jahren nicht nur von der politischen Rechten gepflogen. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten derartige Vorstellungen aber dennoch einen der ideologischen Bausteine der neuen politischen Bewegungen des Faschismus.

Kontinuitäten über die Epochenbrüche

Bemerkenswert an Robert Stiglers Biographie ist, dass er sein Forschungsinteresse unbeschadet der jeweils veränderten politischen Rahmenbedingungen kontinuierlich über mehrere Jahrzehnte betrieb. Seine Aktivitäten während der Zeit der NS-Diktatur wurden bereits skizziert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ein Entnazifizierungsverfahren gegen Stigler eingeleitet. Er wurde pensioniert, weitergehenden Strafen entging er.

Seine wissenschaftliche Reputation blieb relativ unbeschädigt, und so trat er bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1975 publizistisch in Erscheinung. Stiglers Themen blieben dieselben, lediglich die Wortwahl änderte sich etwas. Bis in die 1970er Jahre aber versuchte er, physiologische Unterschiede zwischen "Schwarzen" und "Weißen" zu finden und gesellschaftliche Differenzen zwischen Europa und Afrika auf diese zurückzuführen.

Wissenschaftliche Kontinuitäten

Die Biographie Stiglers gibt somit auch Hinweise auf wissenschaftshistorische Kontinuitäten in Österreich. Immerhin veröffentlichte die Akademie der Wissenschaften noch im Jahr 1952 ein damals knapp zehn Jahre altes Manuskript Stiglers mit dem Titel "Rassenphysiologische Ergebnisse meiner Forschungsreise in Uganda 1911/12".

Ein Bruch hatte im österreichischen Wissenschaftsbetrieb 1945 nicht stattgefunden. Viele Forscher knüpften unkritisch an rassistische Denkmodelle und Theorien an, die im Zuge kolonialer Aktivitäten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt worden waren und während der NS-Zeit zu den bestimmenden Theorien geworden waren.

Seit 2010 heißt die Robert-Stigler-Straße in Steyr nun August-Riener-Gasse, nach einem Lehrer und Dichter der Stadt. 100 Jahre nach Beginn der Uganda-Expedition, die den Grundstein für Stiglers rassistisches Forschungsprogramm legte, verschwand der Arzt und Naturwissenschaftler damit aus dem Straßenbild.

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