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Die Einschlusskammer für das Plasma des "neuen" Konzeptes für die Kernfusion

"Durchbruch" bei Kernfusion trifft auf Skepsis

Unerschöpflich Energie gewinnen wie die Sonne: Das ist die Idee der Kernfusion, die seit Jahrzehnten die Fantasie der Energiepolitik beflügelt. Sind konkrete Forschungserfolge bisher rar, so berichtet der US-Rüstungskonzern Lockheed nun von einem "Durchbruch". Experten bleiben allerdings skeptisch.

Physik 17.10.2014

Denn außer einer schmalen Presseaussendung und einem Werbevideo ist bisher wenig über den "technologischen Durchbruch" bekannt.

Noch kein Testreaktor oder Prototyp

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Ö1 Sendungshinweis:

Darüber berichtet auch Wissen Aktuell am 17.10. um 13:55.

Vier Jahre lang hat die geheime Entwicklungsabteilung von Lockheed Martin, die den Namen "Skunk Works" (Stinktier) trägt, nach Eigenangaben gearbeitet. Nachdem erste Schritte zu einem High Beta Fusion Reactor bereits im Vorjahr bei einer Google-Konferenz bekanntgegeben worden waren, hätten die Forscher nun die Machbarkeit eines 100-Megawatt-Reaktors demonstriert. (Zum Vergleich: Das Atomkraftwerk Zwentendorf hätte eine Leistung von rund 700 Megawatt liefern sollen.)

Als Brennstoffe würden Deuterium und Tritium verwendet, Testreaktor oder Prototyp gibt es allerdings noch keinen - dafür würden noch zwölf Monate bzw. fünf Jahre benötigt.

Am auffälligsten bei dem von Forschungsleiter Thomas McGuire vorgestellten Projekt ist die geringe Größe. Der Reaktor soll nur einige Meter hoch, lang und breit sein - kein Vergleich mit den bestehenden Versuchen, Kernfusion effizient herzustellen. Sowohl die Experimentieranlage Wendelstein_7-X im deutschen Greifswald als auch der in Südfrankreich in Bau befindliche Reaktor ITER sind riesige Maschinen.

"Glaube das erst, wenn ich es gesehen habe"

Prinzipiell gilt ein Fusionsreaktor, der mit Deuterium und Tritium arbeitet, als wahrscheinlichste Möglichkeit für ein "irdisches Sonnenfeuer". Das Plasma, das bei einer Fusion der beiden Wasserstoff-Isotope entsteht, muss dabei fixiert werden, üblicherweise mit Hilfe von Magnetfeldern. Und genau hier beginnt eines der Probleme der Fusionsforschung, denn das Ganze spielt sich im Temperaturbereich von hunderten Millionen Grad ab.

"Die Forscher von Lockheed behaupten, dass sie ein neues Konzept für den magnetischen Einschluss des Plasmas haben, und zwar in einer sehr kompakten Form", erklärt Herbert Störi, Leiter des Instituts für Angewandte Physik an der TU Wien, gegenüber science.ORF.at. "Prinzipiell denkbar ist das zwar. Aber ich glaube das erst, wenn ich es gesehen habe."

Skepsis sei insbesondere wegen der Größe des angekündigten Lockheed-Reaktors angebracht. "Das wirft die Frage auf, wie man in einem so kleinen Gerät den entsprechenden magnetischen Druck aufbringen und die Diffusion des Plasmas verhindern kann." Die Teilchen des Teilchengemisches tendieren ständig dazu, aus dem Magnetfeld "auszulecken" (Diffusion), wobei die zuvor in die Aufheizung des Plasmas investierte Energie wieder verlorengeht - ein Hauptproblem der künstlichen Kernfusion.

Informationen fehlen

Ähnlich skeptisch ist auch der Physiker Winfried Kernbichler von der TU Graz. "Aus dem Video kann man nicht auf eine eventuell neue Technologie schließen. Dazu braucht es viel mehr Informationen, und die haben wir im Moment nicht."

"Was sicher stimmt, ist, dass man kleinere Geräte schneller bauen und mit ihnen auch schneller experimentieren kann", so Kernbichler. "Bei ITER sind die Entwicklungszeiten viel länger." Generelle Skepsis sei aber in jedem Fall angebracht.

Warum Lockheed Martin mit derartig dürftigen Informationen an die Öffentlichkeit geht? "Interessante Frage", meint Störi. "Vielleicht ist das eine Werbemaßnahme oder politisch motiviert." "Vielleicht will das Unternehmen ja seinen Aktionären etwas damit sagen", ergänzt Kernbichler. "Ganz erfunden kann die Meldung jedenfalls auch nicht sein."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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