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Plakat "Rassenfrage" aus der Zeit des Nazi-Regimes. Das Plakat war Teil einer Ausstellung des Dokumentationsarchivs des Oesterreichischen Widerstandes.

Ärztekammer erarbeitet NS-Opfer-Biografien

Bereits im Oktober 1938 wurde die "erfolgreiche Entjudung des Ärztestandes" in Österreich verkündet. Jüdische Ärzte verloren ihre Arbeit und ihre Rechte und wurden verfolgt, vertrieben und ermordet. Ein von der Wiener Ärztekammer unterstütztes Projekt der Universität Wien geht nun den Biografien der rund 4.000 Opfer nach.

Zeitgeschichte 17.10.2014

Mit der Neuordnung des Berufsbeamtentums im Juni 1938 verloren jüdische Ärzte in Österreichs Spitälern schlagartig ihre Anstellungen, beinahe gleichzeitig erloschen die Approbationen frei praktizierender jüdischer Ärzte. Aber nicht nur Religion, auch sexuelle Orientierung oder politische Einstellung konnten zum Entlassungs- und Verfolgungsgrund werden.

Hinweise:

Zeitzeugen und Angehörige werden auch weiterhin gesucht. Kontakt: Barbara Sauer, Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien, Schottenbastei 10-16, 1010 Wien, barbara.sauer@univie.ac.at,

Nach zeitgenössischen Angaben reduzierte sich die Zahl der in Österreich praktizierenden Mediziner 1938 von über 5.000 auf weniger als 2.000 - also um etwa 70 Prozent. Ein "Kahlschlag", wie Projektleiterin Ilse Reiter-Zatloukal vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien am Donnerstagabend vor Journalisten erklärte.

Eine systematische Aufarbeitung dieser Zeit fehle derzeit jedoch noch, meinte Reiter-Zatloukal. Mit dem vierjährigen Projekt "Ärzte und Ärztinnen in Österreich 1938-1945. Entrechtung, Vertreibung, Ermordung" soll neben der wissenschaftlichen Analyse der rechtlichen Grundlagen der Verfolgungsmaßnahmen auch ein individuelles Gedenkbuch für die Opfer entstehen. Gefördert wird das Projekt nicht nur von der Ärztekammer Wien, sondern u.a. auch vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank oder dem Nationalfonds der Republik Österreich. Nach einem holprigen Beginn sei man nun "fast ausfinanziert", so die Projektleiterin.

Lebensgeschichten der Opfer

Ziel ist es - analog zum bereits erschienenen Werk "Advokaten 1938" -, sämtliche Opfer zu erfassen und ihre Lebenswege möglichst genau wiederzugeben. Wie etwa jenen von Franziska Haas: Sie wurde am 23. Juli 1909 in Galizien geboren. Die Familie übersiedelte wenig später nach Wien, wo sie Medizin studierte und 1934 promovierte. Im Jahr 1938 wurde ihr die Approbation entzogen, sie konnte jedoch mit einer Ausnahmegenehmigung als "Krankenbehandlerin" - ausschließlich für Juden - weiterhin praktizieren. Anfang November 1939 musste die Familie ihre Wohnung verlassen, im August 1942 wurde sie in eine Sammelwohnung eingewiesen.

Im Oktober 1942 deportierte man die Familie Haas in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo der Vater starb. Zwei Jahre später folgte die Überstellung nach Auschwitz, wo die Mutter bereits bei der Ankunft ermordet wurde. Franziska Haas und ihre Schwester wurden nach Groß-Rosen gebracht, wo sie im Mai 1945 die Befreiung durch die Rote Armee erlebten. Ihre medizinische Tätigkeit gab Franziska Haas in dieser Zeit nie ganz auf, nach Kriegsende betreute sie KZ-Überlebende auf dem Rücktransport von Theresienstadt. Wenige Monate später eröffnete sie ihre Ordination in der Inneren Stadt, wo sie bis kurz vor ihrem Tod 1980 praktizierte.

Zur Halbzeit des Projektes zählt die Datenbank bereits 3.555 Einträge, schilderte Barbara Sauer, Historikerin und Projektmitarbeiterin. Sie rechnet mit insgesamt rund 4.000 Betroffenen. Zeitzeugen und Angehörige werden jedoch weiterhin gesucht. Ein laut Sauer "überraschend großer" Anteil der Betroffenen, nämlich rund 16 Prozent, ist weiblich. Denn erst 1900 wurden auch Frauen zum Medizinstudium zugelassen. Noch sind jedoch bei Weitem nicht alle der über 3.500 Biografien aufgearbeitet. Vor allem die Aktenlage in den Bundesländern - und damit den Landesärztekammern - erweise sich oft als problematisch, so die Historikerin.

Viele geflüchtet

"Von den ersten Verhaftungswellen nach dem 'Anschluss' waren Akademiker und damit auch Ärzte überproportional betroffen", erklärte Sauer. Sie wurden meist deportiert, Verwandte konnten sie allerdings gegen hohe Geldsummen und die Auflage, das Land möglichst schnell zu verlassen, in vielen Fällen wieder auslösen. Der Anteil der Mediziner, die flüchten konnten - bisher sind 1.523 solcher Fälle dokumentiert -, liegt im Vergleich zu anderen Berufen relativ hoch. Das lag nicht nur an der besseren internationalen Vernetzung und den Geldmitteln, sondern auch an dem frühen Druck auf diese Gruppe, Österreich zu verlassen. Die beliebtesten Ziele waren die USA, Großbritannien sowie Palästina.

Im Herbst 1941 begann die Welle der großen Deportationen mit dem Ziel der systematischen Vernichtung: Nach momentanem Wissensstand wurden 292 Ärzte deportiert und ermordet, 28 überlebten die Zeit im Konzentrationslager. Diese vergleichsweise hohe Überlebensrate führen die Historikerinnen einerseits auf gute Gesundheit, Impfungen und Hygienewissen zurück, andererseits "wurden die medizinischen Fähigkeiten in den KZs gebraucht", so Sauer. Viele von ihnen praktizierten auch nach Kriegsende wieder in Österreich, 89 Rückkehrer aus dem Exil konnten bisher belegt werden.

Die endgültigen Zahlen sollen 2016 vorliegen. Das mit unterschiedlichen Beiträgen - etwa auch zur Täterforschung oder Entnazifizierung nach 1945 - "breit aufgestellte" Gedenkbuch soll 2017 im Verlag der Ärztekammer erscheinen und von einem Symposium begleitet werden.

science.ORF.at/APA/

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