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Schlafendes Baby

Die verbotenen Embryonenkinder

Offiziell heißen sie Embryonenkinder, Betroffene nennen sie liebevoll "Eisbären": jene Babys, die aus übrig gebliebenen, tiefgefrorenen Embryonen entstehen. In Österreich ist Spende und Empfang dieser befruchteten Eizellen verboten - trotzdem leben auch hierzulande betroffene Kinder und Eltern.

Gesellschaft 24.10.2014

Diese Kinder sind weder mit der Mutter noch dem Vater, bei denen sie leben, genetisch verwandt. Trotzdem schrieb eine Embryonenmutter an science.ORF.at. "Das andere Erbgut spielt bei uns keine Rolle. Man bringt sie auf die Welt, man stillt sie. Dadurch ist meine Tochter gefühlsmäßig 'mein' Kind. Zu 100 Prozent." Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Frau kein Einzelfall ist, weshalb Experten dafür plädieren, die Regelung in Österreich zu lockern.

Trotz kaputter Eizellen zum Kind

Entscheidet sich ein Paar für eine künstliche Befruchtung, werden der Frau meist mehr Eizellen entnommen, als für einen Versuch notwendig sind, damit sie - sollte es nicht sofort klappen - nicht die gesamte Prozedur der Hormoneinnahme und Eizellenentnahme noch einmal auf sich nehmen muss. Wird die Frau dann aber schon beim ersten Mal schwanger, bleiben zwangsläufig befruchtete Eizellen übrig. In Österreich werden sie derzeit eingefroren und - sollte das Paar sie nicht mehr brauchen, weil es keine weiteren Kinder haben möchte - vernichtet. Und das, obwohl sich nach dem Auftauen lebensfähige Embryonen daraus entwickeln könnten.

In Deutschland hat sich vor einem Jahr das Netzwerk Embryonenspende gegründet, das genau diese übrig gebliebenen Frühembryonen an unfruchtbare Paare mit Kinderwunsch vermittelt. Am 25. Oktober soll - rein rechnerisch - das erste via Netzwerk entstandene Kind auf die Welt kommen. "Wir wollen Frauen helfen, die über ihre eigenen Eizellen nicht mehr schwanger werden können. Das ist ja ein Riesenproblem - in Deutschland wie in Österreich", sagte Ulrich Noss, Münchner Spezialist für künstliche Befruchtung und Vorsitzender des Netzwerks Embryonenspende, auf Anfrage von science.ORF.at.

Eizellspende verboten, Embryonenspende nicht

Das Problem liegt vor allem darin, dass die Eizellspende verboten ist. Frauen mit gesunden Eizellen dürfen also weder in Deutschland noch in Österreich ihre Eizellen spenden, geschweige denn verkaufen. "Ob man nun dafür oder dagegen ist - Tatsache bleibt, dass viele unfruchtbare Frauen einen starken Kinderwunsch haben. Die Embryospende kann für manche dieser Frauen ein sinnvolles Angebot sein", so Noss. Ein Nebeneffekt: Überzählige Embryonen müssen nicht mehr vernichtet werden. In Deutschland ist das möglich, weil das Embryonenschutzgesetz die Spende nicht ausdrücklich verbietet. "Es lässt diese Option unausgesprochen offen", erklärte Ulrich Noss.

In Österreich ist das anders, wie die Juristin Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission der österreichischen Bundesregierung und Vizerektorin der MedUni Wien, erläuterte: "Es ist in Österreich nicht möglich, Embryonen zu spenden bzw. eine Spende zu erhalten, weil das vom Gesetz her nicht vorgesehen ist."

Konkret ist in Paragraph 21 des Fortpflanzungsmedizingesetzes das Verbot formuliert: "Unzulässig ist die Vermittlung von entwicklungsfähigen Zellen, von Samen und Eizellen für eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung, sowie von Personen, die bereit sind, Samen, Eizellen oder entwicklungsfähige Zellen für eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung in sich einbringen zu lassen." Ausgenommen davon ist nur die Samenspende, deren Umstände im Gesetz genau festgeschrieben sind.

Trotzdem leben hier "Embryonenkinder"

Das heißt aber nicht, dass es in Österreich keine "Embryonenkinder" gibt. Im Zuge der Recherchen meldete sich eine auf ihren Wunsch hin anonym bleibende Frau bei science.ORF.at, die vor zwei Jahren ein Mädchen geboren hat, das ihr als Embryo in Tschechien eingepflanzt wurde.

Derzeit sei sie mit Zwillingen, die wiederum aus einer Embryonenspende hervorgegangen sind, schwanger. Der Unterschied in ihrem Fall ist allerdings, dass es sich bei ihren Kindern nicht um überzählige Eizellen aus In-Vitro-Versuchen gehandelt hat, sondern um extra produzierte Embryonen, wofür die Spender auch bezahlt bekommen.

In Tschechien ist sogar das erlaubt, und das führte nach Auskunft mehrerer involvierter Personen in den letzten Jahren zu einem regen "Reproduktionstourismus" - unter Mithilfe österreichischer Gynäkologen, die die Frauen nach Anweisung der tschechischen Kliniken mit Hormonen auf den Eingriff vorbereiten.

Bei ihrer ersten Schwangerschaft habe sie das Problem gehabt, dass sie keine Bindung zu dem Kind in ihrem Körper habe aufbauen können, schilderte Frau S.: "Mir hat da irgendwie die natürliche Zeugung gefehlt. Allerdings beim Kaiserschnitt wurde mir das Kind gezeigt, und die Bindung war von einem zum anderen Moment da."

Eine zweite Frau, die ebenfalls anonym bleiben möchte, schrieb, dass sie viele Versuche einer künstlichen Befruchtung hinter sich habe und noch Embryonen eingefroren lagern: "Wir und viele andere wissen, wie sich unerfüllter Kinderwunsch anfühlt. Deshalb würden wohl die meisten die übrig gebliebenen Eisbären spenden. Schade, dass das rechtlich in Österreich nicht geht."

Rechtliche und soziale Fragen

In das Bedauern stimmen teilweise auch die Experten ein. Bioethikerin Christiane Druml: "Das wäre natürlich sehr erfreulich, wenn diese Embryonen nicht ungenutzt bleiben und letztlich vernichtet werden." Sie würde eine dementsprechende Änderung der Gesetze durchaus befürworten, wenn zuvor einige rechtliche und soziale Fragen im Rahmen von Studien und Expertisen geklärt werden:

"Was soll in den Augen der Eltern mit überzähligen befruchteten Eizellen passieren? Wie wird dem Kind dann einmal erklärt, wer die biologischen Eltern sind? Sollte man eine verpflichtende Auskunft verankern wie bei der Samenspende, so dass die Kinder ab einem gewissen Alter die Möglichkeit haben, das zu erfahren? Sollte man die Verpflichtung noch verstärken, indem diese Auskunft nicht nur erfragt werden kann, sondern verpflichtet mitgeteilt werden muss?"

In Deutschland handhabt das Netzwerk Embryonenspende diese Frage analog zur Samenspende: Angaben zum Vater werden notariell hinterlegt, zur Mutter aber nicht. Ulrich Noss, Vorsitzender des Netzwerks Samenspende: "Das Gesetz kennt nur den genetischen Vater, nicht aber die genetische Mutter." Im Sinn des Gesetzes ist immer jene Frau die biologische Mutter, die das Kind geboren hat.

Wegwerfen ethisch vertretbar?

Eine Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes steht zwar bevor, so Christiane Druml, eine Lockerung erwarte sie aber nicht: "Wir haben ein extrem rigides Gesetz in Österreich und müssen uns fragen, ob es ethisch vertretbar ist, dass man außerhalb der Grenzen Österreichs ganz andere Maßnahmen durchführen lassen kann. Das ist ja auch nicht vertretbar, dass diese Dinge ins Ausland ausgelagert werden."

Und der deutsche Mediziner Ulrich Noss ergänzt: "Wenn ich es erlaube, dass Embryonen eingefroren werden, muss ich auch sagen, was mit den überzähligen passieren soll. Und dann stellt sich die Frage, ob die Antwort lauten darf: 'Dann schmeißen wir sie eben in den Müll.' Aber das muss wohl jede Gesellschaft für sich beantworten".

Elke Ziegler, science.ORF.at

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