Standort: science.ORF.at / Meldung: "Sex wurde schon vor 400 Mio. Jahren erfunden"

Künstlerische Darstellung eines Panzerfisches

Sex wurde schon vor 400 Mio. Jahren erfunden

Die Befruchtung im Mutterleib könnte es schon weit länger geben als bisher angenommen. Fossilien einiger Panzerfische weisen laut einer neuen Studie darauf hin, dass diese kopuliert haben könnten. Die Tiere hätten damit vor rund 400 Millionen Jahren die Sexualität "erfunden".

Panzerfische 21.10.2014

Präziser formuliert: die Kopulation. Denn Sexualität im eigentlichen Wortsinn - also die Durchmischung von genetischem Material - ist natürlich deutlich älter. Sie gab es schon bei Einzellern.

Kopulation und innere Befruchtung

Panzerfische (Placodermi) sind eine ausgestorbene Gruppe fischähnlicher Wirbeltiere mit Kiefern. Sie lebten vor rund 420 bis 360 Millionen Jahren (spätes Silur bis spätes Devon im Paläozoikum), zunächst in Süßwasser, später auch im Meer. Kopf und Rumpf der Tiere waren mit Knochenplatten gepanzert.

Die Forscher um John Long von der Flinders University in Adelaide hatten Fossilien sogenannter Antiarchi untersucht, einer Untergruppe der Panzerfische aus dem mittleren und späten Devon. Männchen hatten demnach spezielle penisartige Flossen für die Kopulation, Weibchen dazu passende lamellenartige Strukturen. Zuvor seien die Fortsätze der Männchen als modifizierte Bauchflossen gedeutet worden.

Die Panzerfische der Art Microbrachius dicki waren rund acht Zentimeter lang, die untersuchten Fossilien stammen aus Urmeeren aus der Gegend des heutigen Schottland.

Die Studie:

"Copulation in antiarch placoderms and the origin of gnathostome internal fertilization" von John Long und Kollegen ist am 19. 10. 2014 online in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell" am 21. Oktober 2014 um 13.55 Uhr.

Künstlerische Darstellung eines Kopulationsvorgangs der Panzerfische

Brian Choo, Flinders University

Künstlerische Darstellung eines Kopulationsvorgangs der Panzerfische

Der Vergleich verschiedener Arten weise darauf hin, dass Kopulation und innere Befruchtung unter den Panzerfischen schon weit verbreitet waren, schreiben die Forscher, die bei Untersuchungen zuvor schon zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren. So entdeckten sie Embryonen in einem Panzerfischfossil der Art Incisoscutum ritchiei. Als sicherer Befund seien die Ergebnisse aber nach wie vor nicht zu werten, weitere Analysen müssten folgen.

Heutige Fische befruchten sich äußerlich

Aus den Panzerfischen entstanden die Knorpel- und die Knochenfische sowie schließlich auch Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Die innere Befruchtung könnte vor der äußeren entstanden sein, schreiben die Forscher. Ein Evolutionsweg, der bisher als unplausibel gilt: Die effizienteren Lebendgeburten werden als fortschrittlichere Methode der Fortpflanzung angesehen.

Heute lebende Fische vermehren sich meist über äußere Befruchtung: Eizellen und Samen werden ins Wasser abgegeben und verschmelzen dort weitgehend dem Zufall überlassen. Alle Landwirbeltiere, aber auch Haie und manche Insekten pflanzen sich über innere Befruchtung fort.

Ein möglicher Evolutionsweg könnte gewesen sein, dass sich heutige "Eierleger" aus eierlegenden Panzerfischen und nicht aus deren kopulierender Verwandtschaft entwickelten.

science.ORF.at/dpa

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