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Toilettentür mit männlichem und weiblichem Symbol

Ein Grund, um Ehen zu annullieren

Katholische Ehen können bis heute kirchlich nicht geschieden werden. Möglich ist hingegen eine Annullierung der Ehe - aus bestimmten Gründen. Einer davon ist Impotenz. Diese Unfähigkeit, "die Ehe zu vollziehen", legitimierte bereits im Kirchenrecht des Mittelalters eine Annullierung - Impotenz zu beweisen, war aber nicht immer ganz leicht.

Impotenz 28.10.2014

Das zeigt die Auswertung von Gerichtsprotokollen, die Susanne Hehenberger, Historikerin und Provenienzforscherin am Kunsthistorischen Museum Wien (KHM), gemacht hat.

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Dem Thema widmet sich auch die Ö1 Dimensionen, 28.10., 19:05 Uhr: Bevor der Tod sie scheidet. Ehetrennungen vom 15. bis 18. Jahrhundert

Hehenberger arbeitet in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt mit, das gerichtliche Ehetrennungs- und Annullierungsverfahren vom 16. bis 19. Jahrhundert untersucht. Und zwar in Wien und Niederösterreich, dem damaligen "Erzherzogtum unter der Enns", einem Stammland des Habsburgerreichs. Bisher wurden im Rahmen des Projekts Konflikte von 1.500 Paaren erforscht. Als Quellen dienten Protokolle der bischöflichen Kirchengerichte von Passau und Wien sowie Akten des Wiener Stadtmagistrats.

"Da Impotenz einer der wenigen Gründe war, um eine Ehe zu annullieren, dachte ich zu Beginn, dass das Argument vor Gericht häufig benutzt wurde", sagt Hehenberger gegenüber science.ORF.at. "Das war aber nicht der Fall. In unserem Sample waren nur drei Prozent der Paare betroffen." Ein Grund dafür ist die recht aufwändige Beweisführung.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts reichte es noch, sieben Personen vor Gericht anzuführen, die das körperliche Defizit bezeugten. (Und zwar in der Regel jenes der Männer, denn 45 der 50 untersuchten "Impotenz-Klagen" betrafen sie.) Das änderte sich aber im Erzherzogtum unter der Enns bereits im 16. Jahrhundert. "Nun mussten auch medizinische Gutachten eingeholt werden", sagt Hehenberger. "Die Vorgabe war, dass eine Ehe dauerhaft impotent sein musste. Der Mann musste schon vor der Eheschließung impotent gewesen sein, und es durfte auch keine Aussicht auf Heilung bestehen."

Wie die Untersuchung aussah

In einer etwas früheren Publikation beschreibt der Nürnberger Mediziner Hartmann Schedel genau, wie so eine Untersuchung auszusehen hatte. Die Ärzte wurden vereidigt und mussten schwören, dass sie sich nicht von dem Beklagten beeinflussen lassen. Auch der zu Untersuchende hatte einen Eid abzulegen und zu beteuern, dass er etwa seinen Harn nicht künstlich verändert habe.

Und dann gab es eine ausführliche Befragung. "Wie hat sich der Beklagte sexuell gegenüber seiner Frau verhalten? Hatte er Erektionen oder nächtliche Pollutionen? Wurden seine Hoden jemals mit Bilsenkraut behandelt - ein kältendes Mittel, das die Potenz vermindert? Gab es operative Eingriffe? Hat er Potenzmittel genommen, und wenn ja, mit welchem Erfolg?", zählt Hehenberger den verpflichtenden Fragekatalog auf.

"Höhepunkt" war die "oculare Inspection", also die äußerliche Beschau der Geschlechtsorgane. Überprüft wurden ihre Farbe, Beschaffenheit und die Sichtbarkeit von Venensträngen. "Interessanterweise auch, ob es einen intakten Venenstrang hinter dem Ohr gab, weil das als Verbindung zu den Geschlechtsorganen gesehen wurde. War sie nicht vorhanden, galt das als Zeichen von Impotenz."

Beischlaf vor Augenzeugen

Konnte diese Überprüfung schon recht unangenehm sein, so gingen die Medizinerkollegen in Frankreich noch einen Schritt weiter. Im 16. und 17. Jahrhundert haben Gerichte dort Masturbation und Beischlaf vor Augenzeugen angeordnet, um die Potenz des Mannes zu überprüfen. "Das dürfte ein französisches Spezifikum gewesen sein", sagt Hehenberger. "Es wurde schon von Zeitgenossen heftig kritisiert. Und zwar nicht moralisch, sondern weil das ein enormer Stress für den Ehemann sei. Auch potente Ehemänner könnten dabei versagen, so lautete das Argument."

1677 wurde die Praxis dann auch verboten. Fakt ist, dass es auch im Erzherzogtum unter der Enns zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert immer schwieriger wurde, eine Ehe annullieren zu lassen. Zum einen lag das daran, dass die medizinischen Gutachten immer strenger beurteilt wurden. Zum anderen wurde aber von Seiten der Kirche eine neue Hürde eingeführt: der defensor matrimonii, der "Eheverteidiger".

"Das ist ein Amt, das Papst Benedikt XIV. im Jahr 1741 eingeführt hat, mit der Begründung: Es gibt zu viele Annullierungen." Besonders in zweifelhaften Fällen - und dazu gehörte die Impotenz - sollte die Rate reduziert werden. Und so geschah es. Im untersuchten Zeitraum nahmen die Eheannullierungen wegen Impotenz deutlich ab.

Thema bis heute aktuell

Dass das Thema noch immer aktuell ist, zeigt die jüngste Synode im Vatikan, bei der es u.a. darum ging, den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen zu modernisieren. Zwar wurde bereits im 12. Jahrhundert etwas erfunden, das die Lebensrealität zerstrittener Paare erleichtern sollte: die Trennung von Tisch und Bett. Das einmal geschlossene "eheliche Band" ist damit aus katholischer Sicht aber nicht durchschnitten.

Bis zur Einführung der Zivilehe - in Österreich erst mit der Übernahme des NS-Eherechts 1938 - war die Trennung von Tisch und Bett für Katholiken die einzig kirchenrechtlich legitime Möglichkeit, vom Ehepartner oder der Ehepartnerin getrennt leben zu dürfen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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