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Porträtfoto der Historikerin Erika Weinzierl

Trauer um Zeithistorikerin Erika Weinzierl

Ihr Leben hat Erika Weinzierl der Aufarbeitung des Nationalsozialismus gewidmet. Dienstagfrüh ist die Zeithistorikerin 89-jährig in Wien verstorben, wie das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mitteilte. Der Tod der "Doyenne der zeitgeschichtlichen Forschung" hat eine Welle an Kondolenzbekundungen ausgelöst.

Zeitgeschichte 29.10.2014

"Zu wenig Gerechte"

Weinzierls unermüdlicher Kampf gegen den Nationalsozialismus begann bereits in der Studentenzeit, als sie sich der Widerstandsgruppe rund um den katholischen Geistlichen Karl Strobl anschloss. 1963 machte sie als erste Wissenschaftlerin das Verhalten der katholischen Kirche während der Nazizeit zum Thema.

Ihr bekanntestes Werk ist der 1969 erschienene Band "Zu wenig Gerechte. Österreicher und die Judenverfolgung 1938-1945". Insgesamt hat Weinzierl 30 Bücher verfasst bzw. mitherausgegeben und über 200 Aufsätze und wissenschaftliche Beiträge geschrieben. Weinzierls wissenschaftliche Heimat war und ist das Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien, dem sie zwischen 1979 und 1990 vorstand und wo sie auch nach ihrer Emeritierung 1995 noch bis vor einigen Jahren fast täglich zum Arbeiten erschien.

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Politisch höchst aktiv

Auch abseits ihrer wissenschaftlichen Arbeit setzte sich die Pazifistin gegen die Atomrüstung, für eine humane Asyl- und Migrationspolitik und vor allem für eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein. Sie war unter anderem langjährige Präsidentin der "Aktion gegen den Antisemitismus" und Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung, saß im Kuratorium des Bruno-Kreisky-Archivs und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und war Mitglied des Berliner Beirates "Topographie des Terrors".

Weinzierl war außerdem auch politisch aktiv: Nach Kriegsende engagierte sie sich in der neu geschaffenen Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) in der konservativen Freien Österreichischen Studentenschaft (FÖST). In Interviews hat sie sich selbst einmal als "Linkskatholikin" und ehemalige "Links-ÖVPlerin" bezeichnet. 1995 trat sie jedoch - nach 30 Jahren Mitgliedschaft - aus der ÖVP aus. Anlassfall war laut Weinzierl "der erste Versuch von Wolfgang Schüssel, mit Jörg Haider und der Haider-FPÖ eine Regierungskoalition einzugehen".

Professorin seit 1967

Erika Weinzierl wurde am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien geboren. Noch während des Krieges begann sie ihr Medizinstudium, 1945 wechselte sie aber zu Geschichte und Kunstgeschichte und schloss das Studium nach nur drei Jahren ab. Parallel absolvierte sie den Lehrgang des Instituts für Geschichtsforschung an der Universität Wien.

Bis 1964 arbeitete die Historikerin als Archivarin im Haus-, Hof-und Staatsarchiv in Wien. Bereits 1961 habilitierte sich Weinzierl für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, von 1964 bis 1992 war sie Vorstand des Instituts für kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrum Salzburg.

1967 wurde Weinzierl außerordentliche, 1969 ordentliche Professorin an der Universität Salzburg, 1973 begann Weinzierl ihre Funktion als Herausgeberin der Monatszeitschrift "Zeitgeschichte". Sie leitete das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft, ab 1978 las sie am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Für ihr Lebenswerk wurde Weinzierl vielfach ausgezeichnet, so auch im Mai 2009 mit dem Ehrenpreis des Presseclubs Concordia. Neben dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und dem Dr.-Hertha-Firnberg-Staatspreis für besondere Leistungen im Bereich Wissenschaft und Forschung hat die Zeithistorikerin auch internationale Auszeichnungen bekommen, etwa die päpstliche Medaille Bene Merenti (1952) und den Premio Adelaide Ristori vom Centro Culturale Italiano in Rom (1979).

Trauer und Würdigung

Der Tod der Historikerin Erika Weinzierl hat in Österreich große Bestürzung ausgelöst. Bundespräsident Heinz Fischer würdigte in einer Aussendung den Beitrag der verstorbenen Zeithistorikerin Erika Weinzierl "zur Festigung des demokratischen Bewusstseins", dieser könne "gar nicht hoch genug eingeschätzt werden". Österreich verliere mit ihrem Tod "die Doyenne der zeitgeschichtlichen Forschung".

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) betonte die Verdienste der verstorbenen Zeithistorikerin Erika Weinzierl "um eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus". Sie sei eine über Parteigrenzen hinweg anerkannte moralisch-ethische Instanz gewesen, die ihre zutiefst demokratische Grundhaltung immer wieder zum Ausdruck gebracht habe.

Auch SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder und der Grüne Bildungssprecher Harald Walser haben in Aussendungen die verstorbene Historikerin Erika Weinzierl gewürdigt. "Erika Weinzierl war Kämpferin, Antifaschistin und eine exzellente Wissenschaftlerin", so Schieder. Walser bezeichnete Weinzierl als "Lichtgestalt der österreichischen Zeitgeschichtsschreibung".

science.ORF.at/APA

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