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Junge Frau hält sich die Nase zu

Ekel verrät politische Einstellung

Politik ist nicht frei von Emotionen und Affekten, wie sich im Tagesgeschehen gut beobachten lässt. Dennoch ist es überraschend, wie weit die Verstrickung anscheinend reicht: Nur an der Gehirnreaktion auf ekelerregende Bilder wollen Forscher erkennen können, ob jemand liberal oder konservativ ist.

Hirnforschung 31.10.2014

Politische Biologie

Persönliche politische Einstellungen und Überzeugungen sind keineswegs so rational und wohlüberlegt, wie man das gern meinen oder von sich behaupten möchte. Denn die Hinweise häufen sich, dass grundlegende biologische - zum Teil vermutlich sogar vererbte - Mechanismen einen gar nicht geringen Einfluss darauf haben, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Anders ausgedrückt: Ob man liberal oder konservativ bzw. links oder rechts ist, kann man sich nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen. Das versuchen Studien, zum einen am Verhalten festzumachen: So sollen etwa Rechtskonservative aggressiver auf Bedrohungen reagieren sowie anfälliger für Ekel sein. Es wird ihnen sogar ein geringerer IQ attestiert.

Die Studie in "Current Biology":

"Nonpolitical Images Evoke Neural Predictors of Political Ideology" von Woo-Young Ahn et al., erschienen am 30. Oktober 2014.

In den vergangenen Jahren haben Forscher versucht, die angelegten Unterschiede nun auch körperlich dingfest zu machen, nämlich im Gehirn. Eine 2011 erschienene Studie kam etwa zum Schluss, dass sich die politische Haltung tatsächlich in der Hirnstruktur spiegelt. Die Amygdala - eine oft auch als Angstzentrum bezeichnete Gehirnregion - war bei rechtskonservativen Studenten im Vergleich zu ihren liberalen Kommilitonen deutlich größer.

Unbewusste Affekte

Die Forscher um P.R. Montague vom Virginia Tech gingen auf der Suche nach einem Zusammenhang noch einen Schritt weiter. Auch sie verwendeten Gehirnbilder, die von einem eigens entwickelten selbstlernenden Programm ausgewertet wurden. Die Aufnahmen wurden gemacht, während die Probanden eine Serie von abstoßenden, angenehmen und neutralen Bildern aus dem International Affective Picture System (IAPS) betrachten mussten. Die politische Einstellung der Teilnehmer wurde mit Hilfe verschiedener standardisierter Fragebögen erhoben.

Wenn die politische Einstellung tatsächlich mit biologischen Affekten und Gefühlen verknüpft ist, sollte man sie umgekehrt auch an der Reaktion auf unpolitische Reize ablesen können, so die gewagte These der Forscher. Wie die Untersuchung zeigte, lässt sich dies wirklich bewerkstelligen, zumindest bei bestimmten Reizen - nämlich jenen, die Ekel hervorrufen. Die maschinelle Auswertung der Gehirnaktivierung lieferte anhand der Reaktion auf ekelerregende Bilder passende Aussagen über die politische Haltung - konservative Versuchspersonen reagierten deutlich heftiger als liberale. Besonders treffsicher funktionierte das Programm bei ekelhaften Abbildungen, die verstümmelte Tiere zeigten.

Interessanterweise kam eine anschließende Befragung der Probanden über ihre Gefühle beim Betrachten zu völlig anderen Ergebnissen. In ihren bewussten Urteilen unterschieden sich Liberale und Konservative kaum. Das belegt laut den Forschern die Vermutung, dass es uns selbst oft gar nicht bewusst ist, wie wir auf etwas reagieren und was das mitunter für Konsequenzen haben kann.

Nachsicht mit Andersdenkenden

Wie die Forscher betonen, sollen die Ergebnisse keiner simplen Biologisierung Vorschub leisten. Sie planen (vorerst) auch kein Messgerät für Ideologien.

Ob die affektiven Reaktionen mit der genetischen Disposition oder mit bestimmten Lebenserfahrungen zu tun haben, lasse sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht entscheiden. Vermutlich prägt beides die politische Haltung. Zum Glück habe der Mensch aber die einzigartige Fähigkeit, über sich und seine Haltungen nachzudenken und diese gegebenenfalls zu ändern.

Die Erkenntnisse mahnen laut den Forschern zudem zur Nachsicht mit Andersdenkenden: "Wenn wir manche reflexartigen Reaktionen in politischen Angelegenheiten als das erkennen, was sie sind - nämlich einfach Reaktionen, dann ließen sich die Wogen in so manchem politischen Konflikt leichter glätten", erklärt Montague.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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