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Pavian

Auch Tiere können sich kulturell entwickeln

Ohne seine Kultur wäre der Mensch nicht so erfolgreich. Gängige Theorien besagen, dass nur unsere Spezies die entsprechenden Anlagen besitzt. Eine neue Studie widerspricht: Unter geeigneten Bedingungen könnten sich auch manche Tiere kulturell entwickeln. Die Entwicklung ähnle zudem in vielem der menschlichen.

Evolution 05.11.2014

Typische Entwicklungsmuster

Die Studie in den "Prodeedings of the Royal Society":

"Cultural evolution of systematically structured behaviour in a non-human primate" von Nicolas Claidìere et al., erschienen am 5. November 2014.

Die menschliche Kultur ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen, sondern hat sich über tausende Jahre sowie unzählige Generationen entwickelt, und ist dabei stetig angewachsen. Egal, ob es sich um Technologie oder Sprache handelt, die Anfänge waren simpel, erst nach und nach wurde alles komplexer und vielfältiger. Im Mittelpunkt dieses Prozesses steht soziales Lernen. D.h., während Fertigkeiten von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, entwickeln sich diese weiter.

Geprägt wird diese Evolution in allen Bereichen von ähnlichen Mustern: Kleine Verbesserungen führen zur ständigen Erweiterung des Repertoires, es gibt eine Tendenz zu mehr Struktur und jede Abstammungslinie entwickelt ihre Eigenart. Sehr schön lässt sich dies mit Sprachexperimenten nachzeichnen. Dabei müssen Sprecher zu Beginn eine Minisprache lernen, die zufällige Symbole mit Bedeutung verbindet. Dieses Anfangsinventar müssen die ersten Sprecher dann an andere Versuchsteilnehmer weitergegeben, diese dann das Gelernte an die nächsten, usw. Die Sprache wird im Lauf der Weitergabe immer reichhaltiger, immer systematischer und dadurch leichter zu lernen, außerdem unterscheidet sie sich nach Sprechergruppen. Forscher gehen heute davon aus, dass echte Sprachen mitsamt ihrer komplexen Grammatik auf ähnliche Weise entstanden sind.

Die Belege häufen sich, dass auch Tiere bis zu einem gewissen Grad sozial gelernte Kultur besitzen; bekannte Beispiele sind der Werkzeuggebrauch bei Primaten und Krähen sowie der Gesang von Singvögel. Die permanente Erweiterung und Weiterentwicklung des gelernten Verhaltens wurde aber bisher noch nie beobachtet. Eine gängige Erklärung dafür lautet: Den Tieren fehlen einfach die notwendigen kognitive Voraussetzungen.

Evolution ermöglichen

Laut den Forschern um Nicolas Claidìere von der Aix Marseille Université könnte es einfach daran liegen, dass die bisherigen Experimente keine Evolution ermöglicht haben. Genau das wollten sie in ihrer aktuellen Arbeit bewerkstelligen. 15 Paviane waren die Probanden im Experiment. Die in Gefangenschaft geborenen Tiere leben relativ frei in einem Primatenzentrum in Rousset-sur-Arc. Ihnen stehen 700 Quadratmeter Garten zur Verfügung, zum Schutz gibt es auch einen Innenraum. Zehn Teststationen wurden für die Untersuchung eingerichtet, wo die Tiere an den Experimenten teilnehmen konnten.

Zu Beginn der Versuchsreihe mussten die Tiere mit Hilfe von Belohnungen das Grundprinzip der Aufgabe erlernen: Auf einem Bildschirm befanden sich dabei zuerst jeweils vier rote und zwölf weiße Kästchen. Danach wurden alle Quadrate weiß und die Paviane sollten auf jene drücken, die zuvor rot gewesen waren. Bei drei oder vier Richtigen erhielten sie eine Belohnung. Sobald die Paviane den Sinn der Übung verstanden hatten, begann der eigentliche Test. Für jede der insgesamt sechs Übertragungslinien wurde ein Tier ausgewählt, das mit 50 Versuchen an per Zufall generierten Mustern beginnen durfte. Das nächste Tier erhielt die tatsächlich gedrückten Muster des ersten dann als Aufgabe. Die Weitergabe zog sich so über insgesamt zwölf Generationen.

Am Ende wurde die Ergebnisse statistisch ausgewertet: Dabei zeigte sich, dass sich die Leistung der Tiere bei der Weitergabe deutlich verbessert hatte - im Vergleich zu jenen Tieren, die immer wieder zufällige Muster vorgelegt bekamen - bei diesen war sie im Lauf der Zeit sogar schlechter geworden. Beim Versuchssetting wurden die Tiere von Generation zu Generation immer treffsicherer.

Zudem hat sich im Lauf der Weitergabe eine bestimmte Struktur der Kästchen entwickelt, wie die Forscher schreiben. Am Ende waren in der Regel alle roten Rechtecke verbunden, aber auf unterschiedliche Weise je nach Übertragungslinie. Diese Struktur ist den Forschern zufolge vermutlich mit ein Grund für die verbesserte Treffsicherheit.

Alle Ergebnisse zusammen belegen demnach die Hypothese, dass Tiere kulturelle Fertigkeiten über Generationen auf recht menschliche Weise weiterentwickeln können: Die Leistung verbessert sich, es gibt eine Tendenz zu Struktur, aber Unterschiede je nach Abstammungslinie. Laut den Forschern habe man die Unterschiede zwischen der menschlichen und tierischen Kulturbegabung bis jetzt überschätzt. Bleibt die Frage, warum es den realen und fundamentalen Unterschied zwischen der menschlichen Kultur und den kulturellen Systemen anderer Arten überhaupt gibt?

Indirekte Weitergabe, willkürliche Symbole

Die Forscher liefern zwei mögliche Antworten. Die erste bezieht sich auf die Art der Weitergabe. Im Experiment erfolgte sie nämlich indirekt beziehungsweise vermittelt, nämlich über Computer und Touchscreens, und nicht durch direkte Beobachtung eines Artgenossen. Bei Menschen ist der indirekte Weg allgegenwärtig, Bücher oder das Internet sind nur zwei Beispiele für diese Art des Lernens. Bei in der Natur lebenden Tieren gibt es recht wenige vergleichbare Beobachtungen. Möglicherweise hat indirektes Lernen bei der Entwicklung der menschlichen Kultur eine weitaus größere Rolle gespielt als bisher vermutet, so eine Schlussfolgerung der Wissenschaftler.

Eine andere Erklärung für die Unterschiede liegt in der Art der Fertigkeit. Die Muster im Experiment waren völlig ohne Bedeutung und die Leistung nur an eine Belohnung gekoppelt. Echte sozial erlernte tierische Fertigkeiten haben in der Regel eine klar abgegrenzte Funktion, z.B. die Verwendung eines Werkzeugs zum Öffnen von Nüssen, und dadurch nur eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten. Vielleicht können sich - bei Menschen wie bei Tieren - nur jene Fähigkeiten weiter entwickeln, bei den Form und Funktion willkürlich miteinander verbunden sind, das beste Beispiel dafür ist wiederum die menschliche Sprache.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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