Standort: science.ORF.at / Meldung: "Medikament aus Wien in Frankfurt angewendet"

Ein Patient bekommt eine Infusion.

Medikament aus Wien in Frankfurt angewendet

Eine ursprünglich von Wiener Forschern entwickelte Substanz wurde nun erstmals im Rahmen einer Ebola-Therapie angewendet. Intensivmediziner an der Frankfurter Universitätsklinik gaben einem Patienten das experimentelle Arzneimittel, das löchrig gewordene Blutgefäße versiegeln soll.

Ebola II 05.11.2014

Der Patient befindet sich mittlerweile auf dem Wege der Besserung. Diese Fakten gaben deutsche Wissenschaftler und das Wiener Biotech-Unternehmen F4Pharma gegenüber der APA bekannt.

"Kitt" für Blutgefäße

Zu Beginn des Jahres 2000 entdeckte Peter Petzelbauer, Chef der Abteilung für Haut- und Endothelforschung der Hautklinik im AKH Wien, dass das Peptid B-beta15-42 eine Wirksubstanz für eine Reihe von Einsatzgebieten sein könnte: z. B. Verhinderung von Herzinfarktschäden und Komplikationen von Schockzuständen bei Multiorganversagen etc. Das Eiweißfragment ist eine Art Versiegelung für im Rahmen solcher Erkrankung "löchrig" gewordene Blutgefäße, aus denen Flüssigkeit in das Gewebe austritt.

Tiermodelle zeigten Wirkung

"Das nennt man 'Vascular Leak'. Bei Ebola-Patienten kann das im Verlauf (der Erkrankung, Anm.) zu massiven Komplikationen der Lungen und anderer Organe führen", sagte dazu Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie der Universitätsklinik Frankfurt, gegenüber der APA.

Bereits im Jahr 2004 hatten präklinische Studien an Tiermodellen eine - so Petzelbauer damals - "hervorragende Wirksamkeit" bei schweren Schockzuständen durch bakterielle Infektionen gezeigt. Man ging schon damals davon aus, dass das auch für die schweren Komplikationen im Verlauf von Viruserkrankungen wie SARS, Ebola und Dengue-Fieber gelten würde.

Der Dermatologie-Endothelforscher sagte damals gegenüber der APA zu dem Wirkprinzip: "Beim Schock kommt es zum Zusammenbruch der Funktion der Blutgefäße. Sie verlieren ihre Barrierefunktion, das heißt, die Patienten 'verlieren' Flüssigkeit ins Gewebe, unbehandelt verstirbt der Patient."

Kinderarzt mit Ebola

Am 3. Oktober dieses Jahres stand das Team der Frankfurter Universitätsklinik dann vor einem solchen Patienten. Der Intensivmediziner: "Wir haben damals einen 38-jährigen Kinderarzt aus Westafrika mit Ebola eingeliefert bekommen. Wenn Sie in einem solchen Fall keine etablierte Therapie haben, stehen Sie mit dem Rücken zur Wand."

Genau das war in jenen Tagen der Fall. Der Experte: "Der Patient wurde schwerkrank. Wir haben ihn im Team intensivmedizinisch versorgt. Wir konnten beobachten, dass er mehr oder minder in ein Multiorganversagen geriet. Die Lungenfunktion wurde immer schlechter. Da stellt man sich die Frage, ob vielleicht ein für diese Anwendung nicht zugelassenes Therapieprinzip wirken könnte."

Über kritische Komplikationen gerettet

Schließlich erhielt der Patient in Frankfurt jeweils zweimal 200 Milligramm des Peptids FX06 im Abstand von zehn Minuten - und das alle zwölf Stunden an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Zacharowski: "Mit der sogenannten PiCCO-Messung konnten wir beobachten, wie dieses 'Vascular Leak' reduziert wurde. Die Atemfunktion wurde wieder besser."

Mittlerweile befindet sich der Ebola Patient aus Sierra Leone auf dem Wege der Besserung, er ist allerdings noch in der Frankfurter Klinik. Möglicherweise aber hat FX06 den Kinderarzt über die kritische Komplikation des Flüssigkeitsaustritts in die Lunge so hinübergerettet, dass er die kritische Phase überstand.

Versorgung für 200 bis 300 Patienten

Derzeit reiche die vorhandene Substanzmenge für 200 bis 300 Patienten, sagte F4Pharma-Geschäftsführer Thomas Steiner. Damit könnte man im ersten Schritt mit Ebola infizierte und erkrankte Angehörige des Gesundheitspersonals in Westafrika unter kontrollierten Bedingungen behandeln, ebenso aus dem Seuchengebiet in Sicherheit gebrachte Patienten, die nach Westeuropa und den USA zur intensivmedizinischen Betreuung gebracht werden. Aufbauend auf den dabei gesammelten Erkenntnissen könne dann eventuell an einen breiteren Einsatz gedacht werden.

science.ORF.at/APA

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