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Zwei Gehirne im Scan gegenüber

Wie tot muss man für Transplantationen sein?

Wenn das Gehirn eines Menschen tot ist, dann gilt er als tot. Diese weit verbreitete Todesdefinition wird seit einigen Jahren von der Hirnforschung angezweifelt. Und das wirft neue ethische und medizinische Fragen auf, etwa in der Transplantationsmedizin: Darf man jemandem Organe entnehmen, der vielleicht doch nicht "ganz tot" ist?

Ethische Zwickmühlen 06.11.2014

Diesen und anderen schwierigen Themen widmet sich eine Tagung, die heute am Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien begonnen hat. Ulrich Körtner, der Institutsleiter und evangelische Theologe, beantwortet vorab die wichtigsten Fragen.

science.ORF.at: Ab wann gilt man in Österreich medizinisch als tot?

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin (IERM). Ulrich Körtner war von 2001 bis 2013 Mitglied der österreichischen Bioethikkommission.

Veranstaltung:

Am 6. und 7. November findet die "IERM Jahrestagung: Hirntod und Organtransplantation - zum Stand der Diskussion" statt (Programm der Tagung, pdf-Datei).

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 6.11., 13:55 Uhr.

Ulrich Körtner: Wenn alle Funktionen des Gehirns ausgefallen sind, vom Großhirn bis zum Klein- und Stammhirn. Das ist der "Ganzhirntod". Der Herzstillstand ist im Unterschied zu früher kein Todeskriterium mehr, dann man kann Menschen ja ein gewisse Zeit lang reanimieren. Deshalb hängen in öffentlichen Gebäuden überall Defibrillatoren. Wenn das Gehirn aber länger nicht mit Sauerstoff versorgt wird, wird es geschädigt, nach mehr als zehn Minuten zerstört. Deshalb gibt es in Österreich die gesetzliche Regelung, wonach auch nach einem Herzstillstand von mehr als zehn Minuten der Tod festgestellt werden kann, sofern eine Reanimation nicht mehr möglich ist. Diesen Patienten können auch Organe entnommen werden. Das ist international aber umstritten, Länder wie Deutschland weisen das aus ethischen und medizinischen Gründen zurück.

Wie sieht der übliche Ablauf aus, wenn der Tod eines Menschen festgestellt wird?

Im Krankenhaus müssen Ärzte den Hirntod feststellen. Außerhalb ist das anders, wenn es etwa sichere Todeszeichen gibt wie eine Leichenstarre oder Verwesungsmerkmale. Aber wenn es für Organspenden darum geht, den Tod möglichst früh zu diagnostizieren, dann ist es notwendig, dass Neurologen untersuchen, ob ein Hirntod vorliegt. Zwei unabhängige Ärzte müssen den Hirntod bestätigen, und das dürfen nicht die gleichen sein, die Organe entnehmen wollen. Das Urteil soll somit nicht von den Interessen Dritter - etwa von einem Organempfänger, dessen Leben auf dem Spiel steht - abhängen. Ähnliches gilt für einen Herz-Kreislauf-Stillstand: Er muss mindestens zehn Minuten andauern, bei einer Körpertemperatur von mindestens 34 Grad dürfen keine Herzaktivitäten mehr messbar sein, der Patient muss im Koma liegen, darf keine Pupillenreaktion mehr zeigen, nicht mehr atmen - auch diese Anzeichen müssen von zwei unabhängigen Ärzten überprüft werden.

Warum hängen Todesdefinition und Organspenden so stark zusammen?

Wegen der Fortschritte in zwei Bereichen ab den 1960er Jahren. Zum einen in der intensivmedizinischen Behandlung: Mit der Möglichkeit, Leben durch Maschinen zu verlängern, hat sich die Frage nach dem Tod neu gestellt. Wenn der Hirntod das Kriterium ist, dann ist das Beenden der intensivmedizinischen Behandlung - etwa das Abschalten von Beatmungsmaschinen - kein Tötungsdelikt, sondern ein ethisches Gebot. Zum anderen gab es Fortschritte in der Transplantationsmedizin: 1967 hat Christiaan Barnard die erste Herztransplantation durchgeführt. Damit stellte sich die Frage, ab wann man ein Herz entnehmen konnte.

Diese beiden Entwicklungen haben sich überschnitten, und so haben Forscher der Harvard Medical School 1968 erste Richtlinien ausgearbeitet: und zwar für hinreichende Todeskriterien und für die Sicherstellung, dass bei diesen Kriterien keine Irrtümer geschehen. So wurde festgeschrieben, mit welchen Methoden man einen Hirntod zuverlässig feststellen kann.

Bei der Tagung in Wien soll darüber diskutiert werden - warum gerade jetzt?

Spätestens seit 2008 wird international darüber diskutiert, wie sicher der Hirntod als Todeskriterium ist und ob die Betroffenen tatsächlich tot sind. Auslöser war ein White Paper des US-Bioethikrats für den Präsidenten, das damals veröffentlicht wurde.

Darin wurde auf neue Erkenntnisse eingegangen, die die Neurowissenschaften über das sterbende Gehirn gewonnen haben. Sie können selbst beim Ganzhirntod noch Aktivitäten des Gehirns messen. Und das führte zu dem Argument, dass das Hirntod-Konzept das Bewusstsein auf das Gehirn reduziere - während es nur das "verdickte Ende" des gesamten Nervensystems darstelle. Es gibt Neurowissenschaftler, die meinen, dass die rein biologische Leistung des Gehirns überschätzt wird. Denn es gebe Steuerungsfunktionen im menschlichen Körper, die nicht dort angesiedelt sind, sondern in anderen Teilen des zentralen Nervensystems - selbst der Totalausfall des Gehirns sei somit nicht das Ende der menschlichen Person. Das Kriterium für den Tod ist in diesem Konzept der Hirntod plus irreversiblem Herz-Kreislauf-Stillstand.

Das hätte aber Konsequenzen für Organspenden: Bei Hornhaut und Knochen kann es etwas länger dauern. Aber bestimmte lebensnotwendige Organe wie Herz, Niere oder Lunge müssen für eine Transplantation schnell entnommen werden. Bei solch einem Konzept und Todeskriterium könnten diese nicht mehr transplantiert werden.

Wie sieht der Stand der Diskussion in Österreich aus?

Sie wird eher hintangehalten. Und zwar weil befürchtet wird, dass sie sich negativ auf die gesetzlichen Regelungen zur Transplantationsmedizin auswirken könnte. In Österreich gibt es die Widerspruchslösung: Jedem und jeder dürfen Organe entnommen werden, sofern er oder sie zu Lebzeiten nicht ausdrücklich das Gegenteil verfügt hat. In Deutschland und anderen Ländern hingegen dürfen Organe nur dann entnommen werden, wenn die Menschen dem ausdrücklich zugestimmt haben. Wenn der Hirntod aber nicht mehr das Kriterium für den Tod ist, stellt sich die Frage, ob man die Widerspruchslösung noch rechtlich und ethisch argumentieren kann.

Ein anderes Todeskriterium betrifft aber nicht nur Fragen der Transplantationsmedizin, es wird auch noch eine andere Debatte angestoßen. Denn man könnte auch sagen: "Ok, die sind zwar nicht richtig tot, aber wer in diesem Stadium ist, darf verfügt haben, Organe zu spenden." Wenn man das so sieht, öffnet man die Debatte darüber, ob nicht auch andere Menschen für die Sterbephase verfügen dürfen, dass man ihrem Leben ein Ende setzt - das hätte also Rückwirkungen auf die Euthanasiedebatte.

Hat sich durch die Diskussion in den USA etwas praktisch verändert?

Meines Wissens nicht. Man scheint eher einen pragmatischen Zugang gewählt zu haben und zu sagen: Es mag sein, dass das Hirntod-Konzept aus medizinischen und philosophischen Gründen fragwürdig ist. Aber in der Praxis gehen wir davon aus, dass, wer sich in dem Stadium befindet, nicht wieder in normales Leben zurückfinden wird. D.h. ohne Beatmungsmaschine, ohne Herz-Kreislauf-Maschine und die entsprechenden Medikamente kann der Mensch nicht mehr leben. Dreht man die Maschinen ab, ist er tot. Aus pragmatischen Gründen betrachten wir ihn deshalb so, als ob er tot wäre.

Es gibt aber auch Menschen, die das ganz anders sehen. Wenn der Hirntod kein hinreichendes Kriterium ist, um jemanden für unwiderruflich tot zu erklären, dann, so meinen sie, müsste man die ganze Praxis der Organentnahme überdenken. Es gibt den Standpunkt, wonach dies das Ende der Transplantationsmedizin in der heutigen Form wäre.

Was ist Ihre persönliche Position dazu?

Als ethischer Fachmann, aber medizinischer Laie bin ich der Meinung, dass wir weiter am Hirntod als hinreichendes Todeskriterium festhalten können. Ich halte das Argument durch die Neurowissenschaften nicht für entkräftet. Insofern, denke ich, sollte man auch an der Praxis des Organspendens nichts verändern. Generell bin ich für eine offene Diskussion. Es gibt gute Argumente für die jetzige Praxis, und die braucht man auch nicht verstecken.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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