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Buch mit zu Papierschiffchen gefalteten Buchseiten

Der Forscher im Zitatenteich

"Ich wage mich als Unschuld vom Lande in die Herzkammern der österreichischen Literatur. Nun habe ich etwas Angst vor meinem Mut", sagt Peter Utz. Der Schweizer Germanist forscht derzeit in Wien - und sucht im Werk von Musil, Kraus und Kafka nach Zitaten.

Interview 17.11.2014

In einem Interview spricht er über die Grenzbezirke seines Metiers: Plagiate, vogelfreie Sätze und doppelte Anführungszeichen.

science.ORF.at: Herr Utz, lassen Sie uns zu Beginn über Äußerlichkeiten reden. Ich trage ein mit Comic-Superhelden bedrucktes T-Shirt. Würden Sie das bereits als Zitat qualifizieren?

Peter Utz: Natürlich, das ist eine kulturelle Referenz, eine Mischung aus Text- und Bildzitaten, für den, der sie als solche erkennt. Interessanterweise hat die Bildwissenschaft für das Bildzitat gar keinen Begriff, obwohl das Phänomen natürlich sehr alt ist.

Peter Utz

Universität Lausanne

Zur Person

Peter Utz ist seit 1987 ordentlicher Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Forschungsschwerpunkte: Goethezeit, Jahrhundertwende, literarisches Feuilleton, Literatur aus der Schweiz, literarisches Übersetzen. Derzeit forscht Peter Utz als Senior Fellow am IFK Wien.

Buchpublikationen (u. a.): Kultivierung der Katastrophe. Untergangsszenarien in den Literaturen der Schweiz, München 2013; Anders gesagt - autrement dit - in other words. Übersetzt gelesen: Hoffmann, Fontane, Kafka, Musil, München 2007 (japan. Übers. 2011); Tanz auf den Rändern. Robert Walsers "Jetztzeitstil", Frankfurt/Main 1998 (frz. Übers. 2001). Das Auge und das Ohr im Text. Literarische Sinneswahrnehmung in der Goethezeit, München 1990.

Vortrag

Peter Utz: Schöpfen aus dem "Zitatenteich"
Intertextuelle Praktiken der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts
17. November 2014, 18 Uhr c. t. am IFK, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien (Eintritt frei)

Leben wir gegenwärtig in einer Zitatenwelt?

Die Frage ist berechtigt: Wie gehen wir mit diesem riesigen Repertoire unserer Kultur um, das uns in völliger Gleichzeitigkeit zur Verfügung steht? Für mich hinterlässt diese Situation ein bisschen den Eindruck des "Anything goes". Das ist gewissermaßen der Grenzwert und Ausgangspunkt meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Zitat.

Haben Sie selbst ein Lieblingszitat?

Ich würde am liebsten wie Agathe aus Musils "Mann ohne Eigenschaften" sagen: "Ich zitiere nicht." Aber das ist nicht wahr, ich zitiere natürlich, wenn auch häufig eher ironisch - insofern fühle ich mich auch zu Fontane hingezogen, der Zitate gewissermaßen in doppelte Anführungszeichen setzt.

Schillers Wilhelm Tell zitiere ich gerne - der Text ist mir zunächst in der Aggregatform der geflügelten Worte begegnet: "Die Axt im Hause erspart den Zimmermann", "Der Starke ist am mächtigsten allein." Daran hat mich immer schon interessiert: Wurde der Text bereits als Steinbruch von Zitaten geboren oder wurde er das erst im Nachhinein?

Sie meinen, Schiller könnte den Text quasi als Aphorismensammlung angelegt haben?

Ich glaube nicht. Doch Schiller hat diesem einsamen, wortkargen Schützen Tell vor allem im Monolog in der hohlen Gasse Redeweisen und Sentenzen in den Mund legt, die diese Figur so nicht haben kann. Das ist von der Psychologie der Person her völlig unplausibel. Meine These ist: Das ist ein Verfremdungseffekt; der Tell ist nicht ganz bei sich, wenn er so reden muss. Tell muss nämlich etwas tun, was er letztlich nicht tun will: den Landvogt Gessler erschießen.

Weil Sie "Der Starke ist am mächtigsten allein" erwähnt haben: Den Satz hat Karl Kraus zitiert - aber auch Adolf Hitler.

Zitate sind vogelfrei, hier kann sich jeder bedienen. Das macht das Zitieren jedoch auch zu einem gefährlichen Geschäft; Zitate sind nicht nur Alteisen, sondern auch Munition. Für die Generation von Musil und Kraus, die mich besonders interessiert, hatten die Zitate noch eine legitimierende Kraft. Es gab noch eine Kommunikationsgemeinschaft, die das als besondere Form der Beglaubigung wahrgenommen hat.

Musil stellt 1931 fest, die ganze Literatur sei zu einem großen "Zitatenteich" geworden, allerdings seien dabei die einzelnen Zitate nur noch schwer zu greifen.

Wann wurden eigentlich Sätze erstmals unter Anführungszeichen gestellt?

Die Praxis des Zitierens ist vermutlich so alt wie die Rhetorik selbst. Schon bei Cicero ist es ein Thema, wie man mit Autoritäten umgehen soll und welche argumentative Kraft man aus ihnen bezieht. Das Fremdstellen eines Satzes durch Anführungszeichen ist deutlich jünger; die "quotation marks", wie sie im Englischen heißen, wurden in den europäischen Sprachen erst im 17., 18. Jahrhundert eingeführt.

Im deutschsprachigen Raum waren lange Zeit die "Geflügelten Worte" von Georg Büchmann der Gebrauchstext Nummer eins - der Titel ist selbst ein Zitat, wie ich einem Ihrer Texte entnehme.

Ja, er stammt aus Homers Illias und meint Worte, die leicht von den Lippen des Redners zum Ohr des Zuhörers fliegen. Es sind also Worte, die "in aller Munde" sind.

Zu welchem Zweck hat Büchmann diese Sammlung im 19. Jahrhundert angelegt?

Die Verwendung von Zitaten war bis ins beginnende 20. Jahrhundert ein soziales Distinktionsmerkmal des Bildungsbürgertums. Goethe zu zitieren hieß auch zu sagen: "Ich gehöre dazu". Man muss das allerdings - und insofern ist das vielleicht ein typisch deutsches Phänomen - im Zusammenhang mit der enormen Bedeutung von Schiller und Goethe sehen. Die beiden waren für die Herausbildung der deutschen Nation sehr wichtig. Diesen Faktor kann man gar nicht überschätzen. Uns heute ist das freilich fremd.

Distinktionsstrategien können sich allerdings abnützen. Und Zitate können sich auch gegen den Sprecher wenden. Ich sage nur: Gretchenfrage, Quantensprung und Paradigmenwechsel.

Jede sprachliche Innovation ist Gebrauchsware, nutzt sich ab und wird früher oder später zum Allgemeinplatz. Vielfacht geht auch das Wissen um die Ursprünge verloren. "Die Milch der frommen Denkart" aus Tells Monolog ist zum Beispiel selbst bereits ein Shakespeare-Zitat, aber das weiß der Schütze vom Land natürlich nicht.

Dass sich Zitate gegen den Sprecher wenden können, ist etwas anderes. Denn der Vorgang setzt voraus, dass es eine Kommunikationsgemeinschaft gibt, Leser, die merken: Achtung, da spricht einer nicht aus eigenem Mund. Das sind eigentlich raffinierte Prozesse, die Zitate eigentlich wieder in ihr Recht setzen.

Walter Benjamin hat einmal die Absicht geäußert, einen Text zu schreiben, der ausschließlich aus Zitaten besteht.

Das war das sogenannte "Passagen"-Projekt, ein Großprojekt, das er in Paris in Form eines riesigen Zettelkastens auch in Angriff genommen hat. Auch Kraus’ "Die letzten Tage der Menschheit" bestehen zu einem großen Teil aus Zitaten. Im Unterschied zu Benjamin hat Kraus seinem Text allerdings eine klassische Form in fünf Akten mit Prolog und Epilog gegeben. Er setzt also um die offene Zitatcollage eine formale Klammer.

Am Institut für Philosophie der Uni Wien wurde vor ein paar Jahren eine Diplomarbeit approbiert, die Benjamins Idee konsequent umgesetzt hat. Sie bestand zu 100 Prozent aus Zitaten.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man mit einer intelligenten Montage von Zitaten Aussagen kreieren kann, die historische Perspektiven beinhalten. Wichtig ist aber: Die Montage darf nicht verschweigen, dass sie eine solche ist.

Was sagen die jüngsten Plagiatsfälle aus Wissenschaft und Literatur über unseren Umgang mit Texten aus?

Plagiate in der Wissenschaft stellen Fragen, die man an das akademische System und seine Regeln richten muss. Etwas anders sieht es in der Literatur aus. Da gibt es eine Grauzone, die auch eine kreative Seite haben kann. Bei uns läuft gerade eine große Diskussion um ein Buch des Schweizer Autors Urs Mannhart. "Bergsteigen im Flachland" bekam gute Kritiken, allerdings hat Mannhart für den Text Reportagen des österreichischen Journalisten Thomas Brunnsteiner verwendet, ohne das ausreichend zu kennzeichnen. Nun sind die Gerichte mit diesem Fall beschäftigt, das Buch ist momentan für den Verkauf gesperrt.

In Deutschland gab es einen ähnlichen Fall mit "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann. Was sagen Sie dazu?

Ich bin für die Freiheit, "ohne Anführungszeichen zu zitieren", wenn es denn "Kunst" ist - das ist selbst wiederum ein Zitat von Benjamin. Im Fall von Hegemann muss ich zugeben: Ich habe das Buch nach zehn Seiten weggelegt. Interessanter finde ich beispielsweise die Art, wie Elfriede Jelinek mit Fremdmaterial umgeht. Das ist höchst irritierend, aber auch höchst anregend.

Andererseits könnten Zitate auch der Kaschierung der eigenen Unoriginalität dienen.

Da gebe ich Ihnen Recht. Allerdings kennen die abendländischen Künste die Forderung, dass wir möglichst originell sein müssen, erst seit etwa 250 Jahren. Vorher bestand die Kunst in der guten Adaption von Vorlagen. Unter dem alleinigen Kriterium der Originalität müsste man die ganze Literatur des Mittelalters einfach streichen.

Interview: Robert Czepel

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