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Jemand wirft eine Münze, zu sehen ist eine Ein-Euro-Münze

Warum Banker unehrlicher sind

Spätestens seit der jüngsten Finanzkrise sind Banken und ihre Mitarbeiter in Verruf geraten. Managern und Händlern werden Gier und Selbstsucht vorgehalten, und laut einer neuen Studie nicht zu Unrecht. Banker sind tatsächlich unehrlicher als andere - das liegt aber weniger an den handelnden Personen als an der herrschenden Kultur der Branche.

Verhaltensökonomie 20.11.2014

Was viele Menschen als gemeines Vorurteil schon länger mit sich trugen, hat ein Forscherteam - darunter der Vorarlberger Verhaltensökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich - nun in einer Reihe von Experimenten empirisch untersucht.

Die Studie:

"Business culture and dishonesty in the banking industry" von Michel Maréchal, Alain Cohn und Ernst Fehr ist am 19. 11. in "Nature" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 20.11., 13:55 Uhr.

200 US-Dollar per Münzwurf zu gewinnen

Um es vorwegzunehmen: Grundlegende Systemkritik am Finanzkapitalismus von heute betreiben die Forscher nicht. Sie widmen sich dafür einer ebenfalls nicht trivialen Frage: Gehen unehrliche Menschen eher in die Bankindustrie oder fördert - umgekehrt - diese Industrie unehrliches Verhalten?

Um das zu überprüfen, haben sie sich ein recht einfaches Versuchsszenario einfallen lassen. Rund 200 Bankangestellte haben online ein Glücksspiel gespielt, ohne dass sie dabei beobachtet wurden: Zehn Mal warfen sie eine digitale Münze, und für jeden Münzwurf konnten sie 20 US-Dollar gewinnen. Insgesamt konnten sie somit in sehr kurzer Zeit bis zu 200 Dollar "lukrieren". Die Höhe des Gewinns bestimmten sie selbst, denn sie wussten im Voraus, ob Kopf oder Zahl Geld bedeuten würde - und hatten damit jede Möglichkeit zu schummeln.

Bevor sie das Spiel starteten, wurden die Banker - rund die Hälfte von ihnen im Kernbereich tätig (Investment Manager, Händler etc.), die andere in Abteilungen wie Personalbereich - in zwei Gruppen geteilt. Der einen wurde ihre berufliche Identität bewusst gemacht, ausgelöst durch Fragen wie "In welcher Bank arbeiten Sie, was machen Sie dort?". Die andere Gruppe wurde hingegen nach Dingen der Freizeit gefragt (z.B. "Wie viele Stunden schauen Sie pro Woche fern?").

"Tendenziell unehrlicher"

Derlei vorbereitet ging es an das Glücksspiel. Und dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Während sich die Angaben der "Freizeitkulturgruppe" kaum von der erwarteten Zufallsverteilung der Münzwürfe unterschieden, war das bei der "Bankkulturgruppe" ganz anders. 16 Prozent der Münzwürfe entsprachen nicht der Zufallserwartung - bei den Würfen wurde also geschummelt. Ganze 26 Prozent der Bankmitarbeiter machten zumindest einmal unwahre Angaben. Und dabei spielte es keine Rolle, ob sie im Kerngeschäft oder in anderen Bereichen des Unternehmens arbeiteten.

Der Schluss der Forscher, der auch durch Vergleiche mit anderen Berufsgruppen genährt wird: "Bankangestellte sind nicht per se unehrlicher als andere Menschen. Aber wenn ihnen die Unternehmenskultur bewusst gemacht wird, dann werden sie tendenziell unehrlicher", sagt der Verhaltensökonom Michel Maréchal von der Uni Zürich.

Materialistische Werte sind schuld

Was aber genau bedeutet "Unternehmenskultur"? Am ausgeprägten Wettbewerbsgedanken der Branche liegt es nicht, haben die Forscher durch weitere Studien herausgefunden. Viel eher sind es allgemein "materialistische Werte", die zum Schummeln verleiten. "Wer eher meint, dass der soziale Status vor allem durch finanziellen Erfolg bestimmt ist, verhält sich in dem Spiel auch unehrlicher", erklärt Maréchal. Dieser Materialismus sei wesentlicher Bestandteil der Kultur in der Finanzbranche.

Das überrascht nicht sehr, und dennoch sieht der Ökonom durch seine Studien Chancen auf Veränderung. Frei nach dem Motto: Wenn es die Normen sind, die Verhalten steuern, dann müssen sich eben die Normen ändern. "Dafür gibt es keine einfachen Lösungen, aber eine Reihe von Maßnahmen", sagt Maréchal. "Experten schlagen etwa vor, dass Bankangestellte einen professionellen Eid ablegen sollen, ähnlich wie der hippokratische Eid in der Medizin. Das könnte durch ein Ethiktraining unterstützt werden, mit dem Ziel, dass Banker langfristig auch die gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Handelns berücksichtigen."

Ein kultureller Wandel in der Branche müsse auch das Lohnschema verändern. Mitarbeiter dürften nicht mehr durch finanzielle Anreize zu Handlungen motiviert werden, die im Konflikt mit Interessen von Kunden oder der Gesellschaft stehen. "Verantwortungsvolles Verhalten sollte generell als Teil des Leistungsziels definiert sein. Das würde signalisieren, dass Ehrlichkeit ein Teil der Unternehmenskultur ist", so Maréchal.

Ähnlicher Effekt bei Verbrechern

Noch ist es aber nicht so weit. Der Wirtschaftswissenschaftler hat vor kurzem in einer anderen Studie eine weitere umstrittene Gruppe untersucht: nämlich Kriminelle im größten geschlossenen Männergefängnis der Schweiz. Auch sie wurden in zwei Gruppen geteilt, wobei die eine durch Fragen an die eigene kriminelle Identität erinnert wurde. Auch sie spielten danach das Münzspiel.

"Dabei zeigte sich ein ähnlicher Effekt wie bei den Bankern", erzählt Maréchal. "Wenn man die Männer an ihren kriminellen Hintergrund erinnert, tendieren sie zu unehrlichem Verhalten." Die Schummelei hat hinter Gittern aber einen niedrigeren Preis - statt 200 Dollar konnten die Häftlinge maximal fünf Dollar gewinnen. Parallelen möchte der Forscher dennoch nicht ziehen. "Das ginge schon aus methodischen Gründen zu weit."

Bankangestellte mit Verbrechern gleichzusetzen käme also einer Diffamierung gleich. Dass die Meinung über die Branche nicht die beste ist, zeigt aber ein weiteres Detail der aktuellen Studie. Dabei wurden Leute befragt, welche Berufsgruppe bei dem beschriebenen Münzspiel wohl am unehrlichsten handeln würde. Nicht Ärzte oder Kriminelle lagen da ganz vorne in der Liste, sondern Banker - die geschätzte Schummelrate lag nicht weit entfernt von der Realität, die die Forscher nun herausgefunden haben.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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