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See auf der Hochebene von Tibet

Gerste hat das "Dach der Welt" erobert

Mit bis zu 5.500 Meter Seehöhe zählt das Hochland von Tibet zu den höchsten bewohnten Gebieten der Welt. Einer Studie zufolge ist es dem Anbau von Gerste zu verdanken, dass die unwirtlichen Höhen überhaupt besiedelt werden konnten.

Besiedelung 21.11.2014

Das Leben in hohen Lagen ist für Menschen aus mehreren Gründen schwierig. Die Luft wird mit jedem Meter dünner, das heißt sauerstoffärmer. Man ermüdet schnell und es wird einem leicht schwindelig. Auch die meisten Pflanzen und Tiere sind nicht geschaffen für so unwirtliche Höhen - die Versorgung bereitet also ein weiteres Problem. Dennoch haben sich die Bewohner mancher Weltregionen in erstaunliche Höhen vorgewagt.

Eines der bekanntesten Beispiele ist die Hochebene von Tibet, die zwischen 4.000 und 5.500 Meter über dem Meer liegt und insgesamt rund zwei Millionen Quadratkilometer groß ist. Erst vor vier Jahren zeigte eine Studie, wie schnell sich die Anwohner an das Leben in der Höhe angepasst haben, nur 3.000 Jahre soll das gedauert haben.

Die Studie in "Science":

"Agriculture Facilitated Permanent Human Occupation of the Tibetan Plateau" von F.H. Chen et al., erschienen am 21. November 2014.

Schafherde auf der Hochebene von Tibet

Guanghui Dong

Schafherde auf der Hochebene von Tibet

Kein Ort zum Wohnen

Die soeben erschienene Untersuchung bestätigt, dass die permanente Besiedlung des Plateaus noch nicht allzu lang her ist. Laut den Forschern um F. H. Chen von der chinesischen Lanzhou Universität findet man zwar weit zurückreichende menschliche Spuren auf der Hochebene, die nahelegen, dass diese schon vor mindestens 20.000 Jahren zumindest ab und zu erklommen wurde.

Dazu zählen etwa Werkzeuge aus Stein sowie Hand- und Fußabdrücke. Auch vereinzelte Feuerstellen mit Resten von Tierkadavern gibt es aus dieser frühen Zeit. Aber nichts deutet auf einen dauerhaften Wohnsitz hin. Die Forscher vermuten, dass die Menschen das Gebiet für Spiele nutzten oder temporäre Jagdcamps aufgeschlagen wurden.

Höhere Lage, andere Nahrung

Erst vor ungefähr 6.000 Jahren scheinen sich die Anwohner auch dauerhaft höher oben niedergelassen zu haben, besonders im Nordwesten des Hochplateaus. Über 70 Prozent aller prähistorischen Fundorte liegen in dieser Gegend. Insgesamt 53 dieser vorwiegend landwirtschaftlichen Siedlungen haben sich die Forscher für die Studie genauer angesehen.

Die früheren und die späteren permanenten Wohnsitze weisen den Forschern zufolge deutliche Unterschiede auf. 25 der untersuchten Stellen sind schon im Zeitraum von vor 5.200 bis vor 3.600 Jahren entstanden. Sie befinden sich auf maximal 2.500 Meter Seehöhe. Die gefundenen Getreideüberreste bestehen zu 98 Prozent aus verschiedenen Hirsearten, offensichtlich das Grundnahrungsmittel dieser Periode, ähnlich wie in den tiefer gelegenen Regionen dieser Zeit. Hirse ist relativ frostempfindlich und ihr Anbau in der Höhe deswegen nur begrenzt möglich.

Tonscherben aus der Qijia-Kultur

Xiaoyan Ren

Tonscherben aus der Qijia-Kultur

Die vor 3.600 Jahren und später entstandene Siedlungen liegen noch höher. Die untersuchten Überreste und Artefakte finden sich auf bis zu 4.700 Meter Seehöhe. Die Analyse ergab, dass sich die Zusammensetzung der Nahrung in diesem Zeitraum radikal änderte.

Der überwiegende Anteil des Getreides bestand nunmehr aus Gerste, zusätzlich fand man etwas Weizen, wenig Hirse und Schafsknochen. Die neuen Getreidesorten wurden damals vermutlich aus dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond importiert und kultiviert.

Laut den Forschern war dieser Import der Schlüssel für die Eroberung der hohen Lagen. Denn Gerste sei zwar zeitaufwendiger im Anbau - vom Aussähen bis zur Ernte dauert es sechs Monate - aber sehr frostresistent. Bei der Erschließung der Hochebene habe sie daher die empfindliche Hirse nach und nach verdrängt.

Ökologische Optionen

Die Ausbreitung nach oben wurde nicht einmal durch äußere widrige Umstände gebremst. Denn interessanterweise erlebte die Region just in diesem Zeitraum eine deutliche Abkühlung. "Das ganzjährige Leben in diesen Höhenlagen muss eine echte Herausforderung gewesen sein", beschreibt der Koautor Martin Jones von der Cambridge University die damalige Situation.

Die Erkenntnisse hätten aber so gesehen auch Bedeutung für die heutige globale Ernährung, führt Jones aus. Heute konzentriere man sich auf eine kleine Auswahl an Getreiden - also in erster Linie auf Reis, Weizen und Mais -, die in niedrigen Lagen intensiv angebaut würden.

"Je mehr wir aus der Ökologie vergangener und gegenwärtiger Gesellschaft lernen, desto vielfältiger sind die zukünftigen Optionen für die Ernährung der Welt, besonders wenn die Umweltbedingungen immer schwieriger werden", so Jones.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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