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Die Steine von Stonehenge

"Ur-Stonehenge" entdeckt?

Hunderte Holz- und Steinkreise, Gruben, Hügel und Gräber - verborgen in der Landschaft rund um Stonehenge. All das hat ein österreichisch-britisches Forscherteam digital ans Tageslicht gebracht. Die Archäologen konnten beweisen, dass Stonehenge - der wohl berühmteste Megalithbau und UNESCO-Weltkulturerbe - nicht für sich allein steht.

Archäologie 21.11.2014

Der 4.000 Jahre alte Steinkreis ist eingebettet in eine über Jahrtausende gewachsene rituelle Landschaft. Eine Entdeckung allerdings könnte die Geschichte von Stonehenge neu schreiben. In der Nähe des Steinkreises wurde eine unterirdische, möglicherweise Jahrtausende ältere Anlage gefunden.

"Hidden Landscape Project"

Mit in Österreich entwickelten, modernsten archäologischen Methoden - Magnetometrie, Bodenradar und 3D-Scan - haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf einer Fläche von 14 Quadratkilometern das Erdreich durchleuchtet. Noch nie wurden in einem archäologischen Projekt so viele Daten und harte Fakten gesammelt wie in dem vierjährigen Hidden Landscape Project.

"Wir wissen nun detailgetreu wie nie zuvor, wie die neolithischen Gesellschaften ihre Bestattungen durchführten, wissen wie groß der kontinentale Einfluss war und können altbekannte Objekte neu interpretieren", sagt Wolfgang Neubauer vom Ludwig Boltzmann Institut Wien (LBI).

Sendungshinweise:

Universum History: "Stonehenge - Rituale aus der Steinzeit" am 21.11, 22:45 Uhr ORF 2 sowie "Stonehenge - Tempel des Lichts" am 28.11., 22:45 Uhr, ORF 2.

Ö1 Morgenjournal vom 21.11: Stonehenge neu entdeckt

Links:

Ein motorisierter Magnetometer bei der Arbeit in Stonehenge

LBI ArchPro, Geert Verhoeven

Ein motorisierter Magnetometer bei der Arbeit in Stonehenge

Gigantische Anlage unter "Super-Henge"

Die wohl spektakulärste Entdeckung brachte der Blick unter ein längst bekanntes Objekt: Durrington Walls. Diese kreisförmige Wallanlage mit einem Durchmesser von 500 Metern liegt drei Kilometer nordöstlich von Stonehenge. Ihre gewaltige Dimension hat der Kreisanlage, die älter ist als Stonehenge, den Spitznamen "Super-Henge" eingebracht.

Doch im Erdreich darunter verbirgt sich eine noch spektakulärere Anlage: Mehr als 70 Gruben, die wahrscheinlich als Fundament für Holzpfosten oder gigantische Monolithe gedient haben - und das alles möglicherweise Jahrtausende vor Stonehenge.

"Es hat uns wirklich überrascht, das erste Mal in dieser Landschaft Monolithe von bis zu vier Metern Länge aus einer Zeit zu finden, die weit vor der Errichtung von Stonehenge liegt. Es wird spannend, hier weitere Messungen durchzuführen. Wir wollen unbedingt wissen, ob sich noch mehrere Steine in dieser Region finden lassen", so der österreichische Leiter des Hidden Landscape Projects.

Das Forschungsgelände in Stonehenge

LBI ArchPro, Wolfgang Neubauer

Das Forschungsgelände im Überblick

Quellen als rituelle Wegweiser

Ein weiterer Hinweis darauf, dass dieses "Ur-Stonehenge" ein Kultort gewesen ist, findet sich im kreidehaltigen Boden. Geologische Untersuchungen haben ergeben, dass einst an dieser Stelle zwei Quellen sprudelten. Rituelle Plätze haben oft ihren Ursprung an Stellen, wo Wasser scheinbar magisch nur zu gewissen Zeiten an die Oberfläche tritt.

"Die Kreide filtert das Wasser, das heißt es ist sehr klar. Die Quellen entspringen außerdem nur zu gewissen Zeiten. Sie trocknen im Sommer aus und sprudeln nur im Winter aus dem Boden. Das ist für uns ein weiterer Hinweis auf die rituelle Bedeutung dieser Anlage", sagt Petra Schneidhofer, Geologin am Ludwig Boltzmann Institut.

Stonehenge - Kreis gebaut, Steine gestohlen?

Die verborgenen "Uralt-Monolithen" unter Durrington Walls geben der Wissenschaft Anlass zu gewagten Spekulationen: Haben sich die Erbauer des berühmten Steinkreises von Stonehenge vielleicht an den Steinen des benachbarten, viel älteren Monuments bedient?

Für Wolfgang Neubauer eine der brennendsten Fragen des Projekts: "Es ist ein großer Unterschied, ob die Steine von Stonehenge über große Distanzen hierher transportiert wurden oder man sie, da sie schon vorhanden waren nur neu arrangiert hat."

Mit der Magnetmessung entdeckte neue Bauwerke

LBI ArchPro, Mario Wallner

Mit der Magnetmessung entdeckte neue Bauwerke

Astronomisch-geometrische Meisterleistung

Fernab aller Spekulationen hat das Hidden Landscape Project sensationelle konkrete Ergebnisse geliefert. Die Menschen der damaligen Zeit verfügten schon lange vor der Errichtung von Stonehenge über herausragende astronomische Kenntnisse. Das ergab die Untersuchung eines schon länger bekannten Objekts - des sogenannten "Cursus". Dieses drei Kilometer lange und 100 Meter breite Wallgrabensystem wurde lange Zeit für eine römische Rennbahn gehalten.

Beim Blick ins Erdreich wurden an seinen Enden zwei Gruben entdeckt, die offenbar als astronomische Messpunkte dienten: Von diesen beiden Punkten aus wurde offenbar der Lauf der Sonne genauestens studiert. Zu Mittsommernacht - am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres - schneiden sich die Lichtstrahlen der Morgen- und Abendsonne genau an jenem Punkt, an dem Stonehenge errichtet wurde. Die Cursus-Anlage aber datiert ein halbes Jahrtausend vor Stonehenge. Das heißt, die astronomisch bedeutsame Lage des Steinkreises wurde schon 15 Generationen vor dessen Errichtung festgelegt.

"Man hat an diesen Punkten des Cursus, also den zwei Gruben, offenbar astronomische Studien betrieben. Es wurde der Lauf der Sonne beobachtet. Durch den Cursus erhält auch Stonehenge seine Bedeutung," sagt Vince Gaffney, Archäologe der Universität Birmingham.

Steinzeitliche Schädelchirurgie

Stonehenge ist also nur die Spitze eines Eisberges. Ein Areal von 100 Quadratkilometern wurde offenbar über zehntausend Jahre rituell genutzt - und zwar von verschiedensten Menschen und Kulturen. Monumente haben ihre Bedeutung und Nutzung je nach Epoche und Gesellschaft über viele Generationen gewechselt.

So wurden in dem Areal rund um Stonehenge Schädelknochen gefunden, die darauf hinweisen, dass die Menschen zur Zeit von Stonehenge auch über hochentwickeltes medizinisches Wissen verfügten. Osteo-Archäologinnen der Universität Wessex haben herausgefunden, dass komplizierte Schädeloperationen damals offenbar an der Tagesordnung standen.

Und die wurden auch überlebt - denn die gefundenen Schädel zeigten, dass die Wunden des chirurgischen Eingriffs verheilt waren. Durchgeführt wurden die Operationen mit Steinklingen, ein Material übrigens, auf das heute noch in der Chirurgie zurückgegriffen wird.

Josef Peter Glanz, Caroline Haidacher, Universum

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