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Gezeichnet Bild eines menschlichen Kopfes, der als Puzzle dargestellt wird, einige Puzzleteile fehlen

Diskussion über "Psychopathologisierung"

Was ist normal und was ist krank? Seit dem Erscheinen des DSM 5, des neuen amerikanischen Handbuchs für die Diagnostik psychischer Leiden im Mai 2013, diskutieren weltweit Fachleute heftig darüber. Österreichische Psychiater zeigen sich gespalten.

Psychologie-Handbuch 26.11.2014

Von 26. bis 29. November wird auch in Berlin debattiert beim größten europäischen Kongress für Psychiatrie, dem Kongress der DGPPN. Das Urteil österreichischer Psychiater fällt sehr unterschiedlich aus.

"Hyperinflation der Leiden

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Diskussion zum DSM5 berichtete auch "Wissen Aktuell" am 26. November 2014 um 13.55 Uhr.

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Auch einer der schärfsten Kritiker des neuen Diagnostik-Manuals, der US-amerikanische Psychiater Allen Frances, wird in Berlin seine Bedenken wiederholen.

Sein Vorwurf gegen das neue "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders ", das neue Diagnostik-Manual der American Psychiatric Association (APA) lautet: Es kreiert immer mehr neue Krankheiten. "Außer für Autismus werden alle Änderungen die derzeitige Inflation in eine Hyperinflation verwandeln", wettert Frances.

Österreichische Psychiater gespalten

Das Urteil österreichischer Psychiater zum DSM 5 fällt sehr unterschiedlich aus. Der Salzburger forensische Psychiater Ernst Griebnitz teilt die Kritik von Allen Frances und nennt ein Beispiel:
Die Ehefrau stirbt. Der Mann, der sie lange gepflegt hat, ist zwei Wochen lang zu keinerlei Aktivitäten fähig, kann die Wohnung nicht verlassen, ist völlig energielos.

Nach dem DSM 5 ist das ein klarer Fall von Depression, nicht von Trauer. Für Ernst Griebnitz ist es ein Beispiel dafür, dass das neue Manual den Trend bestärkt, immer mehr alltägliche Krisen zu Krankheiten zu erklären.

"Trend zum Psychopathologisieren"

Es gäbe eine Inflation von Diagnosen und Übertherapien, sagt Griebnitz. "Meine Kritik ist, dass wir heute den Menschen weitgehend entmündigen, dass wir ihm seine Selbstheilungskräfte absprechen, dass wir jeden, der in eine Lebenskrise kommt, die meiner Meinung nach keine Krankheit darstellt, sofort psychopathologisieren. Das spiegelt sich im DSM 5 wider"

Als zweite Entwicklung meint Griebnitz feststellen zu können, dass die relativ gute Versorgung mit Psychiatern, Psychotherapeuten und Neurologen dazu führe, dass Diagnosen relativ leicht gestellt werden.

Altersvergesslichkeit: "milde neurokognitive Störung"?

Der Wiener Sozialpsychiater Johannes Wancata verteidigt hingegen das DSM 5 im Großen und Ganzen. Zu der einen oder anderen neuen Diagnose findet er aber kritische Worte.

Dass die normale Altersvergesslichkeit im DSM 5 als Vorstufe zur Demenz bezeichnet wird und als Erkrankung der "leichten neurokognitiven Störung" gilt, sei übertrieben. Diese Diagnose nütze niemanden, weil es keine Therapie gibt, betont Wancata.

Das DSM 5 ist für Wancata eine Weiterentwicklung des diagnostischen Systems mit Stärken und Schwächen. "Ich glaube aber, dass die Stärken überwiegen, weil man das berücksichtigen kann, was in den letzten zwanzig Jahren wissenschaftlich erarbeitet wurde."

Maria Mayer, Ö1 Wissenschaft

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