Standort: science.ORF.at / Meldung: "Was sagen Psychotherapeuten dazu?"

Eine Frau steht mit dem Rücken zur Kamera, vor ihr eine ukrainische und eine russische Fahne

Was sagen Psychotherapeuten dazu?

Psychotherapie wird in erster Linie mit individuellem Leid in Verbindung gebracht. Aber kann sie auch bei gesellschaftlichen Konflikten vermitteln, etwa bei der aktuellen Ukrainekrise? Ukrainische und russische Psychotherapeuten haben das vergangenes Wochenende zumindest versucht, bei einer Konferenz auf neutralem Ort: in Wien.

Ukrainekrise 13.12.2014

Die Psychoanalyse kennt vielfältige Anwendungen: einerseits im medizinischen Bereich, andererseits als Kultur- und Gesellschaftstheorie. Das bezeugt bereits das Werk Sigmund Freuds, der im Jahr 1932 in einem Brief an Albert Einstein der Frage "Warum Krieg?" nachging. Darin äußerte er sich eher skeptisch über die Möglichkeiten Gewalt und Krieg zu beenden; einige spätere Psychoanalytiker sahen das differenzierter.

Inoffizielle Diplomatie

So der zypriotisch-amerikanische Psychoanalytiker Vamik Volkan, der gemeinsam mit Politikern und Wissenschaftlern in den 80er und 90er Jahren einflussreiche Vertreter von verfeindeten Gruppen in Krisenregionen (Nahostkonflikt, Zypernkonflikt, u.a.) zu sogenannten "inoffiziellen diplomatischen Treffen" zusammenbrachte.

Auch Alfred Pritz, der Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität und Mitorganisator der Konferenz, sieht in einem derartigen Treffen ein positives Vorbild, das für eine Annäherung der verfeindeten Gruppen auf neutralem Boden dienen kann.

Den Standpunkt des Anderen verstehen

Veranstaltung:

Die Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien organisierte gemeinsam mit der European Association for Psychotherapy am 5./6. Dezember 2014 die Konferenz "Crisis in the Ukraine - psychotherapeutic approaches".

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema "Politik und Trauma" widmeten sich auch die Dimensionen am 11.12., 19:05 Uhr.

"Psychotherapie kann die Menschen zum Reden bringen und zuhören. Sie hilft dabei, den Standpunkt des Anderen zu verstehen, was eine sehr wichtige Leistung ist." Denn dadurch könnten auch Konflikte zwischen Großgruppen, wie Völker oder Nationen, besser verstanden werden, meinte er am Rande der Veranstaltung. Die Konferenz solle "zeigen, dass es besser ist, mit Wörtern als mit Waffen zu konkurrieren."

Ambitionen eine derartige Tagung ins Leben zu rufen seien im Juni entstanden, als die ukrainisch-psychotherapeutische Dachgesellschaft eine Konferenz zur Krise in der Ukraine veranstaltete. Die russischen Psychotherapeuten seien jedoch nicht gekommen, da sie die Situation als zu gefährlich einschätzten. So sei die Idee entstanden, die Konferenz in Wien, auf neutralem Boden, zu wiederholen.

"Die offiziellen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Russland sind an einem derart niedrigen Punkt angekommen, wie wir es seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht für möglich gehalten haben", meinte Jutta Edthofer vom Außenministerium in ihrer Eröffnungsrede. "Gerade da auf politische Ebene die Frage der Schuld im Vordergrund steht und sich die Fronten zunehmend verschärften, gilt den Beteiligten der Konferenz die volle Unterstützung."

Wenn Gruppen unter Druck geraten

Einer der Beteiligten war Alexander Filts, Präsident der Ukrainischen Dachgesellschaft für Psychotherapie sowie Mitorganisator der Konferenz. Er sprach über die Mechanismen der Massenpsychologie, wie sie in Russland, der Ukraine sowie in europäischen Ländern zu beobachten seien. Dabei bediente er sich des Gruppenmodells des britischen Psychoanalytikers Wilfred Bion:

Unter bestimmten Umständen - vor allem unter Angst, Chaos und Verzweiflung - formen Menschen sich zu Gruppen; es bilde sich eine Gruppenkultur mit bestimmten Vorstellungen heraus, nach denen auch gehandelt wird. Diese Gruppenkultur diene als Schutz vor Gefühlen von Angst, Chaos und Verzweiflung. Üblicherweise wähle die Gruppe einen von drei typischen Mythen: Kampf oder Flucht ("fight or flight"), Abhängigkeit oder Paarbildung.

Beim erste Mythos finde sich die Grundannahme, dass sich mythologische Feinde (nicht tatsächliche Feinde) gegen die eigene Gruppe richten. Vor diesen könne die Gruppe flüchten oder sie bekämpfen und zerstören. Filts fand erwähnenswert, dass das Mittel eines solchen Kampfes üblicherweise Regelverstöße seien.

"Wir können nicht viel tun"

Der Abhängigkeitsmythos stehe für die Vorstellung, von einer äußeren Macht abhängig zu sein, die in der Lage sei, die Probleme der Gruppe zu lösen. Dabei fühle sich die eigene Gruppe unreif und schwach. Die Parallelen zum Ukrainekonflikt sind laut Filts bei dieser Vorstellung offensichtlich. Ebenso wie die dritte Position der Paarbildung, bei welcher die Gruppe an eine Art von Messias glaube, der zu einer dramatischen, radikalen Auflösung der Situation führe.

Gerade in sozialen Konfliktsituationen und unter Gefahr intensivieren sich dieses mystische Denken, wobei zunehmend der Kontakt mit der Realität verloren gehe. Nach Filts sind diese Phänomene verantwortlich für die Verzerrungen in den Massenmedien aller an diesem Konflikt beteiligten Länder.

Russland würde seine Eroberung von einst russischem Land als "fair" betrachten; dabei breche es alle internationalen Regeln. In der Ukraine gebe es eine Doppelzüngigkeit: Der Krieg werde als Anti-Terror-Operation bezeichnet und gleichzeitig von jenen kritisiert, die ihn ausführen. Europa hingegen verleugne den Krieg und die russische Militärpräsenz in der Ostukraine, auch wenn diese Verleugnungshaltung immer unpopulärer werde.

Was Psychotherapeuten in der unübersichtlichen und verfahrenen Lage tun können? "Nicht viel", meinte Alexander Filts. "Wir können mit unserem gesamten Wissen und unseren Fähigkeiten nur an eine vollständigere und sensiblere Überprüfung der Wirklichkeit appellieren."

Projektionen und Geschichte

Mikhail Reshetnikov war bei der Konferenz so etwas wie der russische Gegenpart zum Ukrainer Alexander Filts. Er ist Rektor des Osteuropäischen Psychoanalytischen Instituts in Sankt Petersburg und bemühte sich in seinem Vortrag um die Erforschung tiefer liegender Wurzeln der Krise.

Dabei bediene er sich psychologischer, psychoanalytischer und psychohistorischer Methoden.
"In meiner Arbeit beziehe ich mich auf Vamik Volkans Idee, dass sich internationale Konflikte wie eine Paranoia entwickeln, da sie die zentralen psychischen Mechanismen der Projektion und projektiven Identifizierung aufweisen: "Nicht ich hasse X, sondern er hasst mich."

Seine Analyse begann mit einem historischen Rückblick: Die Ukrainer kämpften für mehrere Jahrhunderte um ihre Unabhängigkeit und nationale Identität, wobei die Region immer wieder unter wechselnden Herrschaftsansprüchen gestanden sei. Damit einhergehend keimten seit dem 17. Jahrhundert auch antirussische Attitüden auf. Diese wurden vor allem im 20. Jahrhundert verstärkt, als nationalistische Westukrainer von den Sowjets bis 1953 als Verräter verfolgt und ermordet wurden, nachdem diese mit den Nazis kollaboriert und Juden, Polen sowie Russen verfolgt hatten. Für die nationalistischen Westukrainer hingegen waren die Nazis jene, die sie als Haupteigentümer ihres historischen Landes erklärten und damit Hoffnung auf Unabhängigkeit weckten.

Diese Erinnerungen seien von Familienangehörigen der ukrainischen Nationalisten von Generation zu Generation weitergegeben worden, was auch der Grund dafür sei, dass dieser Teil der ukrainischen Bevölkerung andere Einstellungen im Bezug zu Faschismus und zu Russland habe, als dies bei den Russen der Fall sei. Es müsse verstanden und akzeptiert werden, dass sich die historischen Erinnerungen dieser Westukrainer von jenen der Russen und Südostukrainer unterscheiden.

Reshetnikov fasste zusammen: "Antirussische Einstellungen bei einem Teil der ukrainischen Bevölkerung bestanden bereits seit Jahrhunderten und wurden durch aktuelle Ereignisse wieder aktiviert."

Von Oligarchenkritik zu Antirussentum

Die Protestbewegung, die sich anfänglich gegen die ukrainische Regierung und die Oligarchie gerichtet habe, habe sich zunehmend auf alte antirussische Feinbilder verschoben, so Reshetnikov. Drohungen, die russische Sprache als zweite Amtssprache abzuschaffen, wurden als Zerstörung der eigenen Identität aufgefasst - und das habe Forderungen nach einer autonomen Ostukraine hervorgerufen.

Die dabei Beteiligten seien von Kiew als Separatisten und Terroristen bezeichnet und bekämpft worden. Reshetnikov: "Ostukrainer haben niemanden angegriffen. Nach den ersten Toten wurde ein psychologischer Mechanismus ausgelöst, und die Situation entwickelte sich wie eine Paranoia." Die Einschaltung der Russen habe dann die antirussischen Einstellungen der Nationalisten verstärkt.

Zwei Protestbewegungen

Reshetnikov meinte, dass es in der Ukraine zwei Protestbewegungen gebe. Gemeinsam sei beiden, dass sie Feindbilder aufeinander projizieren und illegitime Formen von Gewalt angewandt hätten. Unterscheiden würden sie sich darin, dass Kiew meine, der Osten solle sich vollständig assimilieren und seine Identität verleugnen. Reshetnikov dazu: "Meine Ansicht nach ist das auferlegte Sklaverei, und gleichzeitig ist es Rache der Westukrainer, die die Geschichte und die Helden der Anderen jahrzehntelang anerkennen mussten."

Die Ostukrainer hingegen meinen: "Wir wollen unsere Geschichte und unsere Identität beibehalten, so leben, wie wir es für richtig halten. Wir würden die Westukrainer auch nicht daran hindern, nach ihrer Art und Weise zu leben." Menschen in Lugansk und Donetsk hätten ein Recht auf Autonomie, so Reshetnikov.

Darum wären beidseitige Trauer um jene, die ihr Leben verloren haben, Versöhnung und ein Konsens von großer Wichtigkeit. "Wenn wir jedoch versuchen, uns gegenseitig zu beweisen, wer ein Held war und wer nicht, dann wird es keinen Frieden für drei bis fünf Generationen unserer Kinder geben. Wollen wir das?", fragte Reshetnikov.

Friede oder Eskalation?

Für Reshetnikov gibt es zwei Lösungswege: Beim ersten ginge es darum, die jeweiligen Unterschiede in der Erinnerung der nationalen Geschichte der Ost- und Westukrainer zu akzeptieren und deren gemeinsame Bemühungen für Frieden zu unterstützen.

Beim zweiten Weg zwänge eine Nation die andere dazu, in Übereinstimmung mit ihrer Weltsicht zu leben; in diesem Fall sei eine Eskalation jedoch unvermeidlich, so Reshetnikov. Wobei für ihn die Tatsache, dass an der Konferenz in Wien Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zu Gesprächen zusammengekommen sind, "Hoffnung gibt".

Aaron Salzer, science.ORF.at

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