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Ein esoterisches Bild: ein Mensch schwebt auf dem Wasser gen Himmel empor

Heutige Religionen sind Wohlstandsphänomen

Erst vor rund 2.500 Jahren wurden Moral und Verzicht wesentliche Bestandteile von Religionen. Grund dafür war der wachsende materielle Wohlstand, heißt es in einer neuen Studie. Die Forscher haben sogar die genaue Energiemenge errechnet, ab der Religion individuell-moralisch wurde - sie liegt bei 20.000 Kilokalorien pro Kopf und Tag.

Psychologie 15.12.2014

Gemeint ist damit nicht alleine das Essen, das jemand zu sich nimmt, sondern die gesamte Menge Energie, die einer einzelnen Person pro Tag zur Verfügung steht, inklusive Heizmaterial, Infrastruktur, Haushalt, Arbeit, Freizeit usw.

Eine gute, alte Frage

Die Studie:

"Increased Affluence Explains the Emergence of Ascetic Wisdoms and Moralizing Religions" von Nicolas Baumard und Kollegen ist am 11. 12. in der Fachzeitschrift "Current Biology" erschienen.

Es ist eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte: Wann, wie und warum ist Religion entstanden? Mit Anbeginn der Aufklärung haben zahlreiche Denker versucht, das Phänomen wissenschaftlich zu erklären. Das Ergebnis ist eine Vielzahl an Theorien.

Betrachtete man die heutigen Weltreligionen, scheint es beinahe selbstverständlich, sie mit Selbstdisziplin, Askese und Verzicht - kurz: mit Regeln einer moralischen Lebensführung - zu denken. Dabei waren moralische Wertvorstellungen nicht immer Teil von Religion, erklärt Nicolas Baumard, Psychologe an der École Normale Supérieure in Paris. Frühe religiöse Traditionen in Jäger- und Sammlergesellschaften stützten sich vor allem auf Rituale, Opfergaben und Tabus, um Böses und Unglück abzuwehren bzw. um Gesundheit und Glück heraufzubeschwören.

Das änderte sich drastisch zwischen 500 und 300 vor Christus, als neue Glaubenslehren quer über Eurasien entstanden und diese den Wert persönlicher Transzendenz hervorhoben. Baumard zufolge legten die Religionen dann den Fokus auf die moralische Existenz des Menschen und seine Kontrolle über materielle Bedürfnisse durch Maßhaltung, Askese und Barmherzigkeit.

Diese Epoche zwischen 800 und 200 vor Christus, die der Philosoph Karl Jaspers 1947 als "Achsenzeit" beschrieb, war die Geburtsstunde für bis heute bedeutende Religionen wie der Konfuzianismus in China, der Hinduismus in Indien, war aber auch wichtig für das Judentum und die späteren Religionen wie Christentum und Islam.

Warum begann die "Achsenzeit"?

Warum das genau zu dieser Zeit geschehen ist, hat schon unzählige Forscher umgetrieben. Nicolas Baumard und sein Team liefern nun eine recht einfache Erklärung: der gesellschaftliche Wohlstand stieg an.

Wie die Evolutionspsychologie zeigt, hat Wohlstand Einfluss darauf, wie Menschen ihr Leben organisieren. Für Menschen, deren Alltag vom Kampf ums Überleben bestimmt ist, ist es wenig sinnvoll, sich im großen Ausmaß mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Mit steigendem Wohlstand - also wenn die Bedürfnisse des täglichen Lebens befriedigt sind - gewinnen Zukunftspläne jedoch an Bedeutung. Dauert der Wohlstand an, erfordert dies die Verfolgung langfristiger Ziele, und das wiederum braucht Disziplin und Verzichtsbereitschaft - Werte, die sich auch in den neuen Religionslehren widerspiegeln.

Das führte die Wissenschaftler zu der Annahme, dass Wohlstand nicht nur das Erleben und Verhalten der Menschen änderte, sondern auch ihre Religion. Um zu zeigen, wie wachsender Wohlstand und die Entwicklung von Religion möglicherweise zusammenhängen, sammelten Baumard und seine Kollegen zahlreiches historisches und archäologisches Datenmaterial über verschiedene eurasische Völker und verglichen sie damit, wann und wo diese neuen Religionslehren auftauchten.

Wohlstand in Kalorien

Zahlreichen Studien zufolge gab es während der Achsenzeit in drei Regionen Eurasiens - in Indien, China und Griechenland - ein enormes Wohlstandswachstum, gemessen am täglichen Energieverbrauch pro Person. Wie die Forscher nun errechnet haben, erfolgte die Umgestaltung von Religion an jenen Orten, wo die Energiemenge 20.000 Kalorien pro Kopf überstieg. In Regionen, wo das Wirtschaftswachstum geringer war, wurden Moral und Verzicht vorerst nicht wesentlicher Bestandteil religiösen Lebens, heißt es in der Studie von Baumard.

Bisher gingen viele Forscher davon aus, dass "moralische" Religionen für große und komplexe Gesellschaften notwendig waren, da sie die Zusammenarbeit der Menschen garantierten. Baumard führt jedoch ins Treffen, dass viele der erfolgreichsten Imperien wie zum Beispiel das Römische Reich, Ägypten, die Azteken, die Maya und die Inka keinen moralischen Gottglauben hatten.

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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