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Lichtstrahlen im Dunkel: Symbolische Darstellung des Urknalls

Die "Big Bang Band Theory"

Seit Jahren beschäftigt sich der Soziologe Joachim Allgaier damit, wie wissenschaftliche Themen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Journalistische Berichte beeinflussen das Bild dabei ebenso wie populärkulturelle Formate. Nun geht er der Frage nach, ob Wissenschaft auch in Popsongs vermittelt werden kann.

Soziologie 25.12.2014

In Österreich gibt es laut Allgaier, der an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt tätig ist, viele Wissenschaftsskeptiker. Mit Hilfe von Populärkultur, wie z.B. von Musik, könnten wissenschaftliche Inhalte mehr im Alltag der Menschen verankert werden. Aber: "Es wird vermutlich noch sehr lange dauern, bis wir beim Eurovision Song Contest Lieder über Quantenphysik oder Enzymforschung hören werden", meint er im Interview mit science.ORF.at.

Das Titellied zu der Serie "Big Bang Theory" dauert zwar nur 1:45 Minuten, aber wäre das dennoch ein typisches und gelungenes Beispiel für ein wissenschaftliches Lied?

Allgaier: Ich würde sagen, es gibt noch zu wenige solche Lieder, als dass man sagen könnte, das sei typisch oder nicht. Wobei ich gestehen muss, dass ich den Song gar nicht so gut kenne.

Was wäre denn ein gutes Beispiel für Sie?

Die Band "They Might Be Giants" gefällt mir sehr gut. Die haben zum Beispiel mit "Meet The Elements" einen lustigen Song über das Periodensystem gemacht. Das ist nicht nur ein guter Song, sondern auch das Musikvideo, in dem sie die Elemente ein wenig beschreiben und illustrieren, ist sehr gelungen. Ein eingängiges Lied. Jeder Chemiker freut sich, glaub ich, wenn er das hört.

Sie haben kürzlich in einer Studie Liedtexte taiwanesischer Poplieder auf wissenschaftliche Inhalten untersucht - wie kommt man als österreichischer Soziologe zu so einem Forschungsprojekt?

Chun-Ju Huang von der National Chung Cheng University in Taiwan und ich interessieren uns beide dafür, wie Wissenschaft in der Populärkultur abgebildet wird. Daher kannten wir einander schon länger. Ich beschäftige mich seit Jahren damit, wie die Bevölkerung wissenschaftliche Themen wahrnimmt.

Bisher ist man immer davon ausgegangen, dass die journalistische Berichterstattung das Bild der Öffentlichkeit über Wissenschaft extrem beeinflusst. Uns beiden ist aufgefallen, dass es hier aber noch das riesige Feld der Populärkultur gibt, das ebenfalls beeinflusst, was Leute von Wissenschaft denken. Hier kommen viele Stereotypen her - gute wie schlechte.

Wie kam es dazu, die Studie über Musik zu machen?

Bisher sind uns keine Studien bekannt, die sich systematisch mit diesem Bereich auseinander setzen. Die Idee war also eine rein explorative Untersuchung. Musik ist überall und viele Menschen konsumieren Musik. Wir wollten uns ansehen, in welcher Form Wissenschaft in populärer Musik überhaupt vorkommt und analysieren, ob es dabei tatsächlich um wissenschaftliche Konzepte oder um etwas anderes geht.

Hinzu kam, dass damals der Golden Melody Award in Taiwan vergeben worden war. Aus diesem Grund hatten die Forscher gerade Zugriff auf die gesamten Liedtexte. Eine gute Gelegenheit, um einfach einmal irgendwo anzufangen.

Das Ergebnis der Studie zeigt, dass wissenschaftliche Begriffe wie "Schwarzes Loch" oder "Milchstraße" in den Liedern nur selten vorkommen und wenn, dann wurden diese eher dazu verwendet, um einen emotionalen Zustand zu beschreiben. Reichen Begriffe allein, um Wissenschaft zu vermitteln?

Wenn es tatsächlich nur Begriffe sind, darf man durchaus skeptisch sein. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die davon ausgehen, dass so zumindest Themen ein bisschen präsenter werden und dass man, selbst wenn der Begriff verzerrt oder gar negativ dargestellt wird, so zumindest die Möglichkeit hat, den Begriff richtig zu stellen. Die Studie kommt jedoch zu dem Schluss, dass sich Pop-Musik zur Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte eher weniger eignet.

Wer hat ein Interesse daran, dass Themen aus der Wissenschaft in Form von Liedern transportiert werden?

Natürlich muss man grundsätzlich unterscheiden, wer diese Songs macht. Sind es Wissenschaftler, Fachkundige oder sind es Musiker? Ich muss sagen, ich kenne nicht viele professionelle Pop-Musiker, die wirklich über Wissenschaft singen. Hingegen finden wir im Internet beispielsweise auf YouTube sehr viel - auch von Wissenschaftler selbst.

In den USA gibt es beispielsweise eine Bewegung in der Wissenschaftsdidaktik, wo Wissenschaftler Popsongs dazu benutzen oder auch selber Songs mit Kindern machen, damit sich diese die Dinge leichter merken können. Aber solche Lieder schaffen es eher selten ins Radio. Auch erzählten mir viele Wissenschaftler, dass sie tatsächlich auf Konferenzen Lieder über ihre Forschung singen.

Wie war die Darstellung von Wissenschaft in Liedern früher - sprich vor der Jahrtausendwende - und wie ist es heute? Kann man da einen Vergleich ziehen?

Nein, ich persönlich glaube, wenn man jetzt das Internet und Portale, wie YouTube etc. im Hinterkopf hat, findet man ein riesiges Universum an Musik und Musikvideos über eine Vielzahl an Themen. Junge Wissenschaftler nutzen die Plattform auch, um auf ihre schwierige Situation im Wissenschaftsbetrieb aufmerksam zu machen, wie beispielsweise in der Lady Gaga Parodie "Bad Project".

In den 1970er Jahren war natürlich Wissenschaft, Technologie und Fortschritt schon ein Thema, wobei hier allerdings Wissenschaft eher kritisiert wurde. Heute fällt mir auf, dass es auch sehr viele Verschwörungstheorien im Netz gibt. Die Vertreter unwissenschaftlicher Inhalte nutzen unter anderem gerne Musik und Musikvideos, um wissenschaftliches Wissen anzugreifen.
Ich habe es mal so formuliert: die Populärkultur ist so etwas wie ein Schlachtfeld, auf dem Kämpfe um die Deutungshoheit ausgetragen werden.

Gibt es musikalische Beispiele, die aus wissenschaftlicher Sicht etwas dagegen halten?

Es gibt tatsächlich ein paar Rapper, die im Namen der Evolutionstheorie gegen Kreationisten rappen. Baba Brinkmann hat zum Beispiel einen ganzen Rapguide für Evolution gemacht. In den verschiedenen Musikvideos vertritt er sozusagen das atheistische, wissenschaftliche Camp, wenn man so mag.

Gibt es im deutschsprachigen Raum Beispiele für wissenschaftliche Lieder?

Ja zum Beispiel hat beim Fast Forward Science Video-Wettbewerb ein Lied über die "Mitternachtsformel" gewonnen. Darin wird die a-b-c-Formel zum Lösen quadratischer Gleichungen hergeleitet und erklärt. Es klingt auch ziemlich gut, wie ich finde. Ob es solche Dinge in die großen Massenmedien schaffen, darf man bezweifeln. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass immer weniger Jugendliche diese großen Massenmedien konsumieren und sich selbst frei im Internet bewegen. Dort finden sie dann vielleicht auch solche Dinge.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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