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Porträtfoto Sigmund Freud

Freuds Näschen für Kokain

Bevor Sigmund Freud die Psychoanalyse entwickelt hat, erforschte er u.a. die Wirkung von Kokain - im Selbstversuch sowie bei Patienten. Das war nicht immer von Erfolg geprägt, dennoch wurde Freud damit zum Wegbereiter der Lokalanästhesie.

Psychoanalyse 12.01.2015

Cocablätter haben seit jeher eine große Rolle in der indigenen Kultur Südamerikas gespielt: einerseits im medizinischen Gebrauch, andererseits in kulturellen und religiösen Zusammenhängen. Die stimmungsaufhellende Wirkung, die gesteigerte Leistungsfähigkeit und das Verschwinden von Hunger- und Müdigkeitsgefühlen machten Coca zu einem nützlichen Helfer bei der Jagd, bei langen Märschen und der Feldarbeit.

"Diese Wirkungen begeisterten europäische Forscher und Mediziner im 19. Jahrhundert, darunter auch Sigmund Freud", so die Wissenschaftshistorikerin Anna Lindemann.

Freud als Kokainforscher

Porträtfoto von Anna Lindemann

IFK - Anna Lindemann

Anna Lindemann ist Kollegiatin des Doktoratskollegs "Naturwissenschaften im historischen, philosophischen und kulturellen Kontext" an der Universität Wien und derzeit Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 12.1. hält Anna Lindemann einen Vortrag mit dem Titel "Freuds Kokainstudien und der Standards psychopharmakologischer Forschung 1878-1888".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 16.1., 19:05 Uhr.

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, begann seine wissenschaftliche Karriere als Neurologe und als Kokainforscher. In den 1880er und 1890er Jahren widmete er sich im Selbstversuch und an Patienten die pharmakologischen Wirkungen von Kokain. Er hoffte, sich dadurch als Arzt und Wissenschaftler zu etablieren. "Er versprach sich zu Beginn große Erfolge bei der Behandlung von Herzkrankheiten und nervösen Schwächezuständen, insbesondere bei den elenden Zuständen der Morphinentziehung", erklärt Lindemann.

"Freud war jedoch nicht der erste Mediziner, der in Europa mit Kokain experimentierte." Bereits im 18. Jahrhundert seien die Wirkungen der Cocablätter bei einzelnen Gelehrten in Europa bekannt gewesen. Die Anwendung und das Wissen blieben jedoch punktuell. Anders in Nordamerika, dort sei bereits Ende der 1870er Jahre Kokain eingesetzt worden, um Alkoholiker und Morphinisten zu behandeln. In Europa ist die medizinische Anwendung jedoch erst ab Freuds Kokainschrift "Über Coca" (1884) in Fachkreisen breiter diskutiert worden, so Anna Lindemann.

Kokain in der Suchtbehandlung

Freuds eigenen Aufzeichnungen zufolge ist er auf die amerikanischen Versuche aufmerksam geworden. Er habe in der Zeitschrift "Detroit Therapeutic Gazette" Beiträge über die erfolgreiche Anwendung von Kokain in den Entziehungskuren von Morphinsüchtigen gefunden. Kokain habe den Morphinhunger unterdrückt und die bei der Entwöhnung auftretenden, schweren Kollapserscheinungen verringert.

Wie die Brautbriefe zwischen Freud und seiner Verlobten Martha Bernays dokumentieren, beschreibt er bereits vor Mitte der 1880er Jahre - und somit vor seinen Kokainexperimenten - den jämmerlichen Zustand seines morphiumsüchtigen Freundes, dem Physiologen Ernst Fleischl von Marxow. Als er den Artikel in der Zeitschrift entdeckt hat, habe er sofort an Fleischl gedacht, in der Hoffnung, Kokain könne ihm helfen, so Lindemann.

Auf Grundlage der bereits vorhandenen Untersuchungen habe Freud davon ausgehen können, dass Kokain in mäßigen Dosen ungiftig war. Nachdem er sich in zahlreichen Selbstversuchen der stimulierenden und euphorisierenden Kokainwirkung versichert hat, habe er seinem Freund Fleischl den Morphinentzug mit Hilfe des Kokains empfohlen. Der Entzug sei überraschend einfach verlaufen, doch Fleischl sei rückfällig geworden und habe zudem eine Kokainabhängigkeit entwickelt. "Als Freud schließlich die gefährlichen Nebenwirkungen des Kokains erkannte, wandte er sich vom Kokain als Therapeutikum ab und äußerte sich später über seine Versuche kritisch."

Kokainwerbung der Firma „Lloyd Manufacturing Co.“ (1885)

Public Domain

Kokainwerbung der Firma "Lloyd Manufacturing Co." (1885)

Freud im Kreuzfeuer

Bei der Freud-Forschung handelt es sich um ein stark polarisiertes Feld: "Genie" und "Scharlatan" wechseln sich in den Darstellungen ab. Das gilt auch für den "Fall Fleischl" und die Kokainstudien Freuds. "Es gibt einige Freud-Kritiker, die man von Vornherein nicht ernst nehmen kann. Ihre Kritik ist an den Haaren herbeigezogen", so Lindemann. Ein Kritiker, den sie jedoch schätze, sei Han Israëls. Die Kritik des holländischen Soziologen sei bemerkenswert, doch untersuche er Freud ohne seinen medizinischen und wissenschaftlichen Kontext, und das ist aus wissenschaftshistorischer Perspektive ein Problem.

Freud habe Fleischls Morphinentzug mittels Kokain wiederholt als erfolgreich dargestellt. Israëls interpretiere diese Darstellung im Sinne einer (von Freud) konstatierten Heilung Fleischls. In Wirklichkeit habe Freud nur von einer Entzugsbehandlung gesprochen, die wir heute "Entgiftung" nennen würden. "Die Entzugsbehandlung galt nach damaliger Auffassung als erfolgreich, wenn das Morphin auch tatsächlich entzogen wurde - völlig unabhängig von der weiteren Krankheitsentwicklung."

Übliche Forschungspraxis

Darüber hinaus sei die Falldarstellung Fleischls eine Art literarische Kurzdarstellung, die von gewissen wissenschaftlichen Ansprüchen ausgenommen war. Sie habe jedoch Wert als Anregung und überprüfungswerter Inhalt besessen. In den 1880er Jahren habe es keine verbindlichen Forschungsstandards gegeben, eher regulative Ideale, die jedoch nicht in Kurzdarstellungen auffindbar waren, sondern in ausführlichen Beschreibungen von Versuchen, die in Kliniken durchgeführt wurden.

Selbst Freuds selektive Darstellung von Fleischls Selbstversuch, wie das Weglassen von Informationen über Fleischls weitere Entwicklung, habe üblichen Darstellungsstrategien entsprochen. "Was damals übliche wissenschaftliche Praxis war, lasse sich nicht ohne Weiteres als 'unwissenschaftlich' und 'verfälschend' bezeichnen, - auch wenn es Ende des 19. Jahrhunderts einzelne Arzneimittelforscher gab, die solche Verfahrensweisen als unwissenschaftlich anprangerten", so Anna Lindemann.

"Freud fällt sozusagen nicht aus dem Rahmen seines medizinischen und wissenschaftlichen Forschungskontextes: Selbstversuche und klinische Versuche mit neu entdeckten Substanzen, wie Freud sie durchführte und darstellte, entsprachen der üblichen Praxis." Dadurch erfahre man etwas über Freud als Wissenschaftler. Er wird gewöhnlicher und weniger spektakulär. "Als Kokainforscher kann man ihn weder als Genie preisen noch als Scharlatan oder Pseudowissenschaftler in die Ecke stellen."

Freud als Wegbereiter der Lokalanästhesie

Auch wenn die Kokaintherapie bei Suchtpatienten nicht die erhofften Erfolge brachte, so wurde Kokain in einem anderen medizinischen Bereich sehr erfolgreich: der Anästhesie.

Die Entdeckung des Kokains als Lokalanästhetikum in der Augenheilkunde wird Carl Koller zugeschrieben, auch wenn das nicht ganz stimmt. So sei die anästhesierende Wirkung des Kokains durchaus vor Kollers "Entdeckung" im Herbst 1884 punktuell bekannt gewesen: Viele Kokainforscher haben im Selbstversuch entdeckt, dass Kokain die Zunge gefühllos mache, so auch Freud. In den 1870er Jahren haben sogar bereits manche HNO-Ärzte durch Kokainbepinselung den Rachen ihrer Patienten betäubt, um kleinere Eingriffe vorzunehmen.

"Freud war der Wegbereiter für die Anwendung des Kokains als Lokalanästhetikum. Nach seinen Selbstversuchen und den ersten scheinbaren Erfolgen der Kokainbehandlung trug Freud im Juli 1884 das Wissenswerte 'Über Coca' im gleichlautenden Übersichtsartikel zusammen und berichtete begeistert über die medizinischen Wirkungen von Kokain", erklärt Anna Lindemann.

Kokain-Werbung von „Allen Cocaine MFG. CO.“ (um 1900)

Public Domain

Kokainwerbung von "Allen Cocaine MFG. CO." (um 1900)

Dieser Artikel des jungen Assistenzarztes Freud sei - obwohl er noch jung und unbekannt war - breit rezipiert worden. Carl Koller habe den Anstoß für seine Entdeckung entweder durch diesen Aufsatz Freuds gewonnen oder durch Freud persönlich, der Anregungen und Kokain großzügig an seine Kollegen verteilt haben soll.

Darunter war auch sein Kollege an der medizinischen Fakultät der Uni Wien, der Augenarzt Leopold Königstein. Freud hat ihm empfohlen, das Kokain am menschlichen Auge zu versuchen. Doch Koller ist Königstein mit der Durchführung der entscheidenden Versuche am Auge zuvorgekommen und gewann den anschließenden Kampf gegen Königstein um den Vorrang dieser Entdeckung.

Freude an Kokain?

Eine Frage bleibt jedoch noch offen: War Freud kokainsüchtig? Er war ein starker Raucher, erlag er möglicherweise auch dem weißen Pulver? Anna Lindemann verneint dies: "Freud vertrug das Kokain sehr gut, er hatte wohl auch eine besondere Physiologie. Er hat die stimulierende und euphorisierende Wirkung anscheinend voll genossen, sie hat ihn arbeitsfähig gemacht, er wurde sehr wahrscheinlich nie abhängig."

Man könne jedoch nicht eindeutig sagen, wie viel und wie lange er Kokain konsumiert hat, das Wissen darüber stamme aus seinen Briefwechseln. Dieser weise darauf hin, dass er Mitte der 1880er Jahre bis Mitte der 1890er Jahre Kokain konsumiert hat. "Jedoch gibt es keine Hinweise, dass er jemals süchtig wurde. Auch von Rauschzuständen ist keine Spur. Bei Freud hatte das Kokain eine leistungssteigernde Wirkung."

Aaron Salzer, science.ORF.at

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