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Die Silben "au", "ei" und "eu" stehen in Druck- und Schreibschrift unter einander.

Forscher: Sorge um Schreibschrift übertrieben

Seit Bildungsvorreiter Finnland angekündigt hat, die Schreibschrift abzuschaffen, gehen die Wogen hoch. Die Sorgen hält Alfred Schabmann von der Universität Köln aber für übertrieben. Wichtig sei es, mit der Hand schreiben zu lernen - egal, ob mit Druckbuchstaben oder der Schreibschrift.

Debatte 20.01.2015

Dass Kinder nach dem Erlernen der Handschrift mehr mit dem Computer schreiben, wie derzeit aufgrund der Ankündigung der Finnen debattiert, hält der Bildungspsychologe und Lernforscher im Gespräch mit dem Ö1 Mittagsjournal nicht für grundsätzlich negativ. Es komme auf den Zeitpunkt an, wann der Computer eingesetzt werde. Denn beim Verfassen von Texten könnte tippen statt schreiben durchaus sinnvoll sein.

Ö1 Mittagsjournal: Was verspricht sich Finnland davon, die Schreibschrift abzuschaffen? Gibt man das Schreiben völlig aus der Hand?

Alfred Schabmann: Ich denke nicht, dass dem so ist. Ich denke, dass der Grund in Befunden zu suchen ist, die zeigen, dass vor allem das Schreiben von Texten - also das Verfassen von Geschichten und anderen Texten - besser funktioniert, wenn die Kinder am Computer schreiben.

Macht es einen Unterschied, ob Kinder nur noch in Blockbuchstaben schreiben oder in Schreibschrift? Lernt man mit Blockbuchstaben schlechter?

Ö1 Sendungshinweis:

Der Bildungsforscher Alfred Schabmann war am 20. Jänner 2015 im Gespräch mit Andrea Maiwald im Mittagsjournal zu hören. Das Gespräch kann sieben Tage lang online nachgehört werden.

Links:

Ich kenne keine Studien, in denen die Schriftart mit dem Lesen und Schreiben in Verbindung gebracht wird. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es - wenn man es geschickt macht - für die schwachen Schülerinnen und Schüler ein Vorteil sein könnte, mit Blockbuchstaben bzw. dem, was wir Druckschrift nennen, anzufangen.

Also Hauptsache schreiben und nicht nur tippen?

Ja. Es gibt Studien aus Frankreich und auch im Vergleich Frankreich-Kanada, in denen gezeigt wurde, dass Kinder - und übrigens auch Erwachsene - Buchstaben besser und nachhaltiger lernen, wenn sie dazu die Feinmotorik verwenden, sprich: mit der Hand schreiben.

Wie ist es mit dem Rechtschreiben? Tun sich da Kinder mit dem Computer leichter?

Es gibt eine wichtige Frage dabei: Wann beginnt man mit dem Computer bzw. wie lange bleibt man bei der Handschrift? Ich würde sagen, dass es allein aufgrund der besseren Buchstabenkenntnis besser ist, zu Beginn mit der Hand zu schreiben. Dabei ist es ziemlich egal, welche Art von Handschrift verwendet wird - verbunden oder nicht.

Später dann, wenn es um das Schreiben von Texten geht, bringt der Computer eine Entlastung von der andauernden Konzentration auf die Rechtschreibung. Schlechte Rechtschreibung behindert ja auch gutes Textschreiben. Analysen belegen eindeutig, dass hier insbesondere schwächere Schüler durch den Computer entlastet werden.

Werden Kinder, deren Eltern sich keinen Computer leisten können, benachteiligt, wenn in der Schule fast nur noch getippt wird?

Ich möchte darauf hinweisen, dass mittlerweile auch in Familien mit geringerem Einkommen Computer durchaus vorhanden sein können. Das ist letztlich eine Frage, wie sich die Schulpolitik dazu stellt und welche Unterstützung gewährt wird.

Leichter schreiben lernen mit der Tastatur, aber daneben auch mit der Hand schreiben - ist das Ihrer Ansicht nach auch der Weg für unsere Schülerinnen und Schüler?

Noch einmal: Es kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt man mit welcher Methode einsetzt. Man wird nicht mit dem Computer beginnen. Das wäre fürchterlich, das zeigen die Befunde. Man wird aber vielleicht mit einer nicht-verbundenen Schrift, also einer Druckschrift, anfangen und dann mit dem Computer einsetzen. Und: Die Studien zeigen, dass die Kinder dann selbstständig damit beginnen, die Buchstaben zu verbinden, einfach weil es schneller geht.

Gespräch: Andrea Maiwald, Ö1

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