Standort: science.ORF.at / Meldung: "Auschwitz war in Österreich lange tabu"

Eingangsportal des ehemaligen KZ Auschwitz

Auschwitz war in Österreich lange tabu

Am 27. Jänner jährt sich die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz zum 70. Mal. International gilt es als Symbol für den Holocaust. In Österreich war das Thema lange tabu. Erst langsam begann man mit der Aufarbeitung, lange wurden aber nur die Opfer aus Österreich beachtet, die Täter blieben ausgeblendet.

Zeitgeschichte 22.01.2015

Jahrzehntelang präsentierte sich Österreich in der Gedenkstätte in Auschwitz zudem als "erstes Opfer des Nationalsozialismus". Historiker kritisieren, dass es immer noch an einer auf österreichische Fragen fokussierten Auschwitz-Forschung mangelt.

Rund 11.000 Österreicher ermordet

So ist etwa unklar, wie viele Österreicher überhaupt in Auschwitz ermordet worden sind. In den Sterbebüchern von Auschwitz sind etwas mehr als 1.000 Österreicher verzeichnet. Die meisten der Opfer wurden aber nach ihrer Ankunft direkt in Gaskammern getötet, ohne dass sie namentlich erfasst wurden.

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Einen direkten Transport in das Vernichtungslager gab es nur einmal, am 17. Juli 1942: Rund 1.000 Menschen wurden damals von Wien nach Auschwitz gebracht. Die meisten der Opfer aus Österreich wurden von Ghettos und Lagern oder aus anderen von Deutschland besetzten europäischen Ländern in das Vernichtungslager deportiert. Es wird geschätzt, dass insgesamt über 11.000 Österreich - etwa ein Sechstel aller österreichischen Holocaust-Opfer - in Auschwitz ihren Tod fanden.

Jahrelang kaum thematisiert

Die überwiegende Mehrzahl der in Auschwitz ums Leben gekommenen Österreicher waren Juden, die zweitgrößte Opfergruppe waren Roma und Sinti. Nur sehr wenige Österreicher waren aus politischen Gründen inhaftiert. Einige - wie etwa die Kommunisten Hermann Langbein und Josef Meisel - spielten eine wichtige Rolle im Häftlingswiderstand in der "Kampfgruppe Auschwitz". Unter den Häftlingen befanden sich auch die österreichische Musikerin Alma Rose, die 1944 starb, und die Schriftstellerin Ruth Klüger, die als Kind Auschwitz überlebte.

Nach Kriegsende war das Thema Holocaust lange tabu. Selbst der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt (1962 bis 1965) wurde kaum wahrgenommen. Bis in die 1950er Jahre wurde das KZ Auschwitz in der Öffentlichkeit als Ort des Leidens der politisch Verfolgten und des Widerstandes von Österreichern thematisiert - auch, weil die 1958 ins Leben gerufene "Lagergemeinschaft Auschwitz" deutlich unter kommunistischem Einfluss stand. Die Juden standen als größte Opfergruppe in Auschwitz nicht im Mittelpunkt. Sie wurden unter dem Sammelbegriff "Opfer politischer Verfolgung" eingeordnet.

Teilweise Schonung durch Gerichte

Erst Anfang der 1960er Jahre - ausgelöst durch den Prozess gegen den deutschen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem - wurde Auschwitz in der Öffentlichkeit zu einem Thema. Und bald darauf wurde das Vernichtungslager zum Synonym für die NS-Verbrechen. Die NS-Vergangenheit Österreichs blieb aber umstritten. Als erster österreichischer Politiker besuchte Vizekanzler Bruno Pittermann 1962 Auschwitz.

Auch die gerichtliche Aufarbeitung der Verbrechen in Auschwitz wurde in Österreich nicht gerade intensiv betrieben. In zwei Prozessen wurden 1972 sowohl die Architekten der Gaskammern und Krematorien in Auschwitz-Birkenau, Walter Dejaco und Fritz Ertl, als auch die beiden SS-Unterscharführer und Angehörigen der Wachmannschaft des KZ Auschwitz, Otto Graf und Franz Wunsch, freigesprochen. Weitere Verfahren führten zu milden Urteilen, Freisprüchen und wurden teilweise eingestellt.

Fragwürdige Gedenkstätte seit 1978

Auch dauerte es lange, bis Österreich dem Angebot nachkam, in der Gedenkstätte Auschwitz eine nationale Ausstellung einzurichten: Jedes Land, aus dem Menschen ermordet wurden, konnte in einer Häftlingsbaracke des Stammlagers zum Gedenken eine Ausstellung machen. Erst 1978 - zum 40. Jahrestag des Anschlusses - wurde im Block 17 des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau die österreichische Gedenkstätte eröffnet. In der Ausstellung, die jahrzehntelang unverändert blieb, präsentierte sich Österreich als "erstes Opfer des Nationalsozialismus". Auf einem riesigen Bild im Eingangsbereich marschieren Soldatenstiefel über die rot-weiß-rote Karte Österreichs.

Trotz vielfacher Kritik wurde erst 2005, als zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zahlreiche Staats- und Regierungschefs in der Gedenkstätte erwartet wurden, als Übergangslösung ein Banner mit einem vom Außenministerium akkordierten Text angebracht. "Dieses Geschichtsbild entspricht nicht mehr dem historischen Selbstverständnis des heutigen Österreich", hieß es darauf. 2013 wurden die Schautafeln abmontiert und die Neugestaltung der Ausstellung ausgeschrieben. Im Vorjahr wurde ein Team um den Kurator Hannes Sulzenbacher und den wissenschaftlichen Leiter Albert Lichtblau mit dem Projekt beauftragt. Mit der Eröffnung wird 2017 gerechnet.

science.ORF.at/APA

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