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Gregor Mendel

"Gregor Mendel war kein Fälscher"

Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1865, hat Gregor Mendel eine Studie veröffentlicht, die ihn postum berühmt machen sollte. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Sander Gliboff dekonstruiert in einem Interview einige Mythen, die über den Brünner Mönch und Erbsenzüchter erzählt werden.

Geschichte 06.02.2015

Dass er dereinst Daten gefälscht haben könnte - wie Forscher vermuteten - hält Gliboff für sehr unwahrscheinlich: "Mendel war ein ehrlicher Mann."

Die Revolution im Klostergarten hatte jedenfalls einen leisen Beginn. Der "Vater der Genetik" war weder Darwinist noch wusste er etwas über die Existenz der Gene.

science.ORF.at: Warum ist Mendel heute noch wichtig? Wie sehen Sie seine wissenschaftshistorische Rolle?

Sander Gliboff

Indiana University

Sander Gliboff ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Indiana University. Forschungsinteressen: Geschichte der Biologie (vor allem Genetik und Evolution) sowie die Wissenschaftsgeschichte Deutschlands und Österreichs.

Zu Mendel erschien kürzlich: "The Many Sides of Gregor Mendel", in: Biology Outside the Box: Boundary Crossers and Innovation in Biology, hrsg. v. Michael Dietrich und Oren Harman (University of Chicago Press).

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Sander Gliboff: Es gibt einen Mythos, der Gregor Mendel begleitet: Es heißt, er sei ein Mann gewesen, der seiner Zeit voraus war und im Jahr 1865 die grundlegenden Prinzipien der Genetik entdeckt habe - in dieser Darstellung ist das 20. Jahrhundert einfach eine Fortführung dessen, was Mendel mit seiner Entdeckung angestoßen hat.

Aber die Geschichte ist komplizierter. Mendels historische Leistung besteht darin, zwei unterschiedliche Wege, über Vererbung nachzudenken, zusammengeführt zu haben. Mendel war einerseits Pflanzenzüchter, aber er hat sich dem Thema auch über die Theorie genähert. Ob wir Mendel heute noch lesen müssen, ist für mich nicht so eindeutig. Die Genetik hat sich zur Molekulargenetik weiterentwickelt - sie hat mit Mendels Denken nur mehr wenig zu tun.

Immerhin verdanken wir Mendel die Erkenntnis, dass das Erbgut eine körnige Struktur hat. Es besteht aus Genen, wie wir heute sagen.

Ja, natürlich. Allerdings war Mendel sehr vage, wenn es um die Frage nach dem Aufbau des Erbguts ging. Es ist nicht klar, ob er beim genetischen Material an Partikel dachte. Das ist eine Leseweise, die meiner Meinung nach erst im 20. Jahrhundert entstanden ist.

Das heißt, er war sich der Tragweite seiner Entdeckung gar nicht bewusst?

Ihm war schon klar, was er bei seinen Versuchen an Erbsen herausgefunden hatte. Aber er war nicht sicher, ob das universell gilt. Mendel war ein bescheidener Mann. Über Erbsen wusste er sehr viel, doch er zögerte, diese Erkenntnisse auch auf andere Lebewesen zu übertragen.

1936 schrieb der britische Biomathematiker R. A. Fisher nach der Lektüre von Mendels Erbsenstudie: Die Ergebnisse seien zu schön, um wahr zu sein. Hat Mendel Daten geglättet oder gar gefälscht?

Fishers Argument lautet: Sofern Mendel nicht großes Glück hatte, liegen die Resultate zu nahe an seinen Vorhersagen. Zu dieser Frage wurde mittlerweile ein ganzes Buch veröffentlicht. Man kann Mendel gegenüber diesen Einwand statistisch verteidigen und man kann es auf biografische Weise tun: Mendel war so ehrlich, wie man nur sein kann, und außerdem extrem gewissenhaft.

Angesichts seiner dokumentierten Sorgfalt ist es für mich schwer zu glauben, dass er geschwindelt haben soll. Davon abgesehen: Die Differenz zwischen Mendels Ergebnissen und Fishers Berechnungen ist sehr klein. Es kann ohne weiteres Zufall gewesen sein.

Hat Mendel an die Evolution der Lebewesen geglaubt?

Nicht im modernen Sinne. Mendel hat bei Franz Unger an der Universität Wien Botanik studiert. Und Unger war ein prädarwinscher Evolutionist: Er glaubte an ein idealisiertes Fortschreiten der natürlichen Formen, aber seine Evolution kannte noch keine Selektion. Ich glaube, Mendels Denken glich eher dem von Unger als jenem Darwins.

Hat er Darwin gelesen?

Ja. In der Bibliothek des Brünner Klosters, in dem Mendel lebte, gibt es eine Ausgabe von Darwins "Origin of Species". Darin befinden sich ein paar handschriftliche Anmerkungen, die von Mendel stammen dürften.

Ist bekannt, was er darüber dachte?

Nein. Mendel hat uns nur wenige schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen.

Es gibt eine Geschichte, die besagt: Darwin habe eine Ausgabe von Mendels Erbsenstudie "Versuche über Pflanzen-Hybriden" besessen - sie aber nicht gelesen. Stimmt das?

Nein. Darwin besaß ein Buch über Pflanzenhybride, das Mendel erwähnt, aber diese Arbeit besaß er nicht.

Wissen Sie, wie dieser Mythos entstanden ist?

Die Geschichte steht in vielen historischen Büchern, ich habe keine Ahnung, woher sie stammt.

Jedenfalls ist sie gut erfunden. Denn der späte Darwin war, wie sich herausstellt, kein besonders guter Darwinist. Mit Mendels Arbeit hätte er sich diesen Umweg erspart. Oder?

Das kommt darauf an, was Sie sich von einem guten Darwinisten erwarten. Aber eines ist schon richtig: Darwin entwickelte 1868 eine Vererbungstheorie namens "Pangenesis", die Lamarcks "Vererbung erworbener Eigenschaften" recht nahe kommt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Lektüre von Mendels Arbeit viel an seiner Sichtweise verändert hätte.

Darwin war mit seinem lamarckistischen Ausritt zufrieden?

Er war enttäuscht, dass niemand seine "Pangenesis-Theorie" mochte. Doch er selbst fand sie gut.

Wie wurde Mendels Arbeit rezipiert? Das Papier erschien ja in einer nicht sonderlich bekannten Zeitschrift, nämlich in den "Verhandlungen des Naturforschenden Vereines in Brünn". Haben seine Zeitgenossen überhaupt reagiert?

Seine Studie war nicht so obskur, wie man heute vielfach annimmt. Es gibt Arbeiten aus dieser Zeit - etwa aus den USA, Russland und Schweden, die Mendel zitieren. Allerdings war Mendel damals vor allem in der Landwirtschaft ein Begriff, seine Arbeit wurde wohl von Pflanzenzüchtern gelesen. Die akademischen Botaniker nahmen von ihm erst ab 1900 Notiz.

Man könnte sagen: Die Revolution begann still und leise.

So ist es, man muss allerdings berücksichtigen, wie viele Pflanzenzüchter es damals gab, die die Vererbung untersucht und entsprechende Regeln formuliert hatten. Die Resultate waren widersprüchlich, und es war noch nicht klar, dass sich Mendels Ansatz als der richtige erweisen sollte.

1900 wurden, so heißt es, die Mendel'schen Vererbungsregeln von den Naturforschern Correns, Tschermak und De Vries "wiederentdeckt". Was bedeutet das? Haben die drei die gleichen Versuche unternommen oder seine Arbeit ausgegraben?

In der historischen Literatur ist immer von "Wiederentdeckung" die Rede, aber ich mag den Begriff nicht. Denn die Arbeit ging nicht wirklich verloren. Sie musste nur neu verwendet werden.

Tschermak hat die Vererbungsregeln an Erbsen unabhängig von Mendel entdeckt und war überrascht, in der Bibliothek eine 35 Jahre alte Arbeit zu finden, in der jemand zu den gleichen Ergebnissen gekommen war. Bei den anderen beiden war es umgekehrt. Sie entdeckten zuerst die Studie und bestätigten sie danach durch ihre Versuche.

Mendel soll gesagt haben: "Meine Zeit wird kommen." Richtig?

Keine Ahnung. Das steht in Geschichten, die nach 1900 von Mendel-Biografen in Gesprächen mit seinen Zeitgenossen notiert wurden.

Ein bisschen wie Newtons Apfel: Möglich, aber nicht bewiesen.

Ein bisschen besser. Denn immerhin gab es jemanden, der sich an den Satz erinnert hat. Der Apfel bleibt völlig undokumentiert.

Interview: Robert Czepel

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