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Javier Bardem

Was Männer männlich macht

Wann ist ein Gesicht besonders männlich? Der Wiener Biologe Philipp Mitteröcker kennt die Antwort auf diese Frage: Ein kräftiger Kiefer wirkt ihm zufolge maskulin - allerdings ist die Sache komplizierter als gedacht. Die Grenze zwischen Natur und Kultur erweist sich als unscharf.

Interview 24.02.2015

science.ORF.at: Herr Mitteröcker, wie definieren Sie als Biologe Männlichkeit?

Philipp Mitteröcker: Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Männlichkeit als Wahrnehmung, wenn man so will: als mentales Konstrukt auf der einen Seite und biologischer Männlichkeit auf der anderen. Beide Begriffe werden oft gleichgesetzt – zu Unrecht, wie wir in einer Studie gezeigt haben. Unter biologischer Männlichkeit versteht man im Wesentlichen sekundäre Geschlechtsmerkmale, also Merkmale, die im Mittel zwischen Frauen und Männern unterschiedlich ausgeprägt sind.

Zur Person

Philipp Mitteröcker lehrt und forscht am Department für theoretische Biologie der Universität Wien im Bereich Morphometrie, Anthropologie und evolutionäre Entwicklungsbiologie.

Die Studie

"The Morphometrics of “Masculinity” in Human Faces", Plos One (11.2.105; doi: 10.1371/journal.pone.0118374).

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 24.2.2015, 13:55 Uhr.

Zum Beispiel?

Natürlich der Bartwuchs, aber auch der Wuchs des Unterkiefers. Der Kiefer ist beim Mann massiver, die Augenbrauen sind dicker und stehen tiefer, die relative Größe der Augen ist kleiner. Bei der Frau sind wiederum die Lippen im Durchschnitt dicker.

Welcher Mann verkörpert diese Attribute besonders klar – der spanische Schauspieler Javier Bardem etwa?

Das stimmt, das ist ein gutes Beispiel.

Was haben Sie in Ihrer Studie untersucht?

Wir haben einerseits Gesichter von Männern vermessen und diese Daten statistisch ausgewertet - und außerdem eine Rating-Study durchgeführt: also Probanden befragt, wie männlich sie ein Gesicht einschätzen. Und wir haben gezeigt, dass es zwischen den beiden Konzepten durchaus Unterschiede gibt. Als besonders männlich wahrgenommen wird beispielsweise ein breites Gesicht mit einer breiten Nase sowie ein weiter Augenabstand.

Angenommen, Bart und Frisur wären nicht da bzw. nicht sichtbar: Könnte man in diesem Fall ein Männergesicht immer von einem Frauengesicht unterscheiden?

Wenn auch Textur nicht sichtbar wäre, würde ich sagen: nicht immer. Was die reine Morphologie des Gesichts betrifft, gibt es Überlappungen zwischen Männern und Frauen. Die Unterscheidung ist nicht eindeutig.

Wie wird Männlichkeit in anderen Kulturkreisen wahrgenommen?

Die Ergebnisse von solchen Bewertungsstudien sind in anderen Kulturen recht ähnlich. Dass das so ist, lässt sich durch die Theorie der „honest signals“, also der „ehrlichen Signale“ erklären. Sie besagt: Da sich Testosteron negativ auf das Immunsystem auswirkt, ist Männlichkeit ein Merkmal, das man nicht vortäuschen kann, weil es mit Kosten verbunden ist. Männlichkeit können sich demnach nur jene Männer leisten, die - evolutionär gesehen - tolle Gene haben. Obwohl ich zugeben muss: Ich bin davon nicht hundertprozentig überzeugt.

Die Kultur scheint sich um dieses Prinzip nicht sonderlich zu kümmern. Zumindest waren in den letzten 100 Jahren auch immer wieder androgyne Typen gefragt.

Dahinter steht auch ein Disput der Wissenschaften. Psychologen und Soziologen sind von den biologischen Zugängen zu diesem Thema nicht sonderlich begeistert. Allerdings ist die Idee auch nicht, dass die evolutionsbiologischen Prozesse unsere Wahrnehmung völlig dominieren. Sie haben einen gewissen Einfluss, der sich statistisch erkennen lässt. Dass darüber kulturelle und individuelle Vorlieben liegen, ist ganz klar.

Kann man sagen, wie hoch die Anteile von Kultur und Natur bei diesen Vorlieben sind?

Wir haben in unserer Studie natürlich nicht die gesamten kulturellen Einflüsse erfasst. Aber wir konnten zeigen: etwa 25 Prozent der Variation der wahrgenommenen Männlichkeit gehen auf die reine Gesichtsform zurück. 75 Prozent stammen von anderen Wahrnehmungen.

Und diese 75 Prozent sind die Kultur?

Großteils, aber nicht nur. Da spielen auch Textur und Hautfarbe eine Rolle.

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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