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Ein Schüler löst eine Aufgabe

Lernschwächen werden unterschätzt

Vor Kurzem sind die österreichischen Schulkinder in das zweite Semester gestartet. Nicht allen fällt das Mitlernen gleich leicht, denn Lernschwächen beim Lesen, Rechtschreiben und Rechnen sind weiter verbreitet als man gemeinhin annimmt. Ob ein Kind dennoch eine erfolgreiche Schulzeit verbringen kann, ist zum Großteil Glückssache.

Schule 03.03.2015

Relativ bekannt ist die Legasthenie. Darunter versteht man eine Lese- und Rechtschreibstörung, Kinder - und auch Erwachsene, die unter dieser Störung leiden - haben Probleme, Gesprochenes richtig niederzuschreiben und Geschriebenes zu lesen.

Weniger bekannt ist die Dyskalkulie, die Rechenstörung, bei der der Sinn von Zahlen und Rechenarten nicht oder kaum verstanden wird, wie die auf Lernstörungen spezialisierte Entwicklungspsychologin Karin Landerl von der Universität Graz erklärt: "D.h., nicht nur zu verstehen, dass fünf mehr ist als drei, sondern tatsächlich automatisch zu erfassen, was genau drei oder fünf jetzt eigentlich bedeutet."

Ein bis zwei Kinder in jeder Klasse

Laut Studien wird der Anteil von Menschen mit einer Lese- und Rechtschreib- bzw. Rechenstörung auf vier bis sechs Prozent geschätzt: "Wenn man das umrechnet, sind das statistisch gesehen in jeder Volkschulklasse ein bis zwei Kinder, die von einer Lernschwäche betroffen sind", so die Psychologin.

Der Grund für beide Lernstörungen ist noch nicht restlos geklärt. Einigkeit gibt es nur darin, dass Legasthenie und Dyskalkulie keine Zeichen einer mangelnden Intelligenz sind. Vielmehr könnte es sein, dass das Gehirn der betroffenen Kinder anders arbeitet.

Der Mathematik-Fachmann Michael Gaidoschik von der Universität Klagenfurt, der sich auf Schwierigkeiten beim Rechnen Lernen spezialisiert hat, sieht hingegen einen anderen Grund: "Wir haben sehr viele Hinweise, dass ein großer Anteil von Schwierigkeiten in diesem Bereich darauf zurückzuführen sind, dass der Unterricht nicht so läuft, wie er laufen könnte oder sollte."

Unterschiede: Bundesländer, Schulen, Lehrer

Ob ein Kind dennoch eine glückliche Schulzeit verbringen kann oder schon in der Volksschule mit Frustration oder gar Resignation reagiert, ist auch Glückssache, sagt Entwicklungspsychologin Karin Landerl:

"De facto gibt es zwischen Lehrkräften, zwischen Schulen und auch zwischen Bundesländern sehr große Unterschiede, wie tatsächlich mit der Störung umgegangen wird. In manchen Bundesländern gibt es noch eigene Förderstunden aus dem sonderpädagogischen Fördertopf, in anderen gibt es die bedauerlicherweise nicht."

Aufgabe des Gesundheitswesens?

Letztlich müssen sich in vielen Fällen die Eltern um eine teure private Förderung umschauen. Deshalb plädieren Fachleute schon lange dafür, dass die Betreuung von Lernstörungen - wenn sie nicht an der Schule stattfinden kann - vom Gesundheitswesen bezahlt werden soll - zumal es sich bei Legasthenie und Dyskalkulie um Störungen handelt, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO offiziell anerkannt wurden.

Das Gesundheitsministerium teilt dazu auf Anfrage mit, dass der Begriff "Lernstörung" bei weitem zu allgemein sei, um daraus eine Verpflichtung der gesetzlichen Krankenversicherung ableiten zu können. Das Bildungsministerium verweist auf Fortbildung und Sensibilisierung von Lehrerinnen und Lehrern sowie schulpsychologische Bildungsberatung, durch die Kinder mit Lernschwächen aufgefangen werden sollen.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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